Wortschatz im Text : stilistische Analyse

Es ist unbestritten, dass die Beschreibung und Erklärung des Wirkens lexikalischer Einheiten im Text auf vorgängige lexikologische Charakterisierungen zurückgreifen muss. Die lexikologische Beschreibung der Wortbedeutungen, der Schichtung des Wortschatzes und der semantischen Beziehungen zwischen seinen Elementen sind wichtige Voraussetzungen, um den Textzusammenhang erklären, um die Rezeptionsteuerung untersuchen und die Textgestaltung beurteilen zu können. Die letztgenannten Aufgaben fallen in den Bereich der sog. kommunikativen oder pragmatischen Stilistik, die den Stil als textgebundenes Phänomen begreift. "Stil wird als eine über die sprachliche Form vermittelte Information pragmatischer Art aufgefasst. (...) Dabei geht es um Informationen, die die Beziehung zwischen dem Sender, den von ihm verwendeten Zeichen und dem Empfänger der Zeichen markieren. Der Stil verdeutlicht die Bedingungen und Ziele der jeweiligen Kommunikation und drückt aus, welche sozialen Beziehungen der Sender zum Empfänger herstellen will." (Knipf-Komlosi et al., 2006, 179f). Insofern kreuzen sich hier die Aktivitäten von Lexikologie, Lexikographie und Stilistik, was eine übersichtliche Darstellung erschwert.

Obwohl die Begriffe "Stilwert", "Stilschicht", "Stilebene", "Stilniveau" und "Stilfärbung" in der Literatur nicht einheitlich gebraucht werden, sollen sie hier - in Anlehnung an die Darstellung im Hochschullehrbuch ("Die russische Sprache der Gegenwart", Bd. 4, S. 100ff.) - in folgender Lesart verwendet werden: Der Begriff "Stilwert" fasst dreierlei zusammen.

  1. Er bezieht sich auf die Funktionalstile, in denen sich auf der Folie der gemeinsprachlichen (neutralen) Lexik der buchsprachliche und der umgangssprachliche Wortschatz einerseits und der künstlerische Gebrauch des Wortschatzes andererseits als relativ eigenständige Bereiche ausgliedern lassen. Die genannte Quelle bezeichnet die Gesamtheit des Wortschatzes, die einem Funktionalstil zugeordnet werden kann, als Stilschicht, entsprechende Markierungen in Wörterbüchern sind z.B. "научный" (стиль), "wissenschaftlich", "раговорный", "umgangssprachlich", "официально-деловй", "offiziell-amtssprachlich";
  2. Der Begriff "Stilwert" bezieht sich auf stabile stilistische Markierungen lexikalisch-semantischer Varianten (z.B. "поэтический", "poetisch", "высокий", "gehoben"), die sprachästhetischer Natur sind. Sie werden mit dem Begriff Stilebene bzw. Stilniveau belegt.
  3. Er bezieht sich auf stabile stilistische Markierungen von lexikalisch-semantischen Varianten, die expressiv-emotionaler Natur sind (z.B. "пренебрежительно", "missbilligend", "шутливо", "scherzhaft"). Solcherart Markierungen werden in der genannten Quelle mit dem Begriff Stilfärbung erfasst.

Drei Bemerkungen seien zu der vorstehenden Einteilung erlaubt.

