RSG Verb

Terminativität/Aterminativität (предельность/непредельность) und Aspekt (вид)

Die Terminativität/Aterminativität (T/AT) kann als lexikalisch-grammatische Eigenschaft der russischen Verben angesehen werden, die eng mit dem Verbalaspekt zusammenhängt, ihn von der semantischen Seite begründet. H. SCHLEGEL nennt terminative Verben zur Verdeutlichung ihrer Semantik auch "Endstationsverben", aterminative Verben dementsprechend "Nicht-Endstationsverben" (2002, 23). Er schreibt:

"Terminative Verben (предельные глаголы) haben in der Bedeutung ihrer (isolierten) Wörterbuchform einen Endpunkt, eine innere Grenze (Telos), mit deren Erreichen sich die Handlung erschöpft, nicht mehr weitergeführt werden kann ... Aterminative Verben (непредельные глаголы) haben dagegen in ihrer Bedeutung keinen Endpunkt der Handlung, keine innere Grenze, mit deren Erreichen sie aufhören müssten - sie könnten (theoretisch!) ohne Begrenzung weitergeführt werden" (2002, 23f.).

Verben, wie войти/входить, встать/вставать, задержать/задерживать drücken außerhalb eines bestimmten Kontextes also aus, dass sie einer inneren Grenze zustreben oder sie schon erreicht haben, Verben, wie идти, стоять, писать hingegen drücken diese Bedeutung nicht aus. Diese Interpretation, die vom Kontext abstrahiert, nennt Schlegel die "paradigmatische T/AT".

(Zum Begriff der aspektualen Grenze s. auch die Unterscheidungen "innere Grenze" vs. "äußere Begrenzung" und "innerverbale Grenze" und "extraverbale Grenze".

Auf dieser Ebene können mit SCHLEGEL (2005, 22) folgende differentielle semantische Merkmale für die Terminativität angegeben werden:

  1. 'Bewegung' (DYN)
  2. 'in einer bestimmten Richtung' (RICHT+)
  3. 'mit einem Endpunkt, einer inneren Grenze (1ENDP+)
  4. 'Endpunkt zum BM (nicht) erreicht ' (ERR+/-)

Paradigmatische Aterminativität zeichnet sich dadurch aus, dass keine Bewegung, sondern ein Zustand bezeichnet wird (STATisch im Gegensatz zu DYNamisch) und/oder dass keine zeitliche, quantitative oder qualitative Begrenzung gegeben ist (ZQQ-), vgl.

  • стоять - (STAT) (ZQQ-)
  • держать - ( DYN) (RICHT-) (ZQQ-)
  • идти - (DYN) - (RICHT+) (1ENDP-) (ZQQ-)

Die "syntagmatische T/AT" hingegen setzt einen entsprechenden aspektualen Kontext voraus. Hier kann die paradigmatische T/AT entweder bestätigt werden, z.B. "Студенты входили в аудиторию. Студуенты вошли в аудиторию. Он там шёл." Oder sie kann - wie es Schlegel nennt - rekategorisiert werden. Das bedeutet z.B., dass im Kontext Hinweise für die innere Grenze enthalten sind, die aus dem in paradigmatischer Sicht aterminativen Verb ein in syntagmatischer Sicht terminatives Verb machen. Z.B. erhält das paradigmatisch aterminative Verb "писать" im Satz "Он писал письмо" durch das Objekt einen Hinweis auf eine (äußere) Grenze. Während in diesem Satz mit dem unvo. Aspekt nur ausgedrückt wird, dass die Handlung einem Endpunkt zustrebt, ist dieser Endpunkt beim Gebrauch des vo. Aspekts - Он написал письмо - erreicht.

Nachdem die Begriffe T/AT in paradigmatischer und syntagmatischer Sicht erklärt sind, können nun die Beziehungen zur Erklärung der Aspektbedeutungen und der Aspektbildung angedeutet werden (Näheres s. in den Skripten zu den Aspektbedeutungen und zur Aspektbildung).

Schlegel formuliert zum semantischen Zusammenhang zwischen T/AT und Aspekt folgende Regel (2002, 33):
"Aspekt und T/AT stehen in einem unlösbaren Zusammenhang:
Die T/AT beinhaltet das Vorhandensein/Fehlen des Merkmals der Handlungsgrenze in der Semantik des Verbs und/oder seines Kontextes,
der Aspekt drückt das Erreichtsein/Nichterreichtsein dieser Handlungsgrenze zum Bezugsmoment aus."

Für die Aspektbildung lassen sich folgende Regeln formulieren:

  • Simplizia (unpräfigierte Verben) sind in der Regel paradigmatisch aterminativ , z.B. работать, сидеть, прыгать, ехать, иметь
  • präfigierte Verben sind paradigmatisch terminativ, z.B. выработать, посидеть, поехать

Quellen

  1. Autorenkoll. u. d. Ltg. v. K. Gabka. Russische Sprache der Gegenwart. Bd. 2. Morphologie. Leipzig: Enzyklopädie, 1988, S. 17 - 21, S. 26 - 32.
  2. Autorenkoll. u. d. Ltg. v. K. Gabka. Kommentare und Aufgaben zur Morphologie. Leipzig: Enzyklopädie, 1988.
  3. Autorenkoll. u. d. Ltg. v. H. Schlegel. Компендиум лингвистических знаний для практических занятий по русскому языку. Volk und Wissen: Berlin, 1992.
  4. Костомаров, В.Г., Максимов, В.И. (ред.). Современный русский литературный язык. Москва: Гадарики, 2003.
  5. Шведова, Н.Ю, Лопатин, Н.Н. (ред.). Краткая русская грамматика. Москва: РАН, 2002.
  6. Шелякин, М.А. Справочник по русской грамматике. Москва: Русский язык, 2000.

Weiterführende Literatur

  • Шелякин, М.А. Функциональная грамматика русского языка. Москва: Русский язык, 2001.
  • Schlegel, H. Bildung, Bedeutung und Gebrauch des russischen Verbalaspekts. Teil1: Theoretische Grundlagen (Lehrbuch). München: Otto Sagner, 2002.
  • Schlegel, H. Bildung, Bedeutung und Gebrauch des russischen Verbalaspekts. Teil2: Informationen, Aufgaben und Übungen. München: Otto Sagner, 2005.

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Letzte Aktualisierung: 01.06.2013 2:59 PM

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