RSG - Syntax

Valenz und Fügungspotenz. Satzkonfiguration. Modellierung von semantische Satztypen. Strukturmodelle des einfachen Satzes.

Einführung

Mit der Einführung der Tansformationsgrammatik durch Noam Chomsky's "Aspects of the Theory of Syntax" (Cambridge: MIT, 1965) hat sich in der Syntax u.a. die Modellierung von Sätzen, insonderheit die Begründung und Beschreibung von Satzmodellen etabliert. In der russischen Syntaxbeschreibung wird bei der Modellierung traditionell von der zentralen Stellung des Prädikats bzw. des einheitlichen Hauptgliedes ausgegangen - im Unterschied z.B. zur angloamerikanischen Tradition, die als erste Unterscheidung die Ausgliederung von Nominal- und Verbalphrase (noun phrase, NP, verb phrase, VP) vornimmt. Eine Vorgehensweise, die auf eine semantische Satzmodellierung hinausläuft, sei im folgenden im Anschluss an das HLB in ihrem theoretischen Kontext skizziert.

Valenz und Fügungspotenz

Auf dem allgemeinen Hintergrund der Verträglichkeit/Unverträglichkeit (Kompatbilität/Inkompatbilität) von Wörtern aufgrund ihrer Semantik hat man im Satz zwischen der Ergänzungsmöglichkeit (Fügungspotenz) und Ergänzungsnotwendigkeit (Valenz) zu unterscheiden. Das Phänomen der Fügungspotenz bezieht man generell auf alle Satzkomponenten, das Phänomen der Valenz i.d.R. nur auf das Prädikat/einheitliche Hauptglied.

Den Unterschied zwischen Valenz und Fügungspotenz kann man sich an folgenden Beispielen verdeutlichen:

  1. Он находился в городе. Он находился в Финляндии. Он находился под землей.
  2. Он спал (стоя). Он спал (долго). Он спал (громко храпя).

In den Beispiel unter a) ist die Adverbialbestimmung notwendiger Bestandteil des Satzes, weil die Verben in der Prädikatsposition eine Ergänzung verlangen. Diese Ergänzung kann unterschiedlich ausgefüllt sein. Das Verb gibt auf der Grundlage seiner Semantik in a) vor, dass ein Ort erscheinen muss. Es wird somit auch deutlich dass das Prädikat eine entsprechend Fügungspotenz hat.

Das Beispiel b) soll verdeutlichen, dass das Prädikat eine Fügungspotenz hat, jedoch die durch die Fügungspotenz eröffnete Leerstelle nicht ausgefüllt werden muss, damit ein sinnvoller Satz entsteht.

Sieht man die Fügungspotenz als Eigenschaft aller Satzkomponenten, hat man zwischen einer zentripetalen und einer zentrifugalen Potenz zu unterscheiden. Die erste Art meint die Fähigkeit, sich grammtisch einer anderen Satzkomponente unterzuordnen, die zweite Art meint die Fähigkeit, sich andere Satzkomponeten unterzuordnen.

Als Kurzfassung kann der Zusammenhang zwischen Valenz und Fügungspotenz auch folgendermaßen formuliert werden:

"Fügungspotenz" meint die Fähigkeit aller Satzkomponenten, Leerstellen um sich herum zu eröffnen und zu besetzen, "Fügungspotenz" beschreibt also die Möglichkeit der Besetzung von Leerstellen. In der Valenz verwandelt sich beim Prädikat diese Möglichkeit in die Notwendigkeit.

Die Satzkonfiguration

Das Prädikat/einheitliche Hautglied bildet zusammen mit den Satzkomponenten, die sich ihm auf der Grundlage der Valenz anschliessen, eine Minimalstruktur, die eine geschlossene Sinneinheit darstellt. Diese minimale Struktur nennt man "Satzkonfiguration".

In der Satzkonfiguration wiederspiegelt sich zum einen die quantitative Seite der Valenz, und zwar die Anzahl der auszufüllenden Leerstellen, so dass man z.B. von Satzkonfigurationen mit

  • nullstelligen Prädikaten (Светлеет. С утра дождит.),
  • einstelligen Prädikaten (Снег идет. Тигры кровожадны.),
  • zweistelligen Prädikaten (Алкоголь разрушает здоровье. Они были подчеркнуто вежливы к посетителям.)

spricht.

Die qualitative Seite der Valenz, d.h. die durch die Semantik der Prädikate vorgegebenen Besetzungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten der Leerstellen in der Satzkonfiguration, lässt sich folgendermassen konkretisieren:

In der Satzkonfiguration gibt es

gebundene Satzglieder
freie Satzglieder
obligatorische Satzglieder
Учительница дает ученику книгу.
fakultative Satzglieder
Он читает книгу.
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Semantische Satztypen

Auf der Grundlage von Valenzmodellen lassen sich semantische Satztypen beschreiben, z.B.

  • Eine Person hat eine Eigenschaft von einem bestimmten Zeitpunkt an:
    Valenzmodell: S + Padj + Ogen(от), z.B. Он глух от рождения.
Satzmodellierung in der Akademie-Grammatik von 1980, Шведова, Н.Ю. (гл. ред.). Русская грамматика. Т. 2. Синтаксис. Наука: Москва 1980.
Literatur

Autorenkoll. u. d. Ltg. v. K. Gabka. Russische Sprache der Gegenwart. Bd. 3. Syntax. Leipzig: Verlag Enzyklopädie. 1989. (HLB III)
Chomsky, N. Aspects of the Theory of Syntax. Cambridge: MIT, 1965.
Шведова, Н.Ю. (гл. ред.). Русская грамматика. Т. 2. Синтаксис. Наука: Москва 1980.

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Letzte Aktualisierung: 02.05.2015 8:00 PM

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