Textlinguistik/Gesprächsanalyse

Detaillierte Sequenzanalyse (nach DEPPERMANN, 2001, 55ff.)

Analysegesichtspunkte für die detaillierte Sequenzanalyse sind nach DEPPERMANN (a.a.O., 55ff.) die folgenden :

  1. Paraphrase und Handlungsbeschreibung
  2. Äußerungsgestaltung und Formulierungssynamik
  3. Timing
  4. Kontextanalyse
  5. Folgeerwartungen
  6. Interaktive Konsequenzen
  7. Sequenzmuster und Makroprozesse

I. Paraphrase und Handlungsbeschreibung

Die Paraphrase dient der Themenbeschreibung ("Worum geht es?") und die Handlungsbeschreibung der vorläufigen Feststellung der Funktion einzelner Aussagen ("Was tut der Sprecher, wenn er das äußert?").
Es ist davor zu warnen, dass im Folgenden nur noch mit den Paraphrasen gearbeitet wird, sie zum Analysegegenstand werden. Gegenstand sind immer die Aussagen der Beteiligten, zumal die Paraphrasen - wie im Übrigen auch die Handlungsbeschreibungen vorläufigen Charakter tragen.
Die Paraphrasierung kann durch semantische Analysen vertieft werden. Die Entscheidung darüber, ob und wie tief die semantische Explikation sein soll, hängt vom Untersuchungsinteresse bzw. -ziel ab.

"Fragen zur Paraphrasierung und Handlungsbeschreibung

  • Worum geht es in der Gesprächspassage?
  • Wer spricht worüber?
  • Worauf beziehen sich die einzelnen Ausdrücke? Über welche Ereignisse, Personen, Sachverhalte, Zeiten, Orte etc. wird gesprochen?
  • Welche Ausdrücke und Bezüge bleiben unverständlich, vage, mehrdeutig?
  • Warum wird nicht expliziter gesprochen? Welche Gründe, Funktionen und Konsequenzen kann das haben?
  • Wozu dienen die Äußerungen der Gesprächsteilnehmer? Welche Art von sprachlicher Handlung wird vollzogen? Mit welchen Aufgaben oder Anforderungen befassen sich die Interaktanten?"

(DEPPERMANN, 2001, 56)

II. Äußerungsgestaltung und Formulierungssynamik

"Fragen zur linguistischen Beschreibung

  • Welche linguistischen Merkmale kennzeichnen die Äußerungen? Welche Merkmale und Formen sind besonders auffällig?
  • Wie verhalten sich die Merkmale zueinander? Ergänzen, unterstützen, widersprechen, verdeutlichen sie einander?
  • In welchem Verhältnis stehen die prosodischen zu den verbalen Äußerungseigenschaften?
  • In welchem Verhältnis stehen vokale und nonvokale Kommunikation?
  • (Wann) verändern sich linguistische Parameter bei den Sprechern im Gesprächsverlauf? Wie unterscheiden sich die beteiligten Sprecher?

Bei jeder Frage ist zu beachten,

  • wann und bei welchen Äußerungsinhalten und Handlungen (...) die Merkmale auftreten und was sie zu ihrer Bestimmung beitragen,
  • welche Bedeutung sie für die Beziehungsgestaltung, Selbstdarstellung, Bewertung von Handlungen und Aussagen, die emotionale Beteiligung und Verteilung der Rederechte haben können.

(...) Fragen zur Formulierungsdynamik

  • Aus welchen Beitragskonstruktionseinheiten besteht die Äußerung?
  • In welche Teile wird der Beitrag durch sie gegliedert? Gibt es eine systematische Eröffnung und einen systematischen Abschluß?
  • Nach welchen Prinzipien folgen sie aufeinander?
  • Ist der Beitrag durch Stockungen, Wiederholungen, Formulierungsprobleme, Selbst-Korrekturen o.ä. gekennzeichnet?
  • Welche Position innerhalb des Beitrags nimmt ein fokales Element ein? Welche besondere Funktion kann diese Position haben?"

DEPPERMANN, 60f.

III Timing

"Fragen zum Timing von Aktivitäten

  • Wer spricht wann? Wer folgt auf wen?
  • Finden parallele Gespräche statt, und in welchem Verhältnis stehen sie zueinander (unabhängig, einander beobachtend, offziell-inoffiziell etc.)?
  • Nach welchen Prinzipien wird der Sprecherwechsel organisiert?
  • Haben ale Beteiligte prinzipiell gleiche Rederechte?
  • Gibt es Passagen, in denen parallel gesprochen wird? Wann beginnen sie, wie werden sie beendet? Werden sie als problematisch oder als bestätigend behandelt?
  • Wann entsteht Schweigen, wie wird es aufgelöst und interpretiert?
  • In welchen zeitlichen Bezügen stehen vokale und nonvokale Kommunikation, welche Funktionen haben sie füreinander?"

