RSG Wortbildung - Überblick zu den Wortbildungsverfahren

Der Wortschatz einer Sprache verändert sich unaufhörlich. Bei seiner Erweiterung spielen neben der Entlehnung Verfahren zur Wortbildung eine entsprechende Rolle. Diese Wortbildungsverfahren (способы словообразования) weisen eine unterschiedliche Produktivität auf, d.h., dass neue Wörter häufiger/weniger häufig/fast gar nicht mehr nach den Prinzipien bzw. Regeln gebildet werden, die dem entsprechenden Verfahren innewohnen.

Ausgehend von З.А. Потиха (Современное русское словообразование. М. 1970) werden in der Russistik drei Wortbildungsverfahren unterschieden:

  • das lexikalisch-syntaktische Verfahren (лексико-синтаксический способ)
  • das morphologisch-syntaktische Verfahren (морфолого-синтаксический способ) und
  • das morphologische Verfahren (морфологический способ).

Da die Stellung der Abkürzung (Abbreviation, аббревиация) in dieser Einteilung unklar ist, stellt das Hochschullehrbuch (IV) dieses Verfahren als viertes zu den o.a.

Alle diese Verfahren haben als Indikation grammatische bzw. morphologische Veränderungen. Somit unterscheiden sie sich von der semantischen Derivation, der Bereicherung des Wortschatzes durch neue Bedeutungen, die auch als lexikalisch-semantisches Verfahren bezeichnet wird. Als Beispiel der semantischen Derivation kann спутник angeführt werden, ein Lexem, das zunächst in der Bedeutung 'Wegbegleiter, Gefährte' bekannt war, und dann eine neue Bedeutung 'künstlicher Himmelskörper' bekam. Bei dem in Rede stehenden Verfahren unterscheidet man drei Quellen der Entstehung: die metaphorische, metonymische und die funktionale Bezeichnungsübertragung.

Das lexikalisch-syntaktische Verfahren

Das Wesen dieses Verfahrens besteht darin, dass eine Folge von Wortformen, die miteinander in einer syntagmatischen Reihe verknüpft sind und die regelmäßig reproduziert wird, zu einem Wort zusammenrückt und verschmilzt. Deshalb findet man für dieses Verfahren auch die Bezeichnung "Zusammenrückung" (сращение). Dabei kann man die Identität der ursprünglichen einzelnen Wortformen manchmal noch erkennen (z.B. триста), manchmal aber auch nicht (z.B. сегодня). Ein Teil von Bildungen nach diesem Verfahren lässt sich folglich nur noch aus diachronischer Sicht erklären. Aus synchroner Sicht muss man wohl konstatieren, dass es sich um ein unproduktives Wortbildungsverfahren handelt.
Gewöhnlich wird als Charakteristikum von Zusammenrückungen angenommen, dass sie nur (noch) eine Betonung haben.

Das morphologisch-syntaktische Verfahren

Aus diachronischer Sicht spielt die sog. Lexikalisierung eine Rolle. Sie äußert sich in zwei Erscheinungsformen. Zum einen gehen einzelne Formen eines Paradigmas (z.B. der Instrumental von Substantiven wie лето, осень) in eine andere Wortart über (летом, осенью als Adverbien). Zum anderen "erstarren" Adverbialpartizipien und gehen in die Wortarten Adverb oder Präposition über (шутя, благодаря). Vor allem im letzten Fall geht die semantische Verbindung zum Ausgangswort oft gänzlich verloren.

Aus synchroner Sicht wechseln zumeist Adjektive und Partipien in die Wortart Substantiv. Im ersten Fall kondensiert sich im Adjektiv, das ursprünglich als Attribut zu einem Substantiv gebraucht wurde, wesentliche Bedeutungselemente des Bestimmungsworts, wie 'person', 'ort'; vgl. больной человек ---> больной, столовая комната ---> столовая. Solche Bildungen werden auch "Ellipsen" genannt. Interessant ist, dass Neubildungen gar nicht mehr über die Stufe der Wortfügung gehen, sondern gewissermaßen in einem Schritt im substantivierten Adjektiv die Kondensation vor nehmen (Beispiele чебуречная, шашлычная).
In dem Fall, in dem nicht Konkreta, sondern Abstrakta das Ergebnis des Wortbildungsprozesses sind, vgl. трагическое, интересное, kann keine Kondensation festgestellt werden. Es liegt folglich auch keine Ellipse vor. Man nennt diese Art der Substantivierung "Konversion".

