Textlinguistik

Textdefinitionen bei HELBIG (1986)

G. Helbig. Entwicklung der Sprachwissenschaft seit 1970. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut, 1986, 158f.

"... Ein entscheidendes Problem der Textlinguistik besteht in dem Nachweis, worin diese Kohärenz besteht, d.h. unter welchen Bedingungen bestimmte Folgen von Sätzen zu kohärenten Folgen von Sätzen (also: zu Texten) werden. Gerade in dieser Frage unterscheiden sich die verschiedenen Textdefinitionen, von denen (als Beispiele) auf folgende hingewiesen sei:

(a) Der Text ist eine "Folge von Sätzen", die durch Vertextungsmittel miteinander verknüpft sind (so ISENBERG, 1968, I - 4ff.).

(b) Ein Text ist ein durch ununterbrochene pronominale Verkettung konstituiertes Nacheinander sprachlicher Einheiten (so HARWEG, 1968, 148).

(c) Der Text konstitutiert sich durch Referenzidentität, d.h. durch gemeinsame Koreferenz von Oberflächenkonstituenten (so STEINITZ, 1968, II - 1ff.).

(d) Der Text ist eine sinnvoll (Semantik) und zweckvoll (Pragmatik) geordnete Menge von Sätzen, zwischen denen Relationen mit Bedeutungen und Funktionen bestehen, d.h. eine strukturierte Gesamtheit, die als eine relativ abgeschlossene linguistische Einheit einen komplexen Sachverhalt im Bewußtsein widerspiegelt. (so PFÜTZE 1970a, 79; PFÜTZE 1970b, 7).

(e) Der Text ist eine geordnete Menge von Sätzen, die zusammen ein Thema bilden (so AGRICOLA, 1969, 31).

(f) Der Text ist eine lineare Folge von sprachlichen Sätzen, die mit bestimmten Mitteln verknüpft und in bestimmter Weise geordnet sind. Es ist eine Sequenz von sprachlichen Sätzen, die zum Teil grammatisch verknüpft sind, in jedem Falle aber durch semantische Äquivalenz und durch implizite allgemein-logische Konnexion (so s, 88).

(g) Der Text ist eine vom Expedienten als thematische Einheit beabsichtigte und durch die kontinuierliche Produktion als solche Einheit gekennzeichnete lineare Folge von Textemen, die grammatisch und/oder durch Wiederaufnahme mittels eines Netzes expliziter semantischer Äquivalenzen und impliziter logischer Konnektoren verknüpft und nach extralinguistischen Regeln der Abwicklung eines Themas geordnet sind (so GORETZKI/HAFTKA/HEIDOLPH/ISENBERG/AGRICOLA, 1971, 165).

(h) Der Text ist eine kohärente Folge von diktiven Handlungen, eine zeitliche Abfolge von kommunikativen Handlungen, bei deren Vollzug Sätze gebildet werden (so ISENBERG 1976, 130; ISENBERG 1977, 143).

(i) Der Text ist - als Resultat der kommunikativen Tätigkeit des Menschen - ein komplexes sprachliches Zeichen, eine nach einem Handlungsplan erfolgte und durch die Regeln des Sprachsystems realisierte Zuordnung von Bewußtseinsinhalten und Lautfolgen (so VIEHWEGER, 1976, 197; VIEHWEGER, 1977, 107).

(k) Der Text ist der sprachlich manifeste Teil der Äußerung in einem Kommunikationsakt (so GROSSE, 1976, 13).

(l) Der Text ist das Realisat eines Kommunikations- oder Interaktionstyps, ist die konkrete Realisierung der Struktur "Textualität" in einem bestimmten Kommunikationsmedium, ist der geäußerte sprachliche Bestandteil eines Kommunikationsakts, der thematisch orientiert ist und eine erkennbare kommunikative Funktion erfüllt, d.h. ein erkennbares Illokutionspotential hat (so S.J. SCHMIDT, 1973a, 145ff.).

(m) Der Text ist eine kommunikative, d.h. illokutive und thematische, sprachliche Einheit, das sprachliche Korrelat eines Kommunikationsaktes im Kommunikationsprozeß, ist immer eine kommunikative Einheit, eine thematische Einheit, die im Kommunikationsprozeß eine illokutive Funktion erfüllt (so ROSENGREN, 1980, 275f.)."

Quellen
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(1968)
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Harweg, R. Pronomina und Textkonstitution. München 1968.
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Steinitz, R. Nominale Pro-Formen. In: ASG-Bericht Nr.2. Berlin 1968.
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(1970b)
Pfütze, M. Grundgedanken zu einer funktionalen Textlinguistik. In: Textlinguistik I, Dresden 1970.
AGRICOLA
(1969)
Agricola, E. Semantische Beziehungen im Text und im System. Halle 1969.
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Agricola, E. Textstruktur aus linguistischer Sicht. In: Wiss. Ztschr. D. Päd. Hochsch. Erfurt/Mühlhausen. GSR. - (1970)2.
GORETZKI u.a.
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Goretzki, B., Haftka, B., Heidolph, K.-E., Isenberg, H., Agricola, E. Aspekte der linguistischen Behandlung von Texten. In: Textlinguistik 2, Dresden 1971.
ISENBERG
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Isenberg, H. Einige Grundbegriffe für eine linguistische Texttheorie. In: Danes, F., Viehweger, D. (Hrsg.). Probleme der Textgrammatik. Studia grammatica XI. Berlin: Akademieverlag, 1976, 47 -145.
ISENBERG
(1977)
Isenberg, H. Text vs. Satz. In: Danes, F., Viehweger, D. (Hrsg.). Probleme der Textgrammatik II. Studia grammatica XVIII. Berlin: Akademieverlag, 1977, 119 - 146.
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(1976)
Viehweger, D. Semantische Merkmale und Textstruktur.In: Danes, F., Viehweger, D. (Hrsg.). Probleme der Textgrammatik. Studia grammatica XI. Berlin: Akademieverlag, 1976, 195ff.
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(1977)
Viehweger, D. Zur semantischen Struktur der Textes. In: Danes, F., Viehweger, D. (Hrsg.). Probleme der Textgrammatik II. Studia grammatica XVIII. Berlin: Akademieverlag, 1977, 103ff.
GROSSE
(1976)
Grosse, E.U. Text und Kommunikation. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz, 1976.
S.J. SCHMIDT
(1973a)
Schmidt, S.J. Texttheorie. München: Fink, 1973.
ROSENGREN
(1980)
Rosengren, I. Texttheorie. In: Althaus, P., Henne, H., Wiegand, H.-E. (Hrsg.). Lexikon der germanistischen Linguistik. Tübingen 1980, 275 - 286.


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Letzte Aktualisierung: 20.10.2008 21:08