RSG Verb

Die Kategorie des Modus verbi (категория наклонения)

(vor allem nach RSG II, 1988, 135ff.)

Die Kategorie des Modus drückt das Verhältnis der Verbalhandlung zur Wirklichkeit aus. Während der Indikativ (изъявительное наклонение) ausdrückt, dass die bezeichnete Handlung real (wirklich) ist, drücken Imperativ und Konjunktiv aus, dass die Handlung irreal (nichtwirklich) ist. Die morphologische Kategorie des Modus hat somit eine Beziehung zur syntaktischen Kategorie der Modalität, die als Komponente der Prädikativität für den Ausdruck des Wirklichkeitsbezugs verantwortlich ist.

Der Imperativ (повелительное наклонение)

Der Imperativ tritt als sog. exklusiver und als sog. inklusiver Imperativ auf. Eine andere Bezeichnung ist "Imperativ der 2. Person" bzw. "Imperativ der 1. Person". Im ersten Fall fordert der Sprecher einen Adressaten auf, eine Handlung zu vollziehen oder zu unterlassen: Откройте, пожалуйста, окно. Не открывайте окно. Im zweiten Fall schließt sich der Sprecher in die Handlung mit ein, er fordert den Gesprächspartner auf, die Handlung gemeinsam mit ihm zu vollziehen: Давайте, открываем окно.

Der exklusive Imperativ hat zwei Bildungssuffixe, und zwar -и- und - ø, an die im Plural das Postfix -те angefügt wird. Das Nullsuffix realisiert sich grafisch entweder als (й) oder als (ь).
Die Verteilung der Suffixe lässt sich bei den meisten Verben nach folgendem Algorithmus darstellen:

Bilde die dritte Person Plural und tilge die Endung.
Endet der Stamm auf -j- ?    
ja nein    
Suffix - ø (й)      
  Endet der Stamm auf mehrere Konsonanten?  
  ja nein  
  Suffix -и    
    Ist die 1. Person endbetont?
    ja nein
    Suffix -и Suffix - ø (ь)

Ausnahmen aus der vorgenannten Regel treffen wir in folgenden Fällen an:

  • Bei Verben vom Typ пить, лить, бить wird vor das -j- ein flüchtiges e eingeführt: лей, пей, бей.
  • Vo. Verben mit dem Präfix вы- bilden den Imperativ wie die präfixlosen Verben: выписать/писать - выпиши/пиши.
  • Bei Verben mit den Wurzeln да-, зна- u.a. wird der Imperativ mit dem Stammauslaut -j gebildet, auch in den abgeleiteten unvo. Formen: дать - дай, давать - давай, узнать - узнай, узнавать - узнавай, вставать - вставай.
  • Ausnahmen bilden ebenfalls лечь (ляг/те), есть (ешь/ешьте), ехать/поехать (поезжай/те), быть (дудь/те)

Der Konjunktiv (сослагательное наклонение)

Der Konjunktiv wird im Russischen analytisch durch die Präteritalform + die Partikel бы gebildet (сказал бы, ответила бы, спас бы, легли бы...). Die Partikel kann auf das "б" reduziert werden. Ein solcher Gebrauch gilt in den meisten Fällen als umgangssprachlich.
Im Russischen ist äußerlich an der Verbform selbst kein Indikator für die zeitliche Einordnung auszumachen. Folglich muss - im Unterschied zum Deutschen die gemeinte Zeit aus dem Kontext erschlossen werden:

  • Мы требуем, чтобы вы подписали этот документ.
  • Мы потребовали, чтобы вы подписали этот документ.
  • Мы будем требовать, чтобы вы подписали этот документ.

In Hauptsätzen drückt die Konjunktivform oft eine erwünschte Handlung aus (optativischer Konjunktiv, желательное наклонение): Если она была бы здорова.
Die gleiche Bedeutung kann der Konjunktiv auch in Nebensätzen haben, die auf einen Hauptsatz folgen, in dem ein Wünschen, Wollen, aber auch Müssen ausgedrückt wird: Необходимо, чтобы договоры вступили в силу.
Die gleiche Nuance liegt vor, wenn in indirekter Rede eine erwünschte Handlung bezeichnet wird: Мать сказала, чтобы дети пошли за доктором.