DEPPERMANN, 62.

IV Kontextanalyse

"Fragen zur Kontextanalyse

  • Bestehen kohäsive Relationen zwischen Äußerungen, und welcher Art sind sie (z.B. Pronominalisierung, Wiederholung, lexikalische Ersetzung)?
  • Welche Kohärenzverhältnisse bestehen zwischen Äußerungen? Wodurch werden sie hergestellt? Werden sie explizit gemacht oder nur angedeutet, insinuiert, offen gelassen etc.? Welche Wissensvoraussetzungen sind notwendig, um diese Kohärenzen herzustellen?
  • Welche Merkmale der Äußerungsgestaltung sind Kontextualisierungshinweise? Was wird als relevanter Kontext aufgerufen?
  • Was geht der fokalen Äußerung bzw. Sequenz voran? Wer spricht vorher?
  • Welcher Art ist das Vorangegangene, und inwiefern schafft es (notwendige, günstige) Voraussetzungen für die fokale Äußerung?
  • An welche Äußerung knüpft die fokale Äußerung an, und welches Verhältnis wird zu ihr hergestellt? (Wie) ist die fokale Äußerung auf die Eigenschaften der vorangegangenen Äußerung zugeschnitten?
  • Wann wird welcher Kontext eingeführt oder aufgegeben? Was könnte zu Kontextwechseln Anlaß gegeben haben, und welche Funktion hat die Einführung neuer Kontexte?
  • Werden intertextuelle Bezüge hergestellt? Auf welche Aspekte des Bezugs- bzw. Ursprungskontextes bezieht sich der Verweis, und wie wird mit diesen Aspekten umgegangen? Welcher Art ist der Verweis (ironisch, als Autorität zitierend, verulkend)?
  • Wie tiefgreifend sind Kontextveränderungen, die sich im Gesprächsverlauf entwickeln? Betreffen sie nur oberflächlichere Aspekte oder grundlegende (Beziehungs-)Qualitäten?
  • Sind Kontextwechsel funktional miteinander verknüpft? (Welche Rolle spielen z.B. Klatschsequenzen in Geschäftsbesprechungen?)
  • Teilen Gesprächspartenr kontextbezogene Annahmen? Rivalisieren sie um die Definition des relevanten Kontextes? Reden Sie aneinander vorbei, da sie von unterschiedlichen Situationsauffassungen ausgehen? Werden Kontextannahmen einseitig durchgesetzt, ausgehandelt oder dezidiert vage gehalten?"

DEPPERMANN, 67.

V Folgeerwartungen

"Fragen zu Folgeerwartungen

  • Welche Folgeerwartungen sind mit einer fokalen Äußerung verbunden? Schafft sie eine spezifische konditionelle Relevanz? Erlegt sie dem nächsten Sprecher Handlungszwänge auf?
  • Welche Anschlußmöglichkeiten bestehen nach der fokalen Äußerung? Für welche Aspekte der Anschlußhandlung schafft die fokale Äußerung Erwartungen, welche Aspekte sind nicht festgelegt?
  • Welcher Art sind die präferierten und die dispräferierten Anschlüsse?
  • (Wie) zeigt der Folgesprecher an, daß er sich durch die vorangegangene Äußerung vor bestimmte Erwartungen an seinen Beitrag gestellt sieht?
  • (Wie) gibt der Sprecher der fokalen Äußerung zu erkennen, welche Erwartungen er an den Folgesprecher (allgemein: an seine Rezipienten) richtet? Zeigt der Sprecher im weiteren Gesprächsverlauf, welcher Art seine Erwartungen an die Folgesprecher gewesen sind?
  • Welche Verpflichtungen geht der Sprecher mit seiner Äußerung ein?

DEPPERMANN, 70.

