Wortschatz im Text : Stilwertanalyse in Bezug auf die Stilschicht

Wie im Eingangstext beschrieben, soll sich der Begriff der Stilschicht hier auf die Funktionalstile beziehen, in denen sich auf der Folie der gemeinsprachlichen (neutralen) Lexik der buchsprachliche und der umgangssprachliche Wortschatz einerseits und der künstlerische Gebrauch des Wortschatzes andererseits als spezifische Bestandteile ausgliedern lassen. "Buchsprachliche" Lexik ist nach diesem Ansatz ein Kennzeichen für den wissenschaftlichen und den offiziell-amtssprachlichen Stil, einschließlich ihrer Substile, und - in Teilen - auch für den publizistischen Stil. Die umgangssprachliche Lexik ist charakteristisch für den Stil der Alltagsrede. Für den künstlerischen/literarischen Stil ist anzunehmen, dass in ihm in besonderer Weise alle bekannten Mittel der Sprache zur Realisierung ihrer ästhetischen Funktion, insbesondere zur Schaffung von Fiktion und künstlerischem Effekt, Verwendung finden.

Für die Bestimmung eines Rasters für eine Analyse von Textexemplaren unter dem Blickwinkel der Funktionalstile sei auf die Ausführungen von M. Hoffmann (2007) zurückgegriffen. Der Autor kritisiert das Konzept der Funktionalstile weil durch sie nicht alle gesellschaftlichen Kommunikationsbereiche erfasst werden, es zu grob ist, um der Vielgestaltigkeit von Texten innerhalb eines Kommunikationsbereichs gerecht zu werden und die Bezeichnung der Funktionalstile in hohem Grade uneinheitlich sind, zuweilen sogar das Wesen einzelner Textformen nicht korrekt widerspiegeln (ebd., 4f.). Er versucht diesen Mängeln zu entgehen, indem er auf das neuere Konzept der sprachlichen Varietäten zurückgreift, wie es u.a. von E. Coseriu (1988) begründet wurde. Funktionalstile gehen in diesem Konzept in sog. Funktiolekten, in funktionalen Varietäten auf. Über einen Algorithmus lassen sie sich auf der Grundlage folgender Oppositionen aufgliedern (vgl. a.a.O., 11f. - Hervorhebungen durch mich - R.-R.L.):

  1. ungezwungen-locker vs. literarisch-ausgefeilt (Alltagssprache)
  2. künstlerisch geformt vs. nicht künstlerisch geformt (Dichtersprache)
  3. theoretisch-abstrakt vs. nicht theoretisch-abstrakt (Wissenschaftssprache)
  4. bürokratisch-formalisiert vs. nicht bürokratisch-formalisiert (Behördensprache)
  5. journalistisch geformt vs. anpreisend-persuasiv (Pressesprache vs. Werbesprache)

Der Autor räumt ein, dass mit diesem Modell zwar auch nicht alle funktionalen Varietäten erfasst sind, macht aber geltend, dass gegenüber den Ansätzen der Funktionstilistik zumindest die Werbesprache als neuer Bereich berücksichtigt wurde.

Für die praktische Analyse kann m.E. von möglichen theoretischen Divergenzen in den Konzepten der Funktionalstilstik und der Varietätenlinguistik abgesehen werden. Deshalb wird empfohlen, die Stilwertanalyse von Textexemplaren bzw. ihren Fragmenten mit der Abarbeitung des skizzierten Algorithmus zu beginnen.


Hoffman, M.
Funktionale Varietäten des Deutsch - kurz gefasst. URN: urn:nbn:de:kobv:517-opus-13450; URL: http://opus.kobv.de/ubp/volltexte/2007/1345/.
 

Copyright © 2010 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung: 24.04.2015 12:45 PM

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