Die Konjunktivform kann in Hauptsätzen auch eine (angenommene oder mögliche) bedingte Handlung ausdrücken (konditionaler Konjunktiv, условное наклонение): Без тебя я замёрз бы на дороге.
Am deutlichsten kommt diese Bedeutung in irrealen Konditionalsätzen zum Ausdruck: Был бы он здоров, он пришёл бы на концерт.


Als gebundenen Gebrauch des Konjunktivs bezeichnet man folgende Fälle:

  • Nach Verben mit der Semantik des Befürchtens (z.B. бояться, опасться) drückt der negierte Konjunktiv eine unerwünschte Handlung aus: Мы боимся, чтобы он не упал. Vgl. hingegen die indikativische Konstruktion mit Negation: Мы боимся, что завтра не получится наш эксперимент.
  • Treten im Hauptsatz Präsens- bzw. Futurformen auf, wird in einem konzessiven Nebensatz mit der Partikel ни der Konjunktiv verwendet: Что бы он ни делал, ему всё удаётся. Bei einer Präteritalform im Hauptsatz wird in einem analogen Nebensatz der Indikativ verwendet: Что он ни делал, ему всё удавалось.
  • In einem Hauptsatz, in dem слишком verwendet wird, korreliert der Konjunktiv in einem konsekutiven Nebensatz: Сегодня слишком холодно, чтобы можно было идти гулять.
  • Haben Haupt- und Nebensatz im Finalsatz verschiedene Subjekte, wird ebenfalls der Konjunktiv gebraucht: Я шёл медленно, чтобы мой спутник не устал.

Transpositionen der Modusformen

Der Imperativ kann auch in Kontexten anderer Modi auftreten.

  • In der Funktion des Indikativs:
    • In konjunktionslosen Konditionalsätzen und in Konzessivsätzen: Узнай я об этом, я тебе сейчас скажу. Хоть кричи, никто тебя не услышит.
    • Zur Bezeichnung der Notwendigkeit oder Verpflichtung: Ему трудно: он и работай, но и учись.
    • Zur Bezeichnung einer Handlung, die dem Handlungträger gegen seinen Willen auferlegt wurde: Все говорят, а мы молчи.
  • In der Funktion des Konjunktivs
    • In konjunktionslosen irrealen Konditionalsätzen: Приди он пораньше, я помог бы им.
    • Zur Bezeichnung eines Wunsches (oft mit Partikel бы): Будь бы тишина!

Indikativformen können in der Funktion des Imperativs auftreten:

  • Mit entsprechender Intonation: Ты останешься здесь и будешь ждать нас!
  • Vo. Verbalformen einiger Verben in der Bedeutung des inklusiven Imperativs: Поехали!

Quellen

  1. Autorenkoll. u. d. Ltg. v. K. Gabka. Russische Sprache der Gegenwart. Bd. 2. Morphologie. Leipzig: Enzyklopädie, 1988. (HLB II)
  2. Autorenkoll. u. d. Ltg. v. K. Gabka. Kommentare und Aufgaben zur Morphologie. Leipzig: Enzyklopädie, 1988.
  3. Autorenkoll. u. d. Ltg. v. H. Schlegel. Компендиум лингвистических знаний для практических занятий по русскому языку. Volk und Wissen: Berlin, 1992.
  4. Костомаров, В.Г., Максимов, В.И. (ред.). Современный русский литературный язык. Москва: Гадарики, 2003.
  5. Шведова, Н.Ю, Лопатин, Н.Н. (ред.). Краткая русская грамматика. Москва: РАН, 2002.
  6. Шелякин, М.А. Справочник по русской грамматике. Москва: Русский язык, 2000.

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Letzte Aktualisierung: 09.11.2014 6:25 PM

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