Textlinguistik/Gesprächsanalyse

Definition von "Kontext" und "Kontextualisierung"

Metzler-Lexikon Sprache. Hrsg. V. H. Glück. Stuttgart, Weimar: Metzler, 2000, 371f.

Kontext
Kontext (lat. contextus >Zusammenhang<. Engl. context, frz. contexte)

1. Situativer Äußerungskontext (situativer K.; --->Situationskontext, (!)Situationsmerkmal) oder sprachl. Umgebung (sprachl. K.) von ling. Einheiten. Mit dem Studium von Äußerungskontexten befaßt sich die Pragmalinguistik; --->Kommunikation. Üblicherweise wird der sprachl. Kontext (auch: --->Kotext) oberhalb der Satzkategorie angesiedelt, um nicht das Gesamtgebiet der Syntax unter den Begriff K. subsumieren zu müssen. Als wesentliche Bereiche von K. gelten (a) die sprachl. Mittel, mit denen eine Äußerung in einer konkreten Situation lokalisiert wird (indexikal. Ausdrücke zur Identifikation von Sprecher, Angesprochenem, Zeit und Ort, Referenzobjekten usw.). d.h. Mittel der --->Deixis (--->Lokaldeixis, --->Personaldeixis, --->Temporaldeixis). (b) die sprachl. Mittel, die eine Äußerung zu einem --->Text machen, z.B. (!)Pronominalisierungen ((!)Isotopie, --->Kohäsion) und andere --->Pro-Formen, --->anaphorische und (!)kataphorische Ausdrücke, Mittel der (!)Textphorik, der --->Thema-Rhema-Gliederung, der --->thematischen Progression und der --->Kontextualisierung, (c) nichtverbale Mittel wie --->Gestik und --->Mimik, (d) alle außersprachl. Merkmale der Kommunikationssituation (z.B. Alter, Geschlecht, Beruf, Bildungsgrad, Vorwissen usw. der Interagierenden, ihre Beziehungen untereinander, äußere Umstände wie Ort und Zeit usw.). Es ist tunlich, v. a. bei den nonverbalen (c) und au-ßersprachl. (d) K.faktoren danach zu fragen, ob und in welchem Maße sie den Kommunikationsprozeß systemat. steuern und sie damit abzugrenzen von der erfahrbaren Welt insgesamt.

2. In der Syntaxforschung (--->Phrasenstrukturgrammatik) wird unterschieden zwischen --->kontextfreien und --->kontextsensitiven Regeln. Ersetzungsregeln der Form xay --- xby heißen --->kontextfrei, wenn x und y leere Ketten sind, a also in jeder Umgebung durch b ersetzt werden kann. Sie heißen kontextsensitiv, wenn x und/oder y keine leeren Ketten sind und a durch b nur ersetzt werden kann, wenn die passenden K.bedingungen gegeben sind.

3. In der --->intensionalen Logik gelten als K. oder --->Index eines Satzes die Bedingungen, die seinen Wahrheitswert determinieren.

4. In der --->Textlinguistik (J. Petöfi) wurde differenziert zwischen textinternem sprachl. --->Kotext, der einer Textstelle vorausgeht oder folgt und textexternem, situationalem K.

5. Im --->Kontextualismus wird K. als zentrales Moment sprachl. Kommunikation überhaupt aufgefaßt und entsprechend hoch bewertet.

Lit. J. Petöfi, Probleme der kontextuellen Analyse von Texten. In: J. Ihwe (Hg.), Literaturwiss. und Ling. Ergebnisse und Perspektiven. 3 Bde. Firn. 1971, 1972, Bd. l, 173-212. - P. R. Lutzeier, Der "Aspekt" Welt als Einstieg zu einem nützl. K.begriff für eine natürl. Spr. Diss. Stgt. 1974. - D. Schiffren, Dis-covering the Context of an Utterance. Linguistics 25, 1987, 11-32.

Kontextualisierung.
Kontextualisierung (engl. contextualization) "Der Gebrauch, den Sprecher und Hörer von verbalen und nonverbalen Zeichen machen, um das, was zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort gesagt wird, mit Wissen, das durch vergangene Erfahrung erworben wurde, in Beziehung zu setzen" (Gumperz 1982, 230). Diese Beziehung wird durch Kontextualisierungshinweise (contextualization cues) ausgedrückt, die vor allem prosod. oder paralinguist. Art sind oder sich dem "code switch" oder einer spezif. Auswahl phonet., phonolog. oder morphosyntakt. Formen oder auch bestimmter lexikal. Formen oder formelhafter Ausdrücke verdanken. Dieses von Gumperz entwickelte Konzept versteht sich als integrativer Grundlagen-Beitrag jenseits der methodolog. Diskussionen zwischen unterschiedl. Anlayse-richtungen von --->Diskursen, indem er auf den On-line-Charakter des konversationellen Schließens und den in der Konversation selbst je neu "interaktiv, also letztlich gesellschaftlich" (Gumperz 1982, S. 230) hergestellten Charakter von Annahmen der Interaktanten über die Konversation verweist.

Lit. J. Gumperz, Discourse Strategies. Cambridge 1982, - J. Gumperz, Contextualization and Understanding. In: A. Duranti & Ch. Goodwin (Hgg.), Rethinking Context. Cambridge 1982, 228-252. - P. Auer & A. di Luzio (eds.), The Contextualization of Language. Amsterdam 1992.

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Letzte Aktualisierung: 01.04.2012 9:39 AM