Einführung in die Russistik

Sprachentstehung aus marxistischer Sicht

Für die marxistische Erklärung der Sprachentstehung ist die unvollendete Schrift "Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen" von Friedrich Engels (nicht von Karl Marx!!!), geschrieben im Juni 1876, prototypisch. Auf nur 12 Seiten führt der Autor an einem komplexen und komplizierten Gegenstand die Anwendung der dialektisch-materialistischen Methode bei der Erklärung der Sprachentstehung vor, und zwar vor allem als Interpretation der Einheit von Biologischem und Sozialem und der Einheit von Historischem und Logischem ("Einheit" hier auch als begriffliches Werkzeug zur dialektischen Widerspiegelung ontologischer Zusammenhänge gebraucht).

Viele Sprachwissenschaftler, die sich die marxistische Erklärung der Spachentstehung zu eigen machen, führen zur Begründung an, dass sie im Vergleich zu anderen theoretischen Erklärungsversuchen den Vorteil bietet, dass sie

  • mehrdimensionale Zusammenhänge thematisiert, d.h. "Sprachentstehung" nicht als unidirektionalen Prozess, angestoßen durch einen einzigen Faktor, interpretiert,
  • mehrere Entwicklungsstadien mit verschiednen Determinationszusammenhängen berücksichtigt.

Dabei entspricht es dem marxistischen Grundverständnis, dass der Sprachursprung an einem objektiven Tatbestand, der "Arbeit" festgemacht wird, die den Menschen von seinem Vorgänger unterscheidet. "Arbeit" evoziert beim Menschen kognitive Dispositionen und kommunikative (soziale) Austauschformen, die ohne Sprache nicht denkbar sind. "Arbeit" ist - da sie sich auch selbst entwickelt - im marxistischen Verständnis nicht nur "Anstoß", sondern auch "danach" ein ständiger Entwicklungsfaktor für die Entwicklung von "Sprache" als menschliches Chrakteristikum.

Zur Kritik einiger Annahmen s. BONDALETOV u.a.


Biologische Perspektive

Damit unsere Vorfahren zum Menschen werden konnten, mussten biologische Voraussetzungen gegeben sein, die sich in der Evolution bei seinen Vorgängern entweder so oder so ergaben (z.B. biokulares Farbsehen, Vergrößerung des Kleinhirns) oder sich wegen Veränderungen in den Lebensumständen ausbildeten. Eine dieser wesentlichen Veränderungen bestand im Verlassen der Galeriewälder und im Eintritt in die Busch- und Savannengesellschaft. Diese Veränderung verhalf den menschwerdenden Geschöpfe zum aufrechten Gang und damit zum Freiwerden der Hände von der Aufgabe der Fortbewegung.

"Wohl zunächst durch ihre Lebensweise veranlaßt, die beim Klettern den Händen andre Geschäfte zuweist als den Füßen, fingen diese Affen an, auf ebner Ebene sich der Beihülfe der Hände beim Gehen zu entwöhnen und einen mehr oder weniger aufrechten Gang anzunehmen. Damit war der entscheidende Schritt getan für den Übergang vom Affen zum Menschen. (...)
Wenn der aufrechte Gang bei unseren behaarten Vorfahren zuerst Regel und mit der Zeit eine Notwendigkeit werden sollte, so setzt dies voraus, daß den Händen inzwischen mehr und mehr anderweitige Tätigkeiten zufielen." (F. Engels. Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen. In K. Marx, F. Engels. Ausgewählte Schriften in zwei Bänden. Bd. 2. Berlin: Dietz Verlag 1966, 68f.)

An das Freiwerden der Hände, die Entwicklung ihrer Manipulierfähigkeit knüpft sich also dann die Entwicklung vom homo erectus zum homo faber ("toolmaking animal").

"Die Verrichtungen, denen unsere Vorfahren im Übergang vom Affen zum Menschen im Lauf vieler Jahrtausende allmählich ihre Hand anpassen lernten, können daher anfangs nur sehr einfache gewesen sein. Die niedrigsten Wilden, selbst diejenigen, bei denen ein Rückfall in einen mehr tierähnlichen Zustand mit körperlicher Rückbildung anzunehmen ist, stehn immer noch weit höher als jene Übergangsgeschöpfe. Bis der erste Kiesel durch Menschenhand zum Messer verarbeitet wurde, darüber mögen Zeiträume verflossen sein, gegen die die uns bekannte geschichtliche Zeit unbedeutend erscheint. Aber der entscheidende Schritt war getan: Die Hand war frei geworden und konnte sich nun immer neu Geschicklichkeiten erwerben, und die damit erworbene Biegsamkeit vererbte und vermehrte sich von Geschlecht zu Geschlecht.
So ist die Hand nicht nur das Organ der Arbeit, sie auch ihr Produkt. Nur durch Arbeit, durch Anpassung an immer mehr neue Verrichtungen, durch Vererbung der der dadurch erworbenen besonderen Ausbildung der Muskel, Bände, und immer längeren Zeiträumen auch der Knochen, und durch immer erneuerte Anwendung dieser vererbten Verfeinerung auf neue, stets verwickeltere Verrichtungen hat die Menschenhand jenen hohen Grad von Vollkommenheit erhalten, auf dem sie Raffaelsche Gemälde, Thorvaldsensche Statuen, Paganinische Musik hervorzaubern konnte." (op.cit., 69)