Ebenso wie Ellipse und Konversion bei den substantivierten Adjektiven ist die Substantivierung der Partizipien ein häufig zu beobachtender Vorgang. Das Partizip verliert seine verbalen Kategorien und behält nur noch seine nominalen (z.B. блестящий, следующий, любимый).

Das morphologische Verfahren

Unter dem morphologischen Verfahren subsumiert man die Affigierung und die Komposition. Beide Verfahren sind sehr produktiv. Insbesondere bei der Affigierung hilft die Kenntnis der entsprechenden Affixe oft beim Erschließen unbekannten Wortmaterials.

Die Affigierung (s. auch ein gesondertes Skript)

Hierunter fällt die Präfigierung (при-нести), Suffigierung (учи-тель) und die gleichzeitige Prä- und Suffigierung (пере-шеj-ек).

Die Komposition

Bei der Komposition werden zwei Wortteile zusammengeführt, entweder

  • zwei grammatisch geformte Autosemantika (z.B. женщина-врач, акула-молот) oder
  • zwei Stämme von Autosemantika mit einem Suffix (лес-о-пиль-н-ый) oder
  • ein Wortstamm eines autosemantischen Wortes und ein grammatisch geformtes Autosemantikon (вод-о-хранилищ-е).

Wie zu sehen ist, wird im zweiten und dritten Fall ein Bindevokal (Interfix) eingeführt. Nach weichen Konsonanten erscheint ein -e-, z.B. тысяч-е-летиj-е. Bei Fügungen mit Numeralia als erster Komponente erscheint ab "5" als Bindevokal -и- (пят-и-этажн-ый). Gehen in die Fügungen два, три, четыре ein, nehmen sie eine Form an, die an ihren Genitiv erinnert (двух-этаж-н-ый).

Zwischen den Gliedern eines Kompositums lassen sich syntaktische Verhältnisse der Nebenordnung (z.B. северо-восток) und Unterordnung (нефтепровод) antreffen. Den erstgenannten Typ nennt man Kopulativkomposita сложные слова сочинительного типа), den zweitgenannten Determinativkomposita (сложные слова подчинительного типа).

Die Abkürzung (Abbreviation)

Die Abkürzung stellt ein produktives Wortbildungsverfahren dar. Dabei werden zwei oder mehr autosemantische Wörter, die eine Wortfügung bilden, in gekürzter Form zu einem neuen Wort zusammen gezogen. Das Hochschullehrbuch IV unterscheidet folgende Typen:

  1. den Typ партшкола
  2. den Typ колхоз
  3. den Typ СССР
  4. den Typ рация
  5. den Typ транс

Beim ersten Typ wird der erste Teil, das Adjektiv, z.B. парт-иj-н-ая, gekürzt (партийная) und an das Substantiv (школа), das als Kernwort der Wortfügung fungiert, unmittelbar angeschlossen: партшкола.

Beim zweiten Typ werden die Anfangsteile beider Komponenten der Wortfügung (коллективное хозяйство) zu einem Wort zusammengefügt: колхоз. Diesen Typ nennt man auch Silbenabkürzung.

Das Kennzeichen des dritten Typs ist, dass die Anfangsbuchstaben der beteiligten Wörter zusammengefasst werden, genannt Initialabkürzung. Je nachdem, ob die Anfangsbuchstaben bei der Aussprache als Folge einzeln hervorgehobener Laute artikuliert werden (Автономная советская социалистическая республика - АССР, ausgesprochen als а-эс-эс-эр) oder akustisch als ein Wort wahrgenommen werden (высшее учебное заведение - вуз), spricht man vom Initialbuchstabentyp bzw. vom Initiallauttyp.

Beim vierten Typ ergibt sich z.B. aus радиостанция - рация, d.h. der erste Teil des Kompositums wird mit seinem Auslaut zu einem Wort zusammengezogen.

Der letzte Typ erfasst die Fälle, in denen nur der Anfangsteil des Ursprungwortes verwendet wird: z.B. маг anstelle von магнитофон. Diese Bildungen finden sich hauptsächlich in der Umgangssprache.

Günther, E.
Kap.5. Wortbildung. In: Autorenkoll. u. d. Ltg. v. L. Wilske. Die Russische Sprache der Gegenwart. Bd. 4. Lexikologie. Leipzig: Enzyklopädie, 1984, 149-202. (HLB IV)

Copyright © 2008 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung: 01.05.2013 12:05 PM

Dieses Werk bzw. Inhalt steht unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Creative Commons Lizenzvertrag