RSG Nomen

Impulstext "Lexikalisch grammatische Gruppierungen des Substantivs"

In der Grammatik ist es üblich, innerhalb einzelner Wortarten - so auch beim Substantiv - Unterteilungen des Lexembestandes vorzunehmen. Sie fußen in der Regel auf Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Semantik, in der Fähigkeit, substantivische Kategorien auszudrücken (der "morphologischen Geformtheit") und im syntaktischen Verhalten.

In Bezug auf das Russische kann man zunächst zwei große Gruppen unterscheiden,

  1. die Gattungsnamen (nomina appellativa, имена нарицательные), z.B. школа, снежинка, невежество
  2. die Eigennamen (nomina propria, имена собственные), z.B. Зайченко, Волга, Баба Яга

Ihre Unterschiede lassen sich folgendermaßen darstellen

Gattungsnamen

  • haben begriffliche verallgemeinerte Bedeutung
  • können eine Klasse gleichartiger Gegenstände und einzelne Gegenstände bezeichnen
  • kommen in der Regel im Singular und Plural vor

Eigennamen

  • haben keine begrifflich verallgemeinerte Bedeutung
  • bezeichnen nur Einzelnes
  • kommen in der Regel nur im Singular vor, wenn sie im Plural vorkommen, bezeichnen sie die innere Gegliedertheit (Альпы, Ивановы)
Die Gattungsnamen untergliedern sich weiter in Konkreta (существительные конкретные) und Abstrakta (существительные отвлеченные), Konkreta dann weiter in:
Individuativa (существительные-индивидуатива)
Stoffnamen (существительные вешественные)
Sammel- oder Kollektivnamen (существительные собирательные
Sie bezeichnen ein oder mehrere Exemplare materiell vorhandener, sinnlich wahrnehmbarer Gegenstände.
солдат, парта, дерево
Bilden Singular und Plural.
Sie bezeichnen nichtzählbare materiell vorhandene, sichtbare Gegenstände.
железо, газ, сахар, сливки
Stehen entweder im Singular oder Plural.
Sie bezeichnen die Gesamtheit gleichartiger Gegenstände.
бельё, деньги, детвора
Haben entweder Singular oder Plural, stehen mit den Singulativa in Verbindung.
    Singulativa bezeichnen Bestandteile, Stücke, Individuen aus einer Stoffmasse: морковка, картофелина.

Abstrakta können idelle Gegenstände bezeichnen (душа), aber auch gegenständlich gefasste Handlungen (развёртывание), Zustände (жизнь), Beziehungen (дружба), Eigenschaften (доброта). Bezeichnen die Abstrakta ideelle Gegenstände, so haben sie in der Regel auch Singular und Plural (мысль - мысли). Als Ableitungen von Verben oder Adjetiven (als Verbal- oder Adjektivabstrakta) stehen solche Bezeichnungen nur im Singular. Eine Ausnahme bildet, wenn die die Abstrakta neue lexikalisch-semantische Varianten bilden, vgl. dt. das Bekanntmachen - die Bekanntmachung, russ. объявление. Tritt das Lexem in der letztgenannten Bedeutung auf, handelt es sich nicht mehr um ein Abstraktum, sondern um ein Konkretum. Hier sind auch die Pluralformen möglich.
Schließlich kann auf eine letzte Untergliederung hingewiesen werden. Sie betreffen die Eigennamen und die Individuativa. In beiden Gruppen kann zwischen Lebewesen (Фёдор, отец) und Nichtlebewesen (Волга, диван) unterschieden werden. An dieser Stelle sei lediglich angemerkt, dass die naturwissenschaftliche Begründung von "lebend"/"nicht lebend" nicht immer mit der grammatischen Unterscheidung übereinstimmt. Auch die Faustregel, dass man nach Lebewesen mit кто und nach Nichtlebewesen mit что fragt, kann in die Irre führen (nach Sammelnamen muss man manchmal ebenfalls mit кто fragen, obwohl sie grammatisch unbelebt sind (полк, народ).