Der Erwerb der Fähigkeit zur Werkzeugherstellung und zum Werkzeuggebrauch muss auch als wesentlicher Bestandteil der Entwicklung des Denkens gesehen werden, das schon mit dem Wechsel in die offene Landschaft Impulse bekam, z.B. dadurch dass das Augenmerk auf nicht sichtbare, aber lebensnotwendige Dinge gerichtet werden musste, wie die Lage von Nahrungsvorkommen, von möglichen und tatsächlichen Gefahrenquellen. Die lebensnotwendige Voraussicht findet auf der einen Seite ihren entsprechenden Niederschlag in der Ausbildung des (Langzeit-)Gedächtnisses. Auf der anderen Seite geht sie im Zusammenhang mit der Arbeit mit der Ausbildung eines stärkeren Zusammengehörigkeitsgefühls einher.


Soziale Perspektive

"... Weit wichtiger ist die direkte, nachweisbare Rückwirkung der Entwicklung der Hand auf den übrigen Organismus. Wie schon gesagt, waren unsere äffischen Vorfahren gesellig; es ist augenscheinlich unmöglich, den Menschen, das geselligste aller Tiere, von einem ungeselligen nächsten Vorfahren abzuleiten. Die mit der Ausbildung der Hand, mit der Arbeit, beginnende Herrschaft über die Natur erweiterte bei jedem Fortschritt den Gesichtskreis des Menschen. An den Naturgegenständen entdeckte er fortwährend neue, bisher unbekannte Eigenschaften. Andrerseits trug die Ausbildung der Arbeit notwendig dazu bei, die Gesellschaftsmitglieder näher aneinanderzuschließen, indem sie die Fälle gegenseitiger Untertstützung, gemeinsamen Zusammenwirkens vermehrte und das Bewußtsein von der Nützlichkeit dieses Zusammenwirkens für jeden einzelnen klärte. Kurz, die werdenden Menschen kamen dahin, daß sie einander etwas zu sagen hatten. Das Bedürfnis schuf sich sein Organ: Der unentwickelte Kehlkopf des Affen bildete sich langsam aber sicher um, durch Modulation für stets gesteigerte Modulation, und die Organe des Mundes lernten allmählich einen artikulierten Buchstaben nach dem andern auszusprechen." (op.cit., 70)

Sprachentstehung wird somit auf dem Hintergrund biologischer Voraussetzungen als soziales Ereignis verstanden, als ein Ereignis das sich auf kognitive Inhalte bezieht, sie mitteilbar macht und sich in Kooperation und Kommunikation äußert. Sprachentwicklung ist somit auch Denkentwicklung, Entwicklung von Kooperation, Kommunikation, schließlich auch Herausbildung und Entwicklung der Gesellschaft

"Arbeit zuerst, nach und dann mit ihr die Sprache - das sind die beiden wesentlichsten Antriebe, unter deren Einfluß das Gehirn eines Affen in das bei aller Ähnlichkeit weit größere und vollkommenere eines Menschen allmählich übergegangen ist. Mit der Fortbildung des Gehirns aber ging Hand in Hand die Fortbildung seiner nächsten Werkzeuge, der Sinnesorgane. Wie schon die Sprache in ihrer allmählichen Ausbildung notwendig begleitet wird von einer entsprechenden Verfeinerung des Gehörorgans, so die Ausbildung des Gehirns überhaupt von der der sämtlichen Dinge. (...)
Die Rückwirkung der Entwicklung des Gehirns und seiner dienstbaren Sinne, des sich mehr und mehr klärenden Bewußtseins, Abstarktions- und Schlußvermögens auf Arbeit und Sprache gab beiden immer neuen Anstoß zur Weiterbildung, einer Weiterbildung, die nicht etwa einen Abschluß fand, sondern die seitdem bei verschiednen Völkern und zu verschiednen Zeiten verschieden nach Grad und Richtung, stellenweise selbst unterbrochen durch örtlichen und zeitlichen Rückgang, im ganzen und großen gewaltig vorangegangen ist; einerseits mächtig vorangetrieben, andrerseits in bestimmtere Richtungen gelenkt durch ein mit dem Auftreten des fertigen Menschen neu hinzutretendes Element - die Gesellschaft. (op.cit., 72)

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Letzte Aktualisierung 27.09.2017 10:10 PM
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