A. S. Pushkins Lyzeumszeit


Pushkins Schulzeit am ö Lyzeum in ö Tsarskoe Selo (1811 - 1817) ist für das Verständnis von Leben und Werk des Dichters in mehrfacher Hinsicht bedeutsam. Pushkin gehörte zu den privilegierten Zöglingen des ersten Jahrgangs. Die Schülerzahl war gering, einige ö Professoren waren jung, durch westeuropäische Kultur und liberales Gedankengut beeinflußt und vertraten moderne pädagogische Konzepte, wodurch sich eine hohe gegenseitige Achtung im Umgang miteinander ausprägen konnte. Dieser "Lyzeumsgeist", den ö Bulgarin später denunzierte, legte in Pushkin und seinen Mitschülern den Grundstein für die lebenslange Wahrung ihrer persönlichen Würde und geistigen Unabhängigkeit. Der ö Lehrplan am Lyzeum war umfangreich und weit gefächert, dennoch beklagte Pushkin später oft die relative Oberflächlichkeit als wesentlichen Mangel dieser "verfluchten Bildung".

Charakteristisch für das Leben im Lyzeum, das relativ abgeschirmt von der Außenwelt mit fest umrissenem ö Tagesablauf besonders in den ersten Jahren wenig Freiraum für individuelle Betätigung ließ, war ein "Kult" der Freundschaft. Pushkin entwickelte im Laufe der Jahre sehr enge Beziehungen zu ö Pushchin, ö Del‘vig, ö Kjuchel‘beker und ö Malinovskij. Das Verhältnis gestaltete sich zwar vor allem aufgrund der charakterlichen Besonderheiten Pushkins konfliktreich, dennoch entstanden in jenen Jahren feste Freundschaften, die das ganze Leben halten sollten. Für Pushkin, den mit der eigenen Familie wenig verband, wurde das Lyzeum zur eigentlichen Stätte seiner Kindheit.

Die Ereignisse des Krieges mit ö Napoleon von ö 1812, in deren Kontext sich die russische Aristokratie der engen Bindung an die französische Kultur entzog und die eigene nationale Identität und individuelle Freiheit kultivierte, hinterließen auch bei den Zöglingen in Tsarskoe Selo einen tiefen Eindruck. Dies spiegelt sich in vielen Werken Pushkins wie auch seiner Mitschüler wider.

Literarische Betätigung war im Lyzeum erwünscht und wurde gefördert, so daß Pushkin in jenem freundschaftlichen Kreis seiner jungen adligen Mitschüler jenes aufgeschlossene, poetisch stimulierende Publikum fand, an dem er sich sein Leben lang als Dichter orientieren konnte. Seine frühen Gedichte (1813 - 15) ö "An Natalja", ö An meinen Freund den Dichter", ö "An Batjushkov" etc. umspielen das Motiv der Individualität und Eigenständigkeit des Dichters in der Liebe, in der Freundschaft, in der Poesie, in der europäischen literarischen Tradition. Pushkin lernte auch ernst und elegisch zu dichten, angeregt durch die Werke seines späteren väterlichen Freundes und Beschützers ö Zhukovskij. Sein großer Erfolg führte zu der Ehre, auf der Schulfeier anläßlich der Übergangsexamina 1815 in Anwesenheit ö Derzhavins sein Gedicht ö "Erinnerungen an Tsarskoe Selo" vortragen zu dürfen, das noch im selben Jahr veröffentlicht wurde.

An die persönliche Begegnung mit der "Muse", seiner künftigen "Lebensgefährtin", im Garten des Lyzeums erinnert sich Pushkin fünfzehn Jahre später in ö"Eugen Onegin" (VIII/1).

Pushkin war nur ein durchschnittlicher Schüler, dem jedoch das ö Abschlußzeugnis vom 09. Juni 1817 "ausgezeichnete" Leistungen in den Fächern "Russische Literatur" und "Französiche Literatur" sowie in "Fechten" bescheinigte. Die innere Verbundenheit mit dem Lyzeum dokumentiert eine Vielzahl verschiedenartigster Reminiszenzen in Werken Pushkins, in seinen Briefen und Tagebüchern. Im Juni 1817 wird Pushkin in ö St. Petersburg im ö Kollegium für Auswärtige Angelegenheiten angestellt und vereidigt.


Copyright © 1998 Universität Potsdam, Institut für Slavistik, Forschungsgruppe "Virtueller Puschkin", Angela Huber, Rolf-Rainer Lamprecht.
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