Vorliegender Impulstext folgt dem RSG-Lehrbuch (1988). Ein Vergleich mit den anderen Quellen zeigt folgendes:

Im Kompendium (1992, 122f.) findet sich eine tabellarische Übersicht, in der unter den Rubriken "лексико-грамматический разряд", "примеры", "значение" die Gattungsnamen, Eigennamen, Konkreta, Abstrakta, die belebten und unbelebten Substantive, die Stoffnamen sowie die Kollektiv-, Sammelnamen gekennzeichnet werden. Abschließend wird darauf hingewiesen, dass sich Stoff- und Sammelbedeutung wie auch die Bedeutung der konkreten und belebten Substantive kreuzen können (виноград, корова).

Bei KOSTOMAROV und MAKSIMOV (2003, 369-371) finden wir dieselben Gruppierungen wie eingangs beschrieben. Aus ihrer Darstellung kann man folgende Präzisierungen bzw. Ergänzungen entnehmen:

  1. Als Gruppen innerhalb der Eigennamen lassen sich unterscheiden: Namen, Vatersnamen, Familiennamen von Menschen; geographische Benennungen; Benennungen von literarischen Werken, Filmen, Stücken, Bildern; Benennungen von historischen Ereignissen; Benennungen von Betrieben und Einrichtungen.
  2. Gattungs- und Personennamen können ineinander übergehen: Ампер - ампер, Бродвей - бродвей (Übergang vom Eigennamen zum Gattungsnamen), кремль - Кремль, антрацит - Антрацит (Übergang vom Gattungsnamen zum Eigennamen).
  3. Bei den Individuativa, die Lebewesen bezeichnen, lassen sich manchmal Parallelbildungen von männlichen und weiblichen Personen beobachten (чех - чешка, доктор - докторша), wobei die Bildungen mit -ш(а) und -их(а) in der Regel eine umgangssprachliche Färbung aufweisen.
  4. Bei den Sammelnamen erfolgt die Teilung in Subgruppen über das Wortbildungskriterium. In die erste Gruppe werden diejenigen aufgenommen, die Suffixe mit Sammelbeutung haben (-в-, -j-, -н-, -ств-, -атник, -иj-), in die zweite diejenigen, die kein spezielles Suffix haben.

SHVEDOVA und LOPATIN (2002, 165-167) unterscheiden ebenfalls die bekannten Gruppierungen, sie teilen auch in Gattungs- und Eigennamen und im nächsten Schritt auf der Grundlage der Zählbarkeit/Nichtzählbarkeit in Konkreta auf der einen und Abstrakta, Stoff- und Sammelnamen auf der anderen Seite. Als weitere Untergruppen bei den Eigennamen finden wir bei ihnen: Rufnamen von Tieren; astronomische Bezeichnungen; Individualbezeichnungen für Fortbewegungsmittel; Presseorgane; Markennamen; Kodbezeichnungen.

Bei SHELYAKIN (2000) werden die lexikalisch-grammatischen Gruppierungen explizit nicht beschrieben.

Literatur:
Autorenkoll. u. d. Ltg. v. K. Gabka. Russische Sprache der Gegenwart. Bd. 2. Morphologie. Leipzig: Enzyklopädie, 1988.
Autorenkoll. u. d. Ltg. v. K. Gabka. Kommentare und Aufgaben zur Morphologie. Leipzig: Enzyklopädie, 1988.
Autorenkoll. u. d. Ltg. v. H. Schlegel. Компендиум лингвистических знаний для практических занятий по русскому языку. Volk und Wissen: Berlin, 1992.
Костомаров, В.Г., Максимов, В.И. (ред.). Современный русский литературный язык. Москва: Гадарики, 2003.
Шведова, Н.Ю, Лопатин, Н.Н. (ред.). Краткая русская грамматика. Москва: РАН, 2002.
Шелякин, М.А. Справочник по русской грамматике. Москва: Русский язык, 2000.

Copyright © 2011 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung: 29.04.2015 3:06 PM

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