RSG Morphologie - Das Wortartensystem

In der Schulgrammatik ist der Begriff der Wortarten unersetzbar, da es mit ihm möglich ist, relativ ökonomisch Klassen von Wörtern (Wortklassen) zu bilden, die dann den Bezugspunkt für "untergeordnete" Fragen, wie besondere Formen (z.B. Kurzformen beim Adjektiv) und charakteristische Kategorien (z.B. Aspekt beim Verb) bilden.
In der wissenschaftlichen Grammatik ist der Terminus "Wortart" durchaus nicht unumstritten. Dies äußert sich manchmal darin, dass in Darstellungen zur Morphologie eigenständige Kapitel zu den Wortarten einfach fehlen (s. z.B. Bruns 2007, Шелякин 2000; Шведова 2002).

Um zunächst einmal eine Darstellung des Wortartensystems zu präsentieren, die dann hinsichtlich ihrer Schwächen diskutiert werden könnte, sei hier auf die Ausführungen bei Mulisch im HLB II zurückgegriffen. Nach dieser Darstellung gliedert sich das Wortartensystem in Inhaltswörter (Begriffswörter, Autosemantika), die auf Grund ihrer Semantik für sich allein stehen können und Funktionswörter (Hilfswörter, Synsemantika), die nur zusammen mit den "Begriffswörtern" ihre Funktion erfüllen. Angehörige beider Gruppen lassen sich auf syntaktischer Ebene klar dadurch unterscheiden, dass die einen Satzgliedfunktion haben, die anderen nicht.

Nach der beschriebenen ersten Teilung werden die Inhaltswörter in flektierende und nichtflektierende eingeteilt, d.h. danach, ob sie über ein Paradigma von mehreren Formen verfügen oder nicht. Da es zwei grundlegende Arten von Flexion (morphologischer Wortveränderung) gibt - die Deklination und Konjugation - ergeben sich wiederum zwei Gruppen: die Nomina und die Verben. Nomina (russ. имена) wären Substantive, Adjektive, Numeralia. Hinzu werden auch die Pronomina gezählt.

In der Gruppe der nichtflektierten autosemantischen Wortarten ist das Adverb an erster Stelle zu nennen. Das HLB stellt daneben das Modalwort (z.B. пожалуйста) und die sog. Zustandskategorie (категория состояния), Beispiel нельзя. Die Abgrenzung erfolgt auf syntaktischer Basis. Adverbien treten als Adverbialbestimmung in allen Satztypen auf (Он весело гулял по городу). Modalwörter stehen außerhalb der syntagmatischen Beziehungen im Satz, sie sind z.B. in der Satzmitte immer in Kommata eingeschlossen (Откройте, пожалуйста, окно.). Die Zustandskategorie nimmt immer die Position des hauptrangigen Satzgliedes in eingliedrigen Sätzen ein (Ему нелзья пройти через улицу).

Als Funktionswörter werden die Partikeln, die Präpositionen und die Konjunktionen angesehen. Außerhalb der Wortartenklassifizierung stehen die Interjektionen, weil sie weder einen Sachverhalt bzw. seine Komponenten bezeichnen noch ihn/sie modifizieren.

Autorenkoll. u. d. Ltg. v. H. Mulisch.
Russische Sprache der Gegenwart. Bd. 2. Morphologie. Leipzig: Enzyklopädie, 1988. (HLB II)
Bruns, Th.
Einführung in die russische Sprachwissenschaft. Tübingen: Narr, 2007.
Шведова, Н.Ю, Лопатин, Н.Н. (ред.).
Краткая русская грамматика. Москва: РАН, 2002.
Шелякин, М.А.
Справочник по русской грамматике. Москва: Русский язык, 2000.

Copyright © 2008 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung: 01.05.2013 11:50 AM

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