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Einfuehrung in die Russistik

Bedeutung I.

Die Unfassbarkeit des Beschreibungsobjekts "Bedeutung"

Das Grundproblem der Bedeutungsbeschreibung besteht darin, dass das Beschreibungsobjekt wegen seiner Immaterialitaet nicht der unmittelbaren Beobachtung zugaenglich ist. Deswegen kann es nicht eindeutig expliziert werden. Aus der Alltagspraxis kennt man zur Loesung des Problems vor allem drei Strategien:

  • man zeigt auf das Objekt,
  • man formuliert eine Umschreibung (Paraphrase),
  • man nennt Gebrauchsbedingungen.

In der Wissenschaft kann es keine grundsaetzlich anderen Verfahren geben. Sie benutzt vor allem die Paraphrase, d.h., um eine Bedeutung zu beschreiben, benutzt sie als "Erklaerendes" (explikandum) eine andere Zeichenkette als die Bedeutung, als das zu "Erklaerende" (das explikans), z. B. жажда - сильное желание пить. Der Pferdefuss besteht allerdings darin, dass explikandum und explikans in der Regel beides sprachliche Ausdruecke, Objekt und Mittel also identisch sind und das Erklaerungsmittel wiederum genauso unbestimmt ist wie das Erklaerte. Man kann dieses Problem nicht loesen, es allerdings genau fixieren, indem man sich immer bewusst ist, was bei der Bedeutungsexplikation Objektsprache (жажда) ist und was Metasprache (сильное желание пить).

Benutzt man fuer die Bedeutungsbeschreibung Kunstsprachen, z.B. die der formalen Logik, gewinnt man mehr Stringenz in der Beschreibung. Dies geht allerdings zu Lasten der Verstaendlichkeit. Hinzukommt, dass (Wort-)Bedeutungen oft in Bewegung und ihre Grenzen dann nicht genau bestimmt werden koennen.

Aufgaben einer semantischen Theorie

  • Beschreibung von Bedeutungen
  • Beschreibung von Bedeutungsbeziehungen
Wort- und Satzsemantik

Wort- und Satzsemantik unterscheiden sich auf den ersten Blick vor allem dadurch, dass Wortbedeutungen in der Regel in Woerterbuechern erfasst werden koennen, waehrend dies fuer Satzbedeutungen wegen der unendlichen Kombinationsmoeglichkeiten ein unrealisierbares Unterfangen waere.
Linke/Nussbaumer (1994, 139f.) nutzen dafuer zur Erklaerung die Eigenschaften der Kompositionalitaet und der Arbitrarietaet und gliedern deshalb

  1. "in eine Semantik der Kompositionalitaet, der Regeln, die besagen, wie sich Bedeutungen komplexer Ausdruecke aus den Bedeutungen ihrer Teile und aus der Konstruktion aufbauen
  2. in eine Semantik der Arbitrarietaet und folglich der definitorischen Zuordnung von Bedeutungen zu Ausdruecken." (a.a.O., 141)

Onomasiologie und Semasiologie

Die Frage nach dem Namen (onoma) der Dinge, die Frage nach ihrer Bezeichnung ist eine wesentliche Perspektive in der Forschung der Wortsemantik, die in der Germanistik auf H. Schuchardt zurueckgefuehrt wird. Sie wird "Onomasiologie" (auch "Bezeichnungslehre") genannt:

"Die Onomasiologie fragt ... nach der Zuordnung des Wortes zum Gegenstand im konkreten Kommunikationsereignis und nach der Formativ-Begriff/Bedeutungs-Zuordnung, nach der Beziehung zwischen Formativ und Verallgemeinerung." (Schippan, 1984, 29)

Die zweite wesentliche Perspektive in der Erforschung der Wortsemantik ist die Semasiologie ("Bedeutungslehre"), die zuerst danach fragt, was ein Wort, ein Lexem bedeutet. Sie ist zur onomasiologischen Sehweise komplementaer.

Th. Schippan erklaert Unterschied und Zusammenhang von Onomasiologie und Semasiologie mit folgender Uebersicht (op.cit. 30):

 
Onomasiologische Fragestellung Semasiologische Fragestellung
Sache Begriff Bezeichnung Lexem Bedeutungen
 
'Glas'
Glas
Glas
S1
S2
S3
S4-n
'Stoff'
Trinkglas 'Gefaess aus Glas'
Glasgefaess 'Optisches Geraet'
Mehrzweckglas ...

Waehrend es Anliegen der Onomasiologie ist, zu klaeren, wie Objekte und Klassen und Objekte bezeichnet werden, beziehen sich die Aufgaben der Semasiologie auf folgende Gegenstaende:

  • "die Bedeutung der Lexeme einer Sprache und das System der lexikalischen Bedeutungen, das lexisch-semantische System, die lexikalische Semantik (= lexikalische Bedeutung);
  • die semantischen Veraenderungen im Wortschatz, ihre Ursachen und Bedingungen;
  • die semantischen Beziehungen zwischen Lexemen im Text und deren Anteil am Zustandekommen der Textbedeutung und des Textsinns." (Schippan, op.cit., 36)

Die Frage nach dem systematischen Zusammenhang im Wortschatz erbringt in der onomasiologischen Sicht Ordnungen nach dem Bezeichneten, nach dem Denotat. Solche Ordnungen erscheinen in sog. thematischen Reihen und Sachgruppen.

In der semasiologischen Sicht erscheinen die Beziehungen im Wortschatz als paradigmatische Beziehungen der Synonymie, Homonymie, Antonymie.

Literatur

  • Linke, A., Nussbaumer, M., Portmann, P.R. Studienbuch Linguistik. 2. Aufl., erg. um ein Kapitel "Phonetik und Phonologie" von Urs Willi. Tuebingen: Niemeyer, 1994.
  • Schippan, Th. Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache. Leipzig. Bibliographisches Institut, 1984.
  • Schuchardt, H. Ueber die Lautgesetze. Gegen die Junggramatiker. Berlin 1885.

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[Letzte Aktualisierung: 16.04.2006 6:36 PM ]