RSG Verb

Lexikalisch-grammatische und grammatische Gruppierungen im Verbalbestand

Lexikalisch-grammatische Gruppierungen

Im Verbalbestand des Russischen kann man verschiedene lexikalisch-grammatische und grammatische Gruppierungen ausmachen. Lexikalisch-grammatische Gruppierungen entstehen dadurch, dass ihre Bestandteile auf der Grundlage von Besonderheiten in ihrer lexikalischen Semantik geeignet bzw. nicht geeignet sind, bestimmte grammatische Kategorien auszudrücken. Hierzu sind zu zählen:

  1. Transitive und intransitive Verben
  2. Terminative und aterminative Verben
  3. Persönliche und unpersönliche Verben

Die vorgenannten Gruppierungen lassen sich auf den gesamten Verbalbestand beziehen, ein Verb ist im strengen (disjunktiven) Sinne entweder transitiv oder intransitiv, terminativ oder aterminativ, persönlich oder unpersönlich. Diese Zuordnungen sind für die Beschreibung einzelner grammatischer Kategorien bzw. Funktionen von Bedeutung. Mit den transitiven/intransitiven Verben verbindet sich die Beschreibung des Genus verbi, mit den terminativen/aterminativen Verben des Aspekts, mit den persönlichen/unpersönlichen Verben die Chrarkterisierung von zweigliedrigen und eingliedrigen Sätzen. Zwischen den vorgenannten Gruppierungen gibt es keine eigenen Beziehungen.
Eine andere Klassifizierung des gesamten Verbalbestands findet sich in der Einteilung in produktive Verbalklassen und unproduktive Verbalgruppen. Mit dieser Einteilung fasst man in erster Linie nicht den Zugriff auf Kategorien, sondern auf die Formenbildung. Darauf wird in einem gesonderten Skript eingegangen.

Transitive und intransitive Verben

Transitive Verben sind solche, die die Gerichtetheit auf ein direktes Objekt ausdrücken, d.h. in affirmativen Sätzen eine präpositionslose Nominalform im Akkusativ bzw. einen partitiven Genitiv, in negativen Sätzen eine Nominalform im Genitiv verlangen (z.B. показывать картину, выполнить задачу, строить дом, выпить чаю, не увидеть профессора, не получить письма). Nur transitive Verben können Passivformen bilden.

Terminative und interminative Verben

Die Unterscheidung von terminativen Verben und aterminativen Verben kann helfen, Aspektbildung und -gebrauch einsichtig zu machen. Terminative Verben werden von SCHLEGEL (2002, 23ff.) mit "Endstationsverben" und aterminative Verben mit "Nicht-Endstationsverben" umschrieben. Erstgenannte drücken aus, dass sich die bezeichnete Handlung auf eine "innere" Grenze richtet und sich dann erschöpft, wenn sie erreicht ist. Z.B. drückt die unvo. Verbalform in Ведущий входил в студию aus, dass der Moderator dabei war, die Handlung des Hereinkommens zu Ende zu bringen, die vo. Verbalform in Ведущий вошёл в студию, dass der Endpunkt der inneren Grenze erreicht ist. Aterminative Verben drücken diese Gerichtetheit nicht aus, z.B. Он сидел за столом и писал. Beide Verben haben in diesem Kontext (und als isolierte Wörterbucheinheiten) keinen Hinweis darauf, dass sich die Handlungen des Sitzens und Lesens und Lesens auf eine Grenze zubewegen, geschweige denn erschöpfen, "zu Ende" sind. Eine andere Frage ist, dass diese Grenze von außen gesetzt werden kann (Он сидел весь вечер за столом, в 10 часов он встал и лёг на диван).

Persönliche und unpersönliche Verben
(Nach SHELYAKIN, 2000, 137)

Unpersönliche Verben bilden keine 1. und 2. Person, sie treten immer in eingliedrigen Sätzen auf, d.h. in Sätzen, in denen es kein Subjekt gibt. Der Handlungsträger kann durch Nomina in folgenden Kasus ausgedrückt werden. Dazu kommt die Möglichkeit, dass sich in der entsprechenden syntaktischen Position auch adverbiale Determinanten befinden können, vgl.:

  • Dativ: Мне нездоровится.
  • Akkusativ: Его тошнит.
  • Instrumental: Лодку унесло ветром.
  • Adverbiale: На улице морозит.

