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Wir entschuldigen uns, wenn der Text nicht
oder nur in Teilen korrekt in das Deutsche übertragen wurde (dies trifft insbesondere auf
die Personen- und Eigennamen zu). Auch konnten wir noch nicht alle Links korrekt setzen,
für Vorschläge (anhand der nebenstehenden Liste) wären wir äußerst dankbar.
Hannes Vierke
Pushkins Lyzeumszeit
Puschkins Schulzeit am
Lyzeum in Zarskoe Selo 1811-
1817, dem heutigen Pushkins in unmittelbarer Nähe von Petersburg,
ist für das Verständnis von Leben und Werk des Dichters in mehrfacher Hinsicht
bedeutsam. Pushkins gehörte zu den auserwählten Zöglingen des ersten Jahrganges.
Die Schülerzahl war gering, einige Professoren
waren jung, durch westeuropäische Kultur und liberales Gedankengut beeinflußt und
vertraten moderne pädagogische Konzepte, wodurch sich eine hohe gegenseitige Achtung
im Umgang miteinander entwickeln konnte. Dieser besondere "Lyzeumsgeist"
legte in den Zöglingen den Grundstein für die lebenslange Wahrung ihrer persönlichen
Würde und geistigen Unabhängigkeit.
Alexander Pushkins war 12 Jahre alt, als
die Eltern beschlossen, den Sohn ins Lyzeum zu geben. Durch Protektion einflußreicher
Freunde seines Vaters, Sergej Lwowitsch Pushkins, wurde Alexander in das
Lyzeum aufgenommen. Im Sommer 1811 begab er sich in Begleitung seines Onkels, Wassilij
Lwowitsch Pushkins, nach Petersburg. Erstmalig verließ der Knabe Moskau und
sein Elternhaus, was er jedoch ohne das geringste Bedauern tat. Es fiel ihm nur schwer,
sich von seiner Schwester Olga und seinem Bruder Lew zu trennen. Am 19. Oktober 1811 fand in Anwesenheit des Zaren Alexander I. die feierliche Eröffnung des Lyzeums
statt. Puschkins Schulzeit begann. Pushkins verbrachte hier sechs Jahre. Seine Knabenjahre
und Jugendzeit, die Weckung seines dichterischen Genies waren untrennbar mit dem Lyzeum
von Zarskoje Selo verbunden. Das viergeschossige Gebäude des Lyzeums war durch einen
Bogen an den Katharinenpalast angeschlossen. Im dritten Stock fand die Aula ihren
Platz, wo die feierliche Eröffnungszeremonie stattfand. Einen Stock höher befanden sich
die Zimmer der Lyzeumsschüler. Alexander bewohnte das Zimmer Nr. 14. Später, als
erwachsener Dichter und berühmter Dichter, unterschrieb er seine Briefe an ehemalige
Lyzeumskameraden immer noch mit "Nr. 14". Der Unterricht und der Tagesablauf
waren nach einem für die damalige Zeit interessanten und fortschrittlichen Plan
organisiert. Der Lehrplan war umfangreich und weit gefächert, dennoch gab die Schule
Puschkin nicht allzuviel. Er beklagte später eine relative Oberflächlichkeit als Mangel
dieser Bildung. Trotzdem erinnerte sich Puschkin in der Folge häufig liebevoll an einige
der Lehrer, vor allem an Professor Kunizyn, an "seinen guten Galitsch",
an den Französischprofessor de Boudry. Weniger beeindruckten ihn die Professoren
Koschanskij und Karzew.
Es war der besondere "Lyzeumsgeist",
der "Kult" der Freundschaft, der Puschkin deutlich formte und ein Leben lang
begleitete. Einige seiner Lyzeums-Kameraden
mochten ihn wegen seiner Streiche und spitzen Zunge nicht gerade, jedoch fand er auch
viele Freunde. Puschkin war ein großer "Meister" von Freundschaften. So
entwickelte er im Laufe seiner Lyzeumsjahre sehr enge Beziehungen zu Ivan Pushchin, Anton Del'vig, Wilhelm Küchelbeker und Ivan Malinovskij. Auch kann man Alexander Gorchakow zu seinem engen
Freundeskreis zählen. Diese Freundschaften hielten das ganze Leben. Für Puschkin, den
mit der eigenen Familie wenig verband, wurde das Lyzeum zur eigentlichen Stätte seiner
Kindheit und frühen Jugendzeit.
