Textlinguistik

Exzerpt: Kriterien der Textualität

de Beaugrande, R.A.; Dressler, W. Einführung in die Textlinguistik. Tübingen: Niemeyer, 1981.

"3. Wir definieren einen TEXT als eine KOMMUNIKATIVE OKKURENZ (engl. "occurence"), die sieben Kriterien der TEXTUALITÄT erfüllt. Wenn irgendeines dieser Kriterien als nicht erfüllt betrachtet wird, so gilt der Text nicht als kommunikativ. Daher werden nicht-kommunikative Texte als Nicht-Texte behandelt" (S. 3). ...

"4. Das erste Kriterium wollen wir KOHÄSION nennen. Es betrifft die Art, wie die Komponenten des OBERFLÄCHENTEXTES, d.h. die Worte, wie wir sie tatsächlich hören oder sehen,(...) miteinander verbunden sind. Die Oberflächenkomponenten hängen durch grammatische Formen und Konventionen von einander ab, so daß also Kohäsion auf GRAMMATISCHEN ABHÄNGIGKEITEN beruht." ... (S. 3f.)

"6. Das zweite Kriterium wollen wir KOHÄRENZ nennen. Kohärenz betrifft die Funktionen, die durch die Komponenten der TEXTWELT, d.h. die Konstellation von KONZEPTEN (Begriffen) und RELATIONEN (Beziehungen) welche dem Oberflächentext zugrundeliegen, für einander gegenseitig zugänglich und relevant sind.(...). Ein KONZEPT ist bestimmbar als eine Konstellation von Wissen (kognitivem Inhalt), welches mit mehr oder weniger Einheitlichkeit und Konsistenz aktiviert oder ins Bewußtsein zurückgerufen werden kann (...). RELATIONEN sind die BINDEGLIEDER (engl. "links") zwischen Konzepten, die in der Textwelt zusammen auftreten; ...
Manchmal, aber nicht immer, sind die Relationen im Text nicht EXPLIZIT angeführt, d.h. sie werden nicht direkt durch Ausdrücke an der Oberfläche AKTIVIERT (...). Die Sprachbenutzer werden so viele Relationen beisteuern, als nötig sind, um den vorliegenden Text sinnvoll zu machen." ... (S. 5)

"13. Kohäsion und Kohärenz sind text-zentrierte Begriffe, deren Operationen direkt das Textmaterial betreffen. Zusätzlich werden wir verwender-zentrierte Begriffe benötigen, welche die Aktivität der Textkommunikation betreffen, sowohl hinsichtlich des Produzenten als auch des Rezipienten von Texten. Das dritte Kriterium der Textualität könnte dann INTENTIONALITÄT genannt werden: diese bezieht sich auf die Einstellung (engl. "attitude") des Textproduzenten, der einen kohäsiven und kohärenten Text bilden will, um die Absichten seines Produzenten zu erfüllen, d.h. Wissen zu verbreiten oder in einem PLAN angegebenes ZIEL zu erreichen. " ... (8f.)

"14. Das vierte Kriterium ist die AKZEPTABILITÄT. Diese betrifft die Einstellung des Text-Rezipienten, einen kohäsiven und kohärenten Text zu erwarten, der für ihn nützlich oder relevant ist, z.B. um Wissen zu erwerben oder für die Zusammenarbeit in einem Plan vorzusorgen. (...) Diese Einstellung spricht auf Faktoren an wie Textsorte, sozialen oder kulturellen Kontext und Wünschbarkeit von Zielen." ... (9)

"17. Das fünfte Kriterium der Textualität nennen wir INFORMATIVITÄT und meinen damit das Ausmaß der Erwartetheit bzw. Unerwartetheit oder Bekanntnheit/Ungewißheit der dargebotenen Textelemente." ... (10f.)

"19. Das sechste Kriterium der Textualität kann als SITUATIONALITÄT bezeichnet werden. Diese betrifft die Faktoren, die einen Text für eine Kommunikations-SITUATION RELEVANT machen. (...) ... Bedeutung und Gebrauch eines Textes (wird) über die Situation bestimmt." ... (12)

"21. Das siebente Kriterium der Textualität nennen wir INTERTEXTUALITÄT. Dies betrifft die Faktoren, welche die Verwendung eines Textes von der Kenntnis eines oder mehrerer vorher aufgenommener Texte abhängig macht." ...

"22. Intertextualität ist, ganz allgemein, für die Entwicklung von TEXTSORTEN als Klassen von Texten mit typischen Mustern von Eigenschaften verantwortlich (...). (13) ...

"23. Wir haben nun alle sieben Kriterien der Textualität kurz betrachtet . ... Diese Kriterien fungieren als KONSTITUTIVE PRINZIPIEN (nach Searle, 1969:33f) von Kommunikation durch Texte: sie bestimmen und erzeugen die als Text-Kommunikation bestimmbare Verhaltensform, die zusammenbricht, falls sie zerstört werden. Ebenso muß es REGULATIVE PRINZIPIEN geben (wieder nach Searle), die die Text-Kommunikation nicht definieren, sondern kontrollieren. Wir stellen uns wenigstens drei regulative Prinzipien vor: die EFFIZIENZ eines Textes hängt vom möglichst geringen Grad an Aufwand und Anstrengung der Kommunikationsteilnehmer beim Gebrauch des Textes ab. Die EFFEKTIVITÄT hängt davon ab, ob er einen starken Eindruck hinterläßt und günstige Bedingung zur Erreichung des Ziels erzeugt. Die Angemessenheit (engl. 'appropriateness') eines Textes ist die Übereinstimmung eines Textes zwischen seinem Kontext und der Art und Weise, wie die Kriterien der Textualität aufrecht erhalten werden." (14)

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Letzte Aktualisierung: 18.06.2011 1:49 PM