Unpersönliche Verben zerfallen in zwei Gruppen. In die erste gehören diejenigen Verben, die nur als unpersönliche Verben vorkommen, und zwar

  • Verben, die Naturereignisse bezeichnen (вечереть, моросить, расссветать...)
  • Verben, die nichtkontrollierte physische oder psychische Zustände bezeichnen (знобить, рвать, лихорадить...)
  • Verben, die das Vorhandensein oder Fehlen von etwas bezeichnen (хватать, недоставать)
  • Verben, die eine Soll-Muss-Modalität bezeichnen (следовать, надлежать, приходиться...)
  • Verben auf -ся, die einen Wunsch, einen Zustand, eine Handlung benennen (хотеться, не спаться...)

Die zweite Gruppe bilden Verben, die entweder persönlich oder unpersönlich verwendet werden, z.B. Ветер дует. (persönlicher Gebrauch) und Здесь дует (unpersönlicher Gebrauch).

Grammatische Gruppierungen

Neben der lexikalisch-grammatischen Gruppierungen kann man noch "rein" grammatische Gruppierungen unterscheiden, d.h. die Verben hinsichtlich ihrer grammatischen Funktion sehen. Hierbei sind zu unterscheiden:

  • Vollverben und Hilfsverben
  • Kopulaverben
  • Modal- und Phasenverben

Vollverben (полнозначные глаголы) haben ihre volle lexikalische Bedeutung, Hilfsverben (вспомогательные глаголы) haben diese eingebüßt, mehr noch - sie haben auch keine Satzgliedfunktion. Damit werden sie Bestandteil der entsprechenden Wortform, sie bilden eine analytische Wortform, z.B. буду писать, был построен.

Kopulaverben (глаголы-связки) haben in ihrer reinen Ausprägung ebenfalls ihre lexikalische Bedeutung verloren und übernehmen im sog. kopulativ-nominalen Satz die Rolle des Ausdrucks der prädikativen Kategorien (Modalität, Temporalität, Personalität), z.B. Мой дядя был лётчиком. Закон есть закон. Миша является нашим старостой. Neben diesen abstrakten Kopulae unterscheidet man noch halbabstrakte Kopulae, deren lexikalische Bedeutung noch nicht verblasst ist und die u.U. auch noch den anderen Aspektpartner haben können, vgl. казаться - показаться, оказаться - оказываться и др.

Schließlich wäre als letzte Gruppierung noch die Gruppe der Phasen- und Modalverben zu nennen. Sie bilden zusammen mit einem entsprechenden abhängigen Infinitiv das zusammengesetzte verbale Prädikat (z.B. начал посещать семинары, хочу пойти домой).


Quellen

  1. Autorenkoll. u. d. Ltg. v. K. Gabka. Russische Sprache der Gegenwart. Bd. 2. Morphologie. Leipzig: Enzyklopädie, 1988, S. 17 - 21, S. 26 - 32.
  2. Autorenkoll. u. d. Ltg. v. K. Gabka. Kommentare und Aufgaben zur Morphologie. Leipzig: Enzyklopädie, 1988.
  3. Autorenkoll. u. d. Ltg. v. H. Schlegel. Компендиум лингвистических знаний для практических занятий по русскому языку. Volk und Wissen: Berlin, 1992.
  4. Schlegel, H. Bildung, Bedeutung und Gebrauch des russischen Verbalaspekts. Teil 1: Theoretische Grundlagen (Lehrbuch). München: Otto Sagner, 2002.
  5. Костомаров, В.Г., Максимов, В.И. (ред.). Современный русский литературный язык. Москва: Гадарики, 2003.
  6. Шведова, Н.Ю, Лопатин, Н.Н. (ред.). Краткая русская грамматика. Москва: РАН, 2002.
  7. Шелякин, М.А. Справочник по русской грамматике. Москва: Русский язык, 2000.

Copyright © 2005 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung: 01.06.2013 11:10 AM

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