Als Puschkin in den unteren Klassen lernte,
vollzog sich in Rußland ein bedeutendes historisches Ereignis, der Vaterländische
Krieg des Jahres 1812. Im Sommer 1812 hatte der französische Kaiser Napoleon
Bonaparte Rußland überfallen. Die vielfach überlegene französische Armee wurde
taktisch klug durch die russischen Heerführer Barcley de Tolly und Kutusow
sowie ihre Armeen tief in die russischen Ebenen gelassen. Nach der Entscheidungsschlacht
von Borodino im Moskauer Gouvernement am 26. August wurden den Franzosen Moskau
brennend und fast unbevölkert überlassen, so daß Napoleon und seine Truppen über
kurz oder lang gezwungen waren, ihren Rückzug anzutreten, unter starken Schlägen der
russischen Armee und Partisanen.
Die Lyzeumsschüler sahen, wie russische
Soldaten und Offiziere durch Zarskoe Selo in den Kampf mit den Franzosen zogen, und
beneideten sie. Diese Ereignisse erweckten im russischen Volk ein tiefes Gefühl des
Patriotismus und blieben auch bei den Lyzeumsschülern nicht ohne Einfluß.
Damals wurde auch die bewußte Heimatliebe im
Knaben Puschkin dauerhaft geweckt. Der Ausgang des Vaterländischen Krieges förderte den
ohnehin schon vorherrschenden besonderen "Lyzeums-Geist" weiterhin. Es wurde der
Geiste des Freiheitsgedankens in einer "Lyzeumsrepublik". Die aktuellen Probleme
jener Zeit wurden erörtert: Despotismus, Unterdrückung, Freiheit, Heimatliebe. Das
führte zwangsläufig dazu, daß eine ganze Reihe der Zöglinge des Lyzeums später den Dekabristen
sehr nahe standen, Puschtschin und Küchelbecker direkte Teilnehmer des Aufstandes vom 14.
Dezember 1825 wurden. Am Lyzeum blühte
die Literatur, kam die Poesie zu einem besonderen Stellenwert. Viele Zöglinge schrieben
Verse, es wurden handgeschriebene Literaturzeitschriften herausgegeben. Auch
Puschkin begann zu jener Zeit, ernsthaft Verse zu dichten. Eines der frühesten Gedichte
der Lyzeums-Lyrik Puschkins ist das Gedicht "An Natalja" aus dem
Jahre 1813.
Unter den Zöglingen traten als Dichter
besonders Illitschewskij und
Puschkin hervor. Illitschewskij erwies sich später als ein wenig erfolgreicher Dichter,
aber damals schätzten ihn viele seiner Kameraden höher ein als Puschkin. Außerdem
schrieben auch Puschkins Freunde Delwig und Küchelbecker Gedichte. Mit der Zeit errang
Puschkin unter seinen Kameraden und in der Öffentlichkeit immer größere Anerkennung.
1814 wurde als erstes seiner Gedichte das Sendschreiben "An einen dichtenden
Freund" in der Nummer 13 der damals besten Zeitschrift "Vestnik Evropy"
("Der Bote Europas") abgedruckt. Es war mit Alexander N.k.sch.p. unterschrieben,
den vier Konsonanten des Familiennamens des Autors in umgekehrter Reihenfolge. Die Lyzeumsleitung hatte immer noch keine hohe
Meinung von Puschkin: faul, oberflächlich, leichtsinnig, fähig, begabt nur in den
Fächern, die geringe Anstrengung beanspruchen. Diesen Eindruck machte Puschkin solange er
lebte auch auf die Menschen, die ihn nur flüchtig kannten. Dabei hatte er schon im Lyzeum
viel gearbeitet, gelesen, nachgedacht. In seinem Gedicht "Das Städtchen" (1814)
zählt Puschkin seine Lieblingsautoren auf: Homer, Vergil, Horaz, Tasso, Parny, Moliere,
Voltaire, Rousseau und von den Russen Dershawin, Fonwisin, Bogdanowitsch,
Dmitrijew, Krylow und Karamazin. Für einen fünfzehnjährigen
Jüngling zeugt das von einer überaus großen Belesenheit.
Puschkin schrieb sehr viel im Lyzeum,
insgesamt wohl 120 Gedichte. Größten Einfluß übten dabei auf den jungen Dichter und
auf seine Dichtkunst der russische Dichter Batjuschkow und die französischen
Dichter Voltaire und Parny aus. Der Einfluß von Shukowskij mit seiner Schwermut
war nicht so groß, zeigt sich jedoch in Puschkins Elegien. Zu einem bedeutsamen Höhepunkt in der Lyzeumszeit
Puschkins und seiner Kameraden wurde die öffentliche Prüfung anläßlich der
Versetzung aus dem unteren in den höheren Kurs am 8. Januar 1815. Unter den Ehrengästen
befand sich auch der berühmte russische Dichter jener Zeit, der greise Dershawin.
