Einführung in die Russistik

Bedeutung III.

Monosemie und Polysemie. Polysemie und Homonymie. Lexikalisch-semantische Beziehungen im System.


Monosemie und Polysemie.

In den meisten Fällen haben Lexeme nicht nur eine "Bedeutung", sondern mehrere, sie sind also nicht monosem (eindeutig, однозначны), sondern polysem (mehrdeutig, многозначны).

Die einzelnen "Bedeutungen" (Sememe) eines polysemen Lexems sind in der Regel nicht gleichwertig, man kann unter ihnen mindestens eine, manchmal auch mehrere Hauptbedeutungen unterscheiden. Als "Hauptbedeutung" wird dabei jene angesehen, die im Bewusstsein der Sprachträger mit dem Formativ zu einer besonders festen Einheit verbunden ist, somit bei der Wahrnehmung außerhalb des Kontextes durchschnittlich zuerst reproduziert wird. Als Hauptbedeutung fungiert zumeist die direkte Bedeutung, in der die Merkmalkomplexe der Dinge und Erscheinungen in der Regel unvermittelt reflektiert werden.
Die direkte Bedeutung ist im Vergleich zu den übertragenen (Neben-)Bedeutungen frei, d.h. sie bedarf keiner Stütze durch andere Bedeutungen.

Lexikalisch-semantische Varianten (Sememe) und Lexem.

Mit den Termini lexikalisch-semantische Variante (LSV) und Semem erfasst man die einzelnen Bedeutungen innerhalb eines polysemen Lexems, die jeweils in der parole (речь) realisiert werden. Die Gesamtheit dieser Einzelbedeutungen bilden das Lexem. Lexeme gelten als Einheiten der langue (язык).
Einzelne Quellen verbinden mit den Termini lexikalisch-semantische Variante und Semem im Detail Unterschiedliches. Z.B. versteht Wilske (1984, 61f.) unter der lexikalisch-semantischen Variante ein symmetrisches bilaterales Zeichen, d.h. ein Zeichen, in dem Form und Inhalt aufeinander bezogen und relativ stabil miteinander verbunden sind. Spricht man von Semem, wird vom Formativ und der grammatischen Komponente des Lexems abstrahiert. Man hat nur die semantische Seite im Blick. Deswegen ist es korrekt, wenn man in Bezug auf die Sememe nur von semantischen Varianten spricht. Die skizzierte Unterscheidung macht Sinn, wenn man betonen will, dass es zwischen Bedeutungsvarianten innerhalb eines Lexems auch grammatische Unterschiede, es also lexikalisch-semantische Varianten gibt. Hat man hingegen nur den semantischen Zusammenhang zwischen den Bedeutungsvarianten eines Lexems im Blick, spricht man gewöhnlich von Sememen. Ähnlich argumentiert Dibrova (2006, 203).

Polysemie und Homonymie.

Polysemie (Mehrdeutigkeit) und Homonymie haben auf den ersten Blick gemeinsam, dass einer Zeichenform mehrere Zeicheninhalte zugeordnet werden können. Der Unterschied wird zumeist darin gesehen, dass bei Polysemie bei den Zeicheninhalten gemeinsame Bedeutungsbestandteile (Seme) nachgewiesen werden können, bei Homonymie jedoch nicht. Da Sprache in ständiger Entwicklung ist, kann der Verlust von Semen bei polysemen Sememen dazu führen, dass der Zusammenhang zwischen ihnen verloren geht und sich homonyme Lexeme herausbilden.
In Wörterbüchern wird Polysemie dadurch verdeutlicht, dass die betreffenden lexikalisch-semantischen Varianten als Unterpunkte in einem Eintrag (Lemma) als ein Lexem geführt werden. Homonymie erkennt man in Wörterbüchern, dass betreffende Lexeme als zwei gentrennte Einträge (Lemmata) erscheinen.

Totale Homonymie (Homonyme), partielle Homonymie (Homoformen - Homographen)

мир, ключ

худой, поцелуй

гвоздика, замок

Syntagmatische und paradigmatische Beziehungen

Bei der Beschreibung des ganzen Systems einer Sprache - nicht nur ihrer lexikalischen Ebene - spielen syntagmatische und paradigmatische Beziehungen eine wichtige Rolle.

Syntagmatische Beziehungen bestehen zwischen angrenzenden Elementen, die in einer linearen Kette sprachlicher Zeichen vorkommen bzw. vorkommen können. Die Wirkung solcher Beziehungen kommt in der Kompatibilität/Inkompatibilität (Vetrträglichleit/Unverträglichlichkeit) entsprechender sprachlicher Zeichen zum Ausdruck. In der Syntax, der Satzlehre ist die Fügungspotenz, die sich in der Fähigkeit äussert, bestimmte lexikalisch-semantisch Varianten an sich zu binden (Valenz) das bestimmende Beispiel. Im lexikologischen Bereich zeigen sich syntagmatische Beziehungen besonders deutlich in der Wortbildung.

Paradigmatische Beziehungen bestehen zwischen Elementen, die nach einem invarianten Merkmal geordnet werden und die in der Lage sind, eine bestimmte Position in der Kette aktueller Zeichen auszufüllen. In der Morphologie bilden z.B. alle Kasus ein paradigmatisches (Teil-)System. Sie können nicht gleichzeitig auftreten, sondern werden bei der Sprachproduktion entsprechend den grammatischen Regeln ausgewählt

Paradigmatische Beziehungen im lexikalischen System (Auswahl)

  1. Beziehungen der Unterordnung und Nebenordnung
    Hyponomie - Hyperonymie und Kohyponyme
  2. Identitäts- und Äquivalenzbeziehungen
    Synonymie
    Synonyme und Dubletten (орфография - правописание) und Heteronyme
    Begriffliche (ideographische) ( известный - знаменитый) und stilistische Synonyme (лошадь - конь)
    Synonymreihen
  3. Gegensatzbeziehungen
    Logische Grundlagen (polare und kontradiktorische Gegensätze)
    Qualitative Gegensätzlichkeit (легкий - трудный), Komplementarietät (холостой - женатый), Konversivität (увеличивать - уменьшивать)
  4. Ähnlichkeitsbeziehungen
    Paronymie (экскаватор - эскалатор)
Literatur
Autorenkoll. u. d. Ltg. v. L. Wilske.
Die russische Sprache der Gegenwart. Bd. 4. Lexikologie. 2. unveränd. Aufl. Leipzig: Enzyklopädie, 1984.
Диброва, Е.И. (ред.).
Современный русский язык. Теория. Анализ языковых единиц: учебник для студ. высш. заведений. В 2 ч. Ч. 1. Фонетика и орфоэпия. Графика и орфография. Лексикология. Фразеология. Лексикография. Морфемика. Словообразование/ [Е.И. Диброва, Л.Л. Касаткин, Н.А. Николина, И.И. Щеболева]; под ред. Е.И. Дибровой. - 2-ое изд. испр. и доп. - М.: Издательский центр "Академия", 2006.
Schippan, Th.
Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache. Leipzig. Bibliographisches Institut, 1984, 126.

Copyright © 2000 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung: 24.04.2015 11:59 AM

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