Textlinguistik/Gesprächsanalyse

Exzerpte: Ethnomethodologie

Stichwort: Ethnomethodologie

"... Forschungsansatz, der die grundlegenden formalen Methoden (Basisregeln) aufzudecken versucht, die die Gesellschaftsmitglieder bei ihren alltäglichen Handlungen anwenden, um Ereignisse und Handlungen zu interpretieren, d.h. ihnen Sinn zu verleihen. In der Sichtweise der Ethnomethodologie gibt es keine 'objektive Wirklichkeit' außerhalb der der Handlungen der Gesellschaftsmitglieder. (...)
Während die Sozialphänomenologie in der Tradition von A. Schütz darum bemüht ist, die Strukturen des unter den Gesellschaftsmitgliedern geteilten Wissens zu beschreiben, zu analysieren und zu klassifizieren (was wissen die sozialen Akteure?), befaßt sich die Ethnomethodologie mit den hierbei eingesetzten Methoden der Gesellschaftsmitglieder (wie wissen die Akteure, was sie wissen, und wie verwenden sie das, was sie wissen?). Die Gesellschaftsmitglieder wissen zwar, wie man eine soziale Situation erkennt und identifiziert (typisiert) - sie verfügen also über ein praktisches Wissen -, aber sie haben kein explizites Bewußtsein davon, wie dieser Typisierungsprozeß ausgeführt wird. Dies ist Untersuchungsgegenstand der Ethnomethodologie. Aus der Beobachtung und Beschreibung spezifischer Ereignisse und Handlungsvollzüge sollen die formalen Strukturen von Alltagshandlungen identifiziert werden."
(Peuckert, R. Stichwort "Soziologische Theorien. In: Schäfers, B. (Hrsg.). Grundbegriffe der Soziologie. 4. verb. u. erw. Aufl. Opladen: Leske + Budrich, 1995, 332).

"Kritisch angemerkt wird, daß sich die Ethnomethodologie bisher im wesentlichen in der mikroskopischen Beschreibung alltäglicher Interaktionen und deren Sinnhaftigkeit erschöpfe und von einer Aufdeckung der Basisregeln noch weit entfernt sei. Weitere Einwände beziehen sich auf das Fehlen einer Gesellschaftstheorie, die Fixierung auf formale Strukturen sozialer Handlungen und die damit verbundene unhistorische Sichtweise von Gesellschaft."
(Peuckert, R. Stichwort "Soziologische Theorien. In: Schäfers, B. (Hrsg.). Grundbegriffe der Soziologie. 4. verb. u. erw. Aufl. Opladen: Leske + Budrich, 1995, 333).

Stichwort "Ethnomethodologische Konversationsanalyse"

"Konversationsanalyse (= KA) bezeichnet einen Untersuchungsansatz, dessen Ziel es ist, durch eine strikt empirische Analyse 'natürlicher' Interaktion die formalen Prinzipien und Mechanismen zu bestimmen, mittels derer die Teilnehmer an einem sozialen Geschehen ihr eigenes Handeln, das Handeln anderer und die aktuelle Handlungssituation in ihrem Tun sinnhaft strukturieren, koordinieren und ordnen. Der KA geht es um die formalen Verfahren, um die 'Ethno-Methoden', welche die Interagierenden lokal einsetzen, um den für ihr Handeln relevanten Kontext zu analysieren, die Äußerungen ihrer Handlungspartner zu interpretieren und die Verständlichkeit; Angemessenheit und Wirksamkeit ihrer eigenen Äußerungen zu produzieren. Die KA beschäftigt sich, kurz gesagt, mit den kommunikativen Prinzipien der (Re-)Produktion von sozialer Ordnung in der situierten sprachlichen und nichtsprachlichen Interaktion."
(Bergmann, J.R. Ethnomethodologische Konversationsanalyse. In: Fritz, G., Hundsnurscher, F. (Hrsg.). Handbuch der Dialoganalyse. Tübingen: Niemeyer, 1994, 3)