Puschkin rezitierte das zu diesem Anlaß geschriebene Gedicht "Erinnerungen in
Zarskoje Selo". Das Gedicht rief allgemeine Begeisterung hervor. Der zu Tränen
gerührte Dershawin wollte Puschkin umarmen und küssen. Puschkin lief allerdings davon.
Das Gedicht "Erinnerungen in Zarskoje Selo" wurde bereits im April 1815 in der
Zeitschrift "Russisches Museum" veröffentlicht. Es war das erste Gedicht
Puschkins, das mit dem vollständigen Namen des Dichters gedruckt wurde: "Alexander
Puschkin".
Einen besonderen Platz unter seinen
Lyzeums-Geschichten der Jahre 1815-1816 nimmt ein Zyklus von Elegien ein, die Jekaterina
Bakunina, der Schwester eines Mitschülers, gewidmet waren. Sie besuchte oft ihren
Bruder und die Lyzeumsbälle.
Das war Puschkins erste Liebe. Diese
schüchterne, verlegene jugendliche Liebe spiegelte sich in einer Reihe seiner
Lyzeumsgedichte wider: "Der Wunsch", "Ein Herbstmorgen",
"An einen Maler", "Das Scheiden" und einigen Elegien.
Puschkin begann immer mehr, die Aufmerksamkeit der bedeutsamsten Dichter jener Zeit auf
sich zu lenken: Karamasin, Batjuschkow, Shukowskij, Wjasemskij
beobachteten seinen dichterischen Werdegang. Dabei war der Umgang mit Karamasin, der den
Sommer 1816 in Zarskoje Selo verbrachte, besonders förderlich. Noch bedeutsamer war wohl
der Einfluß des Petersburger literarischen Vereins "Arsamas", der ihn
schon als Lyzeumsschüler in Abwesenheit aufnahm. "Arsamas" war ein
herausfordernder, kämpferischer Verein der damaligen jungen Literatur. Sein Widerpart war
die reaktionäre "Tafelrunde der Freunde der russischen Sprache" mit
Admiral A.S. Schischkow an der Spitze. In den höheren Klassen wurde Puschkin mit
Offizieren der Leibgarde des in Zarskoje Selo stationierten Husarenregiments bekannt. Er
besuchte die Husaren, nahm an ihren Trinkgelagen teil. Diese Bekanntschaft war in gewisser
Hinsicht sehr nützlich für Puschkin. Im Gegensatz zur monarchistischen Erziehung im
Lyzeum standen die meisten Gardeoffiziere zu jener Zeit der Regierung sehr oppositionell
gegenüber. So kam Puschkin dem Freiheitsgedanken wieder näher. Schon mit 16 Jahren
schreibt er das Gedicht "An Licinius", sein erstes freiheitsliebendes
Gedicht, das in der 5. Ausgabe der Zeitschrift "Russisches Museum" erscheint.
Einer der Offiziere des Husarenregiments, P.J. Tschaadajew, wurde ein enger Freund
Puschkins und hatte großen Einfluß auf ihn. In Sachen Bildung und geistiger Entwicklung
soll dieser Puschkin nach Meinung von Zeitgenossen mehr gegeben haben als das Lyzeum.
Puschkin seinerseits widmete ihm kurz nach Abschluß des Lyzeums im Jahre 1818 eines
seiner besten Gedichte "An Tschaadajew". Im Januar 1817 beginnt die Arbeit an seinem Poem
"Ruslan
und Ludmilla". Das sind schon die letzten Monate am Lyzeum. Vom 15. Mai 1817
finden bereits die Abschlußprüfungen in 15 Fächern statt. Im Juni 1817
absolvieren Puschkin und seine Kameraden das Lyzeum zu Zarskoje Selo. Nach eigener Wahl
konnte man in den militärischen oder zivilen Staatsdienst eintreten. Puschkin wählte den
zivilen Bereich und stand nach den Leistungen in den Prüfungen an viertletzter
Stelle im Verzeichnis. Trotzdem
erinnerte sich Puschkin gern an seine Zeit im Lyzeum von Zarskoje Selo und besonders an
seine Freunde und Kameraden. Davon zeugt sein Abschiedsgedicht: "An die
Kameraden". Die Zeit, die Puschkin
im freundschaftlichen Milieu des Lyzeums verbrachte, besaßen eine ungeheure Bedeutung bei
der Formierung seiner Persönlichkeit, der Persönlichkeit des größten russischen
Dichters.
Copyright © 1998
Universität Potsdam, Institut für Slavistik.
Dr. Angela Huber. Klaus Lammek. Julia Schwabe. Hannes Vierke.
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