VI Interaktive Konsequenzen

"Fragen zu interaktiven Konsequenzen

Fragen zur Beitragsfortsetzung

  • Vereindeutigen spätere Beitragselemente die Interpretation früherer? Führen sie zu Modifikationen, Korrekturen und Klärungen?
  • Welche Funktion haben die späteren Elemente für die früheren

Fragen zur zweiten Position:

  • Wie reagieren folgende Sptrecher auf vorangegangene Beiträge? Geben sie zu erkennen, wie sie den Vorgängerbeitrag interpretieren, und wenn ja, welcher Art ist die Interpretation?
  • Wie wird die Interpretation vorangegangener Beiträge angezeigt? Wie eindeutig, explizit, interpretationsoffen etc. ist die Reaktion? Auf welche (möglichen) Bedeutungsaspekte der Vorgängeräußerung bezieht sie sich, welche behandelt sie nicht? Werden Fragen der Verständnissicherung explizit angesprochen?
  • (Wie) berücksichtigen Interaktanten Partneräußerungen? (Wie) bauen sie auf ihnen auf, (wie) integrieren sie sie in eigene Äußerungen?
  • Akzeptieren Folgesprecher vorangegangene Beiträge? Stimmen sie dem Vorangegangenen zu? Initiieren sie eine Korrektur des vorangegangenen Beitrags oder nehmen sie selbst eine vor?
  • Geben sie zu erkennen, daß sie sich vor bestimmten Erwartungen an ihre Reaktion gestellt sehen, und wie gehen sie mit diesen Erwartungen um? Läßt sich erkennen, daß sich die Interaktanten an einer bestimmten Präferenzordnung orientieren?
  • Welchem Interpretationsprinzip, welcher Regel folgt die Reaktion?

Fragen zur dritten Position:

  • Zeigt der Produzent der fokalen Äußerung an, wie er die Reaktion seines Gesprächspartners verstanden hat und ob er mit ihr einverstanden ist?
  • Verdeutlicht, korrigiert, begründet etc. der Produzent des fokalen Elements dessen Bedeutung?
  • Die Fragen zur zweiten Position sind sinngemäß auf das Verhältnis der dritten Position zur zweiten und zum fokalen Element zu übertragen.

Fragen zum weiteren Aushandlungsprozeß:

  • Über welche Schritte verlaufen Aushandlungen von Bedeutungen, Handlungsproblemen oder Ansichten?
  • Wann kommt es zu Rückbezügen und Neuinterpretationen? Wie sind sie motiviert? Wird explizit auf frühere Aushandlungen Bezug genommen?
  • BIldet sich eine spezifische Prozeßgestalt der Bedeutungskonstitution, ein übergreifendes Muster heraus? Welche dynamischen Prinzipien liegen dem Muster zugrunde?
  • Welcher Art sind die Resultate von Aushandlungsprozessen? Werden sie fixiert, oder bleiben sie implizit?"

DEPPERMANN, 74f.

VII Sequenzmuster und Makroprozesse

"Fragen zu Sequenzmustern

  • Wann beginnt, wann endet ein Aktivitätskomplex? (Wie) werden die Grenzen zu vorangehenden und folgenden Aktivitäten markiert?
  • Mit welchen Teilaktivitäten wird eine Interaktionsaufgabe bearbeitet, was tragen sie zur Aufgabenbewältigung bei? Bilden sie ein Sequenzmuster, aus welchen Positionen besteht es, und wie hängen diese zusammen?
  • Von wem werden die einzelnen Positionen realisiert? Welche Voraussetzungen müssen die Sprecher dazu erfüllen? Welche Beteiligungsrechte und -pflichten haben die Gesprächsteilnehmer? Wer initiiert Aktivitätskomplexe? Wer bestimmt, welche Schritte zu vollziehen sind und ob Abweichungen stattfinden (können)? Werden Aktivitätsphasen einseitig oder kooperativ (etwa durch Ratifikationen) getragen.
  • Wie starr oder flexibel ist das Muster? Gibt es Prä-, Post-, Einschub- oder Nebensequenzen? Welche Funktionen haben sie? Wer initiiert sie?
  • Wenn ein fokales Element an verschiedenen Musterpositionen untersucht wird: In welchen Positionen kommt es vor? Wie wird es jeweils realisiert? Welche Funktion hat es jeweils?

(...) Fragen zu Makroprozessen

  • Bildet sich im Gesprächsverlauf ene makroprozessuale Gestalt heraus?
  • Welches dynamische Prinzip liegt der makroprozessualen Entwicklung zugrunde? Läßt es sich als rekursive Erzeugungsregel formulieren?
  • Wo setzt die Prozeßdynamik ein, wo endet sie? Über welche Stufen verläuft sie? Gibt es Schübe, Entscheidungs- und Wendepunkte im Prozeß?

DEPPERMANN, 78.

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Letzte Aktualisierung: 19.06.2011 3:25 PM