Stichwort: Entwicklungsgeschichte der ethnomethodologischen Konversationsanalyse

"Die KA hat sich in den 60er und 70er Jahren als eigene soziologische Forschungsrichtung aus der von Harold Garfinkel (1967) gegründeten Ethnomethodologie entwickelt (Bergmann 1981). Für das theoretische und methodische Verständnis der KA ist die Ethnomethodologie bis heute bestimmend (Heritage, 1984). Einfluß auf die Entstehung der KA haben jedoch auch die interaktionsanalytischen Arbeiten Erving Goffmans (Goffman 1981; Bergmann 1991a), die kognitive Anthropologie, die Ethnographie des Sprechens sowie die Philosophie des späten Wittgensteins ausgeübt. Von grundlegender Bedeutung für die Konzeptualisierung der KA waren die Arbeiten von Harvey Sacks, insbesondere dessen 'Lectures', die von 1964 bis 1972 an verschiedenen kalifornischen Universitäten gehalten wurden und die, nachdem sie lange Zeit nur in Form von Tonbandmitschnitten zirkulierten, jetzt in editierte Form zugänglich sind (Sacks 1989, 1992). Neben den paradigmatischen Arbeiten von Harvey Sacks waren es vor allem die Studien von Emanuel Schegloff (1968) und Gail Jefferson (1972), die der frühen KA ihr Profil verschafften."
(Bergmann, J.R. Ethnomethodologische Konversationsanalyse. In: Fritz, G., Hundsnurscher, F. (Hrsg.). Handbuch der Dialoganalyse. Tübingen: Niemeyer, 1994, 4)


Stichwort: Prämissen ethnomethodologischer Konversationsanalyse

"Entsprechend ihrer ethnomethodologischen Grundhaltung geht die KA von der Prämisse aus, daß die Handelnden das, was sie im alltäglichen Handeln als vorgegebene soziale Tatsachen, als unabhängig von ihrem Zutun existierende Realität wahrnehmen und behandeln, erst in ihren Handlungen und Wahrnehmungen als solche hervorbringen. Gesellschaftliche Tatbestände erhalten ihren Wirklichkeitscharakter ausschließlich über die zwischen den Menschen ablaufenden Interaktionen. Erst in der sozialen Interaktion stellt sich die Objektivität von 'objektiv' wahrgenommenen Ereignissen, die Faktizität von 'faktisch' geltenden Sachverhalten her. Gesellschaftliche Wirklichkeit wird von Garfinkel verstanden als eine Vollzugswirklichkeit, d.h. als eine Wirklichkeit, die von den Interagierenden 'lokal' hervorgebracht und intersubjektiv ratifiziert wird. Dieser Vorgang der sinnvermittelten Wirklichkeitserzeugung kann, da alle kompetenten Gesellschaftsmitglieder an ihm teilhaben, nicht in subjektiv beliebiger Manier ablaufen, er erfolgt vielmehr m e t h o d i s c h, was bedeutet: er weist einzelne formale und als solche beschreibbare Strukturmerkmale auf. Dazu zählen:

  1. Was von den Handelnden als soziale Tatsache hingenommen wird, ist nicht ein für allemal fixiert; Wirklichkeit ist ein Geschehen in der Zeit und damit transformierbar und fragil. Die Handelnden stehen vor der Aufgabe, ihre Wirklichkeitsdefinitionen in der aktuellen Interaktion aufeinander abzustimmen und durch entsprechende Markierungsleistungen fortlaufend zu bestätigen bzw. auf Modifikationen hinzuweisen.
  2. Im Vollzug von Handlungen setzen die Akteure Techniken und Verfahren ein, um eben diese Handlungen als sinnvoll und vernünftig erscheinen zu lassen. Mittels dieser Techniken werden Handlungen noch während ihrer Ausführung identifizierbar, verstehbar, beschreibbar, erklärbar, "accountable" (Garfinkel 1967) gemacht. D.h., der Vorgang der sinnvermittelten Konstruktion von Wirklichkeit wird in der Ethnomethodologie als eine interaktive Leistung konzipiert, die in der Ausführung und Koordination szenischer Praktiken besteht.
  3. Dieser Sinngebungsprozeß ist seinem Wesen nach reflexiv, da die Handlung durch den dargestellten Sinn erklärbar und - umgekehrt - der Sinn durch die vollzogene Handlung bestätigt wird. Die in einer Handlung erkennbar mitlaufende Wirklichkeitsdefinition sorgt ihrerseits dafür, daß diese Handlung als situationsangemessen, nachvollziehbar und rational erscheint. Die Praktiken der Sinngenerierung strukturieren eine Handlung nicht von außen, sondern sind ein konstitutiver Bestandteil jenes Geschehens, auf dessen sinnhafte Ordnung sie gerichtet sind.
  4. Interaktionsabläufe und Verstehensvorgänge in alltäglichen Handlungssituationen sind durch eine spezifische Zeitökonomie gekennzeichnet. Handelnde werden im Alltag von pragmatischen Handlungsmotiven geleitet und können die Voraussetzungen und Implikationen ihrer Entscheidungen immer nur in sehr begrenztem Maße im vorhinein abklären. Die Methoden der alltäglich-praktischen Sinnkonstruktion fungieren in dieser Situation als ökonomisierende Abkürzungsverfahren. Sie dienen dazu, unter prinzipiell unklaren Entscheidungsbedingungen rationales, d.h. angemessenes, vernünftiges, effizientes Handeln zu ermöglichen.
  5. Die interaktive Erzeugung von sozialer Ordnung ist unausweichlich ein Prozeß der l o k a l e n Produktion, d.h., sie ereignet sich immer unter spezifischen situativen, kontextuellen Bedingungen. Die Handlungen und Interpretationen der Akteure sind prinzipiell auf diese kontextuellen Bedingungen bezogen, sie spiegeln in ihrer Ausführungsweise diese kontextuelle Orientierung wider - auf der sprachlichen Ebene etwa durch deiktische Elemente. Durch diese Situierung erhalten alle Äußerungen unvermeidlich einen "indexalen" Charakter. Das aber bedeutet, daß vieles von dem was ein Sprecher meint, in dem, was er faktisch sagt, unausgesprochen bleibt und nur als bloßer Verweisungshorizont präsent ist. Äußerungen sind immer im höchsten Maße voraussetzungsreich (Goffman 1983) und deshalb für einen Außenstehenden in vielerlei Hinsicht intransparent. Für einen wissenschaftlichen Beobachter mag dies ein Ärgernis sein, für die Interaktionsteilnehmer dagegen sind die kontextuellen Bezüge der Äußerungen ihrer Handlungspartner unverzichtbare Interpretationsressourcen. Wird soziale Interaktion nur als Ausführung von Verhaltensmustern (Rollen etc.) konzipiert, wird ihr lokal produzierter, situierter Charakter ignoriert."
    (Bergmann, J.R. Ethnomethodologische Konversationsanalyse. In: Fritz, G., Hundsnurscher, F. (Hrsg.). Handbuch der Dialoganalyse. Tübingen: Niemeyer, 1994, 6f.)