  1. Ein bestimmter Stilwert kann sich als ständige Eigenschaft einer lexikalisch-semantischen Variante erweisen (s. z.B. Augmentativa vom Typ позорище) oder ihn erst in einem bestimmten Kontext erwerben. S. dazu Dibrova (2006, 245): "Ольга Ивановна... в первом часу... ехала к своей портнихе... От портнихи... обыкновенно ехала к какой-нибудь знакомой актрисе... От актрисы нужно было ехать в мастерскую художника... После обеда... ехала к знакомым, потом в театр или на концерт... Так каждый день. Глагол ехать передает регулярную повторяемость жизни героини, и коннотации повтора — 'беззаботность', 'праздность', 'легкость', 'бесцельность', согласуясь с названием рассказа, раскрывают образ героини. Глагол приобретает в тексте, помимо содержательных изменений, стилистическую оценку — негативное, уничижительное." Diese einmaligen (stilistische) Bedeutungen von lexikalisch-semantischen Varianten können als semantische Okkasionalismen bezeichnet werden (s. dazu Skovorodnikov 2005, 193ff.), die ein stilistisches Verfahren (стилиистический приём) bilden.
    Die Untersuchung der "Ergänzung", "Anreicherung", "Neudeutung" der kodifizierten Wortbedeutungen (=der in Hand- und Wörterbüchern erfassten semantischen Explikationen der lexikalischen Einheiten) im Text wird auch als "textzentrische Analyse der lexikalischen Bedeutung" ("текстоцентрический анализ лексического значения") in der Gegenüberstellung zur "lexikalisch-zentrierten Analyse" ("лексико-центрический анализ") bezeichnet (Dibrova, ebd.).
  2. Unklar bleibt bei der durch das Hochschullehrbuch vorgenommenen Einteilung, wie in sie der passive Wortschatz (z.B. Archaismen, Historismen), der Fachwortschatz (die Termini), (z.B. Exotismen und Barbarismen), auch Soziolekte (Jargon) und Regiolekte (Dialektismen) eingeordnet werden können. Es scheint zum einen einleuchtend, dass diese spezifischen lexikalischen Einheiten eine "stilwertige" Markierung aufweisen (können), s. z.B. Kennzeichnungen in Wörterbüchern, wie "устар.", "ист.", "спец.". Zum anderen fällt es jedoch zuweilen schwer, diese Markierung als Ausweis für einen Funktionalstil (Stilschicht), als sprachästhetisches (als Stilebene) oder als emotional-expressives Kennzeichen (als Stilfärbung) zu behandeln.
  3. In vielen Quellen (vgl. Knipf-Komlosi et al., 2006; Krylova 1979, 46ff., Kožina 1977, 27ff.) wird als Ausgangspunkt für die Beschreibung der stilistischen Funktionen die Stilfärbung genommen. Dadurch erhält dieser Begriff einen breiteren Umfang als im Hochschullehrbuch. Er scheidet alle stilistisch markierten Einheiten/Bedeutungen von den nichtmarkierten Einheiten/Bedeutungen, dadurch erscheinen die buchsprachlichen (schriftlichen) und umgangssprachlichen (mündlichen) Erscheinungsformen als Opposition zu den neutralen (gemeinsprachlichen) Erscheinungsformen. Der Begriff der Stilfärbung wird darüber hinaus in "funktionalstilistische" und in "expressiv-emotionale Färbungen aufgegliedert." Und hier offenbart sich ein gravierender Unterschied zur skizzierten Auffassung des Hochschullehrbuchs, das keine funktionalstilistische Färbung annimt, sondern entsprechende Kennzeichen als Zugehörigkeit zu einer Stilschicht interpretiert.

Ungeachtet der skizzierten Schwächen, sei für eine Wortschatzanalyse am Text, die lexikologisches und stilistisches Wissen zusammenführt, der Begriff Stilwert als Leitbegriff vorgeschlagen. Er ist offs. nicht immer geeignet, entsprechende Phänomene eindeutig voneinander zu scheiden, dafür lässt er sich aber für eine polyaspektuale Analyse verwenden.

Eine solche Analyse sollte m.E. den Stilwert lexikalischer Einheiten in entsprechenden Textexemplaren unter folgenden Gesichtspunkten erfassen:


Autorenkoll. u. d. Ltg. v. L. Wilske.
Die Russische Sprache der Gegenwart. Bd. 4. Lexikologie. Leipzig: Enzyklopädie, 1984, 149-202. (HLB IV)
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Knipf-Komlosi, E., Rada, R.V., Bernath, C.
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Letzte Aktualisierung: 24.04.2015 12:41 PM

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