Einführung in die Russistik

Historische Lautprozesse (einführende Bemerkungen)

Vorbemerkung I

Die folgenden Ausführungen sollen kein Ersatz für Standarddarstellungen zur Geschichte der russischen Sprache sein, sie erheben also keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Ausgewogenheit. Ihr Anliegen ist, einige historische Lautprozesse vorzuführen, um damit ein erstes Verständnis für den Gegenstand und die Spezifik sprachistorischer Betrachtungen zu wecken.

Vorbemerkung II

Auf der Folie vorliegende Periodisierungen von Sprachzuständen kann u.a. konstatiert werden, dass schriftliche Zeugnisse von bestimmten "Sprachen" nicht der Anfang sprachhistorischer Betrachtung sind, sondern "Ursprachen". Diese "Ursprachen" werden im Zuge einer vergleichenden Untersuchung sprachübergreifend rekonstruiert. So ist das Indoeuropäische (3000 v.u.Z. bis ca. 1500 v.u.Z.) genauso ein Rekonstrukt, wie die Erscheinungen, die dem Übergang zum Urslawischen, das oft das "Baltoslawische" genannt wird, und dem Urslawischen selbst (bis 500 u.Z.) und seinem weiteren Verfall zugerechnet werden. Auch der Beginn des Gemeinostslawischen (9. - 11. Jh.) kann - wenn wir unser Augenmerk auf die Sprachzustände richten, die vor dem Russischen als Einzelsprache liegen - auf keine schriftlichen Zeugen verweisen. Als erste verwertbare Quellen können Pergamentschriften, und zwar das Ostromir-Evangelium (1056/57) Inschriften, Graphiti aus der Sophienkathedrale in Kiew (1068) und Birkenrindenschriften (11./12. Jh.) angeführt werden, die allerdings oft fragmentarischen Charakter tragen. Daneben dient auch das Namenmaterial als eine der frühest möglichen Dokumentation zur Beschreibung der jeweiligen Sprachzustände.

Vorbemerkung III

Wenn es im Folgenden um lautliche Prozesse geht, verlangt das die Verwendung einer entsprechenden Terminologie, die in der Phonetik als der zuständigen wissenschaftlichen Disziplin üblich ist. Dazu gehören vor allem:

  • die Klassifizerung der Laute in Klanglaute (Vokale, /a/, /e/, /и/, /о/, /у/), Klanggeräuschlaute (Sonore, /р/, /р'/, /л/, /л'/, /м/, /м'/, /н/, /н'/, /j/; stimmhafte Konsonanten, z.B. /б/, /в/, /з/, /д/, /ж/, /г/), Geräuschlaute (stimmlose Konsonanten, z.B. /п/, /ф/, /с/, /т/, /ш/, /к/);
  • die Klassifizierung der Vokale nach der vertikalen Zungenlage in Vokale der vorderen Reihe (/е/, /и/), der mittleren Reihe (/а/) und der hinteren Reihe (/у/, /о/);
  • die Klassifizierung der Sonoren in Nasale [mit Hilfe des Nasenraums gebildet, /м/, /м'/, /н/, /н'/] und Orale [ohne Hilfe des Nasenraums gebildet, /j/, /р/, /р'/, /л/, /л'/] ;
  • die Klassifizierung der Oralen in Liquide und dann in Laterale bzw. [Seitenengelaute, /j/, /л/, /л'/] und in Vibranten [Schwinglaute, Flatterlaute, /р/, /р'/],
  • die Klassifizierung der Konsonanten nach der Artikulationsstelle: Labiale [Lippenlaute, /м/, /б/, /п/], Dentale [Zahnlaute, /с/, /з/, /т/, /д/], Alveolare [Zahndammlaute, р], Postalveolare, [Laute, die nach dem Zahndamm gebildet werden, /ш/, /ж/], Palatale [Laute, die am harten Gaumen gebildet werden, /j/], Velare [Laute, die am weichen Gaumen gebildet werden, /г/, /к/, /х/];
  • die Klassifizierung der Konsonanten nach dem Artikulationsmodus bzw. Ueberwindungsmodus: Klusile, Explosivlaute [Sprenglaute, z.B. /б/, /п/, /т/, /д/, /г/, /к/], Frikative [Reibelaute, Engelaute, z.B. /ф/, /в/ /с/, /з/, /ш/, /ж/], Affrikate [Spreng- und Reibelautverbindung, /ч/, /ц/]

Belege (Word-Dokumente)

  1. Urslawische Lautprozesse
  2. Lautprozesse im (frühen) Gemeinostslawischen und im Altrussischen

Literatur

Eckert, R., Crome, E., Fleckenstein, Ch.
Geschichte der russischen Sprache. Leipzig: VEB Verlag Enzyklopädie, 1983.
Камчатнов, А.М.
Старославянский язык. Курс лекций. Учебное пособие. Изд. 4-ое. Москва: Флинта, Наука, 2002.

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Letzte Aktualisierung: 24.04.2015 11:59 AM

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