Stichwort: Gewinnung von Erkenntnissen in der ethnomethodologischen Konversationsanalyse

"Die KA ist darauf aus, ein Interaktionsgeschehen "from within" (Garfinkel) zu beschreiben. Das bedeutet, daß sie es ablehnt, soziale Vorgänge unter externe, vorgegebene Kategorien zu subsumieren; statt dessen bemüht sie sich darum, soziale Formen und Prozesse in ihrer inneren Logik und Dynamik zu erfassen und als sich selbst organisierende, reproduzierende und explizierende Strukturen zu untersuchen. Die KA begnügt sich nicht damit, eine Äußerung als ein Exemplar eines bestimmten Sprechakttyps - als Vorwurf, als Kompliment o.ä. - zu identifizieren; sie vermeidet es auch, darüber zu spekulieren, welche Motive ein Sprecher für seine Äußerung hätte haben können. Ihr Erkenntnisziel ist vielmehr, die Orientierungsmuster und formalen Mechanismen zu rekonstruieren, die von den Interagierenden eingesetzt werden, um den Handlungs- und Sinngehalt einer Äußerung erkennbar zu machen bzw. zu erkennen."
(Bergmann, J.R. Ethnomethodologische Konversationsanalyse. In: Fritz, G., Hundsnurscher, F. (Hrsg.). Handbuch der Dialoganalyse. Tübingen: Niemeyer, 1994, 8)


Stichwort: methodische Prinzipien der ethnomethodologischen Konversationsanalyse

"Es ist ein charakteristisches Kennzeichen ethnomethodologischer Studien, das eigene methodische Vorgehen abhängig zu machen von dem spezifischen Gegenstandsbereich der Untersuchung. In der Nachfolge der Husserlschen Devise "Zu den Sachen selbst!" strebt die Ethnomethodologie danach, von ihrem Untersuchungsgegenstand her zu denken und sich den Blick auf ihre Objekte nicht verstellen zu lassen von methodischen Vorgaben, deren korrekte Anwendung allein häufig bereits die Wissenschaftlichkeit garantieren soll. Die Ethnomethodologie setzt darauf, aus der Einsicht in die methodische Qualität und den selbstexplikativen Charakter sozialer Handlungen zur gegenstandsadäquaten Methodisierung ihres Vorgangs zu gelangen. Ethnomethodologie und KA sind deshalb nur widerstrebend bereit, ihr Vorgehen in gestalt allgemeiner methodischer Regeln zu kanonisieren (...)."
(Bergmann, J.R. Ethnomethodologische Konversationsanalyse. In: Fritz, G., Hundsnurscher, F. (Hrsg.). Handbuch der Dialoganalyse. Tübingen: Niemeyer, 1994, 9)

