Einführung in die Russistik

Bedeutung II.

Bedeutung und Begriff. Potentielle und Aktuelle Bedeutung. Schichtungen in der Wortbedeutung. Die Konnotationsproblematik. Eigentliche und übertragene Bedeutung. Lexikalische und grammatische Bedeutung. Struktur und Aufbau von Wortbedeutungen.

Bedeutung und Begriff

Seit G. Frege kennt man den Unterschied zwischen der Extension (dem Umfang) und der Intension (dem Inhalt) eines Begriffs. "Morgenstern", "Abendstern", "Venus" haben als Begriffe dieselbe Extension (Frege nannte das "Bedeutung") und unterschiedliche Intensionen (nach Frege "Sinn").
Der Bedeutungsinhalt stellt die in der Bedeutung zusammengefassten semantischen Merkmale, der Bedeutungsumfang stellt die Klasse von Dingen dar, die auf Grund der semantischen Merkmale von dem jeweiligen Wort bezeichnet werden. Je mehr Merkmale zum Begriffsinhalt hinzukommen, desto enger wird sein Umfang, vgl.: рыба - пресноводная рыба - форель.

Über das Verhältnis von Wortbedeutung und Begriff ist vor allem in den 60-er und 70-er Jahren sehr viel gestritten worden. Die Auffassungen reichten von der strikten Separierung bis hin zur vollständigen Identifizierung.

Bei der Betrachtung dieser Frage scheint es sinnvoll, davon auszugehen, dass mit "Begriff" zumeist Theoriekontexte angesprochen werden, die sich auf das Wechselverhältnis von Sprache und Denken beziehen - damit Fragen evozieren, die in philosophische, logische, psychologische Dimensionen reichen. Mit dem Begriff "Bedeutung" hingegen verbinden sich eher linguistische Fragestellungen.
Da sich die Linguistik nicht von anderen Wissenschaften isoliert sieht (sehen kann), scheint der Ansatz von A. Schaff fruchtbar, der "Bedeutung" und "Begriff" als zwei Seiten einer Sache, als verschiedene Bezeichnungen für den gleichen psychischen Inhalt sieht. "Begriff" ist dann eine Kategorie der Erkenntnis und "Bedeutung" ein sprachliches Phänomen. Dieser Ansatz schließt ein, dass "Begriff" und "Bedeutung" nicht miteinander identisch, aber aufeinander bezogen sind.

Den Zusammenhang und den Unterschied zwischen beiden Kategorien kann man in folgendem sehen:

  • das Wort ist - weil es nicht anders geht - die Existenzform des Begriffs; es gibt eine Reihe von Fügungen von Wörtern, die einen einheitlichen Begriff ausdrücken (сила тяжести, дар слова, разрешение на свидание с заключенным)
  • nur in der Wissenschaftssprache erlangt die Bedeutung die Tiefe des wissenschaftlichen Begriffs
  • "Alltagsbegriffe" und "wissenschaftliche Begriffe" weisen ein hohes Maß an Übereinstimmung auf
  • Autosemantika (selbständigen Wörtern) ist ein begrifflicher Kern eigen

Potentielle und aktuelle Bedeutung.

Es war der Potsdamer Germanist Wilhelm Schmidt, der 1963 in seiner Habilitationsschrift zum einen die Unterscheidung von "aktueller" und "potentieller" Wortbedeutung ausführlich begründete, und zum zweiten eine differenzierte Beschreibung von Schichten in der Wortbedeutung vorgeführt hat

"Potentielle Bedeutung" meint als Erscheinungsform der langue (Sprache, язык) die Summe der Bedeutungsvarianten eines Wortes, "aktuelle Bedeutung" als Erscheinungsform der parole (Rede, речь) - die in einer konkreten Äußerung realisierte Bedeutungsvariante. Bei der Verwendung konkreter Lexeme in einem bestimmten Kontext ist zu unterscheiden zwischen

  • der Monosemierung, d.h. der Auswahl einer Bedeutungsvariante aus dem (zumeist) polysemen Lexem und
  • der Aktualisierung, d.h. der Konkretisierung dieser Variante durch zusätzliche Bedeutungsnuance

Schichtungen in der Wortbedeutung. Die Konnotationsproblematik.

Die Wortbedeutung ist - wie aus dem vorstehenden leicht ableitbar ist, ein komplexes Gebilde und offs. nicht auf seinen begrifflichen (rationalen, duch Abstraktion benennbaren) Kern zu reduzieren. Aus diesem Grund wird bei der Beschreibung der lexikalischen Bedeutung oft von einer Schichtung ausgegangen. Dabei werden nichtbegriffliche Bestandteile angegeben (vgl. DIE RUSSISCHE SPRACHE DER GEGENWART, Bd. 4, 42):

  1. "der Vorstellungsgehalt (elemente eines sinnlichen Abbildes), der besonders im konkreten Redeakt zum abstrakt-rationalen Teil des Abbildes hinzutritt;
  2. der sog. Nebensinn, d.h. assoziative Begleitvorstellung (so könnte z.B. эвакуация die Begleitvorstellung von Krieg und Panik auslösen, Erinnerungen an den Krieg;
  3. eine wertende,
  4. eine emotionale und
  5. eine voluntative, d.h. Wünsche Absichten, Strebungen widerspiegelnde Komponente."