"Der Punkt, an dem die KA sich vielleicht am deutlichsten von anderen dialoganalytischen Ansätzen unterscheidet, liegt in ihrem Beharren darauf, nicht Erinnerungen, imaginierte Beispiele oder experimentell induziertes Verhalten, sondern Aufzeichnungen von real abgelaufenen, "natürlichen" Interaktionen zum Gegenstand der Analyse zu machen. Dahinter steckt das Bemühen, die Analyse darauf zu verpflichten, sich auf den dokumentierten Ablauf dieser Vorgänge selbst zu stützen, anstatt idealisierte Versionen von sozialen Vorgängen als Daten zu benutzen."
(Bergmann, J.R. Ethnomethodologische Konversationsanalyse. In: Fritz, G., Hundsnurscher, F. (Hrsg.). Handbuch der Dialoganalyse. Tübingen: Niemeyer, 1994, 10)


Stichwort: Nachweis der Gültigkeit der Analysen

"Ein Weg besteht darin, im Datenmaterial nach der Kookurenz funktional gleichartiger Phänomene zu suchen. Dem liegt die Überlegung zugrunde, daß den Handelnden in der Regel nicht nur ein, sondern ein Arsenal von formalen Verfahren zur Lösung eines strukturellen Problems der Interaktion zur Verfügung steht, und oft mehrere dieser Verfahren gleichzeitig eingesetzt werden (Schegloff/Sacks 1973). Ein anderer Weg besteht darin, im Datenmaterial nach "abweichenden Fällen" zu suchen (Schegloff 1968) und an ihnen den Nachweis zu führen, daß die Akteure diese Fälle selbst als Verstöße gegen das normativ erwartete Orientierungsmuster wahrnehmen und behandeln, etwa indem sie sie als dispräferierte Alternative markieren oder zu Korrekturmaßnahmen greifen (Pomerantz 1984). Als dritter Weg bietet sich schließlich an, die Nachfolgeäußerung, mit der ein Handelnder auf die Äußerung seines Interaktionspartners reagiert, als Validierungsressource zu benutzen. in ihr manifestiert sich ja, auf welche Weise ein Rezipient eine vorangegangene Äußerung verstanden hat, und dieses Verständnisdokument kann vom Gesprächsanalytiker als Bestätigung seiner Interpretation in Anspruch genommen werden."
(Bergmann, J.R. Ethnomethodologische Konversationsanalyse. In: Fritz, G., Hundsnurscher, F. (Hrsg.). Handbuch der Dialoganalyse. Tübingen: Niemeyer, 1994, 12)


Literatur:

Bergmann, J.R.
Ethnomethodologische Konversationsanalyse. In: Schröder, P., Steger, H. (Hrsg.). Dialogforschung. Düsseldorf, 1981, 9 - 51.
Bergmann, J.R.
Über Erving Goffmans Soziologie des Gesprächs und seine ambivalente Beziehung zur Konversationsanalyse. In: Hettages, R., Lenz, K. (Hrsg.). Erving Goffman - ein soziologischer Klassiker der zweiten Generation. Bern, Stuttgart 1991, 301 - 326.
Garfinkel, H.
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Goffman, E.
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Felicity's condition. In: American Journal of Sociology. - 89 (1983) -. 1 - 53.
Heritage, J.C.
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Jefferson, G.
Side Sequences. In: Sudnow, D. (ed.). Studies in Social Interaction. New York: The Free Press, 1972, 294 - 338.
Peuckert, R.
Stichwort "Soziologische Theorien. In: Schäfers, B. (Hrsg.). Grundbegriffe der Soziologie. 4. verb. u. erw. Aufl. Opladen: Leske + Budrich, 1995, 316 - 333.
Pomerantz, A.
Agreeing and disagreeing with assessments: some features of preferred/dispreferred turn shapes. In: J. Atkinson & J. Heritage (eds.). Structures of Social Action. Studies in Conversation Analysis. Cambridge/Paris 1984, p. 57 - 110.
Sacks, H.
1964 - 65 lectures. Ed. by G. Jefferson. Dordrecht 1989.
Sacks, H.
Lectures on conversation. Ed. by G. Jefferson. Oxford 1992.
Schegloff, E.
Sequencing in Conversational Openings. In: Gumperz, J.J., Hymes, D. (eds.). Directions in Sociolinguistics: The Ethnography of Communication. New York: Holt, Rinehart & Winston, 1968, 346 - 380.
Schegloff, E.A., Sacks, H.
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Letzte Aktualisierung: 18.06.2011 1:54 PM