Die genannten Merkmale werden oft auch als "Konnotationen" (das "Mitverstandene") klassifiziert.

Konnotationen können auch in den stilistischen Markierungen der Wörter gesehen werden. Vgl. "Die Konnotationen dienen in erster Linie dazu, kommunikativen Kontakt herzustellen, zusätzliche Informationen über die Kommunikationsabsicht, über den kommunikationsgegenstand und die spezifische Kommunikation zu vermitteln." (Th. SCHIPPAN, 1984, 156)

Eigentliche und übertragene Bedeutung

Lexikalische Bedeutungen treten gewöhnlich in einer ursprünglichen, eigentlichen Bedeutung auf, die oft auch konkreter und anschaulicher ist, und davon abgeleitet auch in einer übertragenen Bedeutung. Зеленый zeigt bei der Bezeichnung einer Farbe und beider Beziechnung der Unreife eben gerade diese Eigenschaften.

Die übertragene Bedeutung entsteht entweder aus der

  • Bezeichnungsübertragung infolge von Ähnlichkeit und wird dann über ein sog. Drittes (tertium comparationis) vermittelt - dies ist im Fall der Metapher so oder sie entsteht aus der
  • Bezeichnungsübertragung infolge tatsächlicher Beziehungen - Metonymie.

Lexikalische und grammatische Bedeutung

In einer einheitlichen semantischen Theorie ist der Unterschied von lexikalischer und grammatischer Bedeutung eigentlich hinfällig. Eine solche ist jedoch kaum zu sehen und - wenn überhaupt - erst in Ansätzen realisiert. Für praktische Zwecke ist die Unterscheidung von lexikalischer und grammatischer Bedeutung allerdings nicht unzweckmässig. Demnach können folgende Unterschiede herausgestellt werden:

Lexikalische Bedeutungen Grammatische Bedeutungen
sind relativ eigenständig treten immer im Zusammenhang mit lexikalischen Bedeutungen auf
betreffen individuelle Benennungsobjekte, auch Gruppen von Benennungsobjekten betreffen Klassen von Wortgruppen (Wortarten), erfassen somit einen größeren Umfang
sind motiviert, an einen sprachlichen Ausdruck gebunden - in dem Sinn obligatorisch haben immer mindestens ein Pendant, ein entprechendes Glied, zu dem sie in Beziehung stehen, sind so obligatorisch

Struktur und Aufbau von Wortbedeutungen.

Wortbedeutungen treten als Inhalt von monosemen oder polysemen Lexemen auf. Ihre erste Strukturierung erfasst bei polysemen Lexemen die Aufgliederung in lexikalisch-semantische Varianten. Die lexikalisch-semantischen Varianten sind ganzheitliche "Wörter" in dem Sinn, dass sie ein bilaterales lexikalisches Zeichen darstellen. Ihre "Bedeutungsseite" wird im HLB IV "Semem" genannt. (In anderen Darstellungen werden "lexikalisch-semantische Varianten" und "Sememe" sysnonym gebraucht).

Sememe kann man nun in weitere Bedeutungskomponenten aufgliedern - die Seme (Noeme, семантические признаки, semantic features), z.B.

  • женщина - 'Person', 'weiblich', 'erwachsen'
  • жена - 'Person', 'weiblich', 'verheiratet', 'Bezug auf Ehemann'

Methoden der Bedeutungsbeschreibung

  • Beschreibung des Gegenstands
    z.B.: обычай: Общепринятый порядок, традиционно установивишиеся правила общественного поведения. (Ожегов, 429)
  • Anführen von Wörtern mit gleicher und ähnlicher Bedeutung
    z.B.: объективность: Беспристрастность, ...(Ожегов, 428)
  • Demonstration des Wortes in einem typischen Kontext
    Z.B.: обычай: ... Старый о. Городские обычаи. Это у нас в обычае (так принято, заведено) - (Ожегов, 429)

Wie zu sehen ist, werden die Methoden manchmal kombiniert.

Literatur

Autorenkoll. u. d. Ltg. v. L. Wilske. Die russische Sprache der Gegenwart. Bd. 4. Lexikologie. Leipzig: Enzyklopädie, 1978.
Schippan, Th. Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache. Leipzig. Bibliographisches Institut, 1984, 126.
Schmidt., W. Lexikalische und aktuelle Bedeutung. Ein Beitrag zur Theorie der Wortbedeutung. Berlin, 1967.

Copyright © 2000 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung: 24.04.2015 12:00 PM

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