Einführung in die Russistik

Sprache als ein System von Zeichen (II).
Das semiotische Dreieck. "Bedeutung" und Zeichenverhältnisse.

Wenn man davon ausgeht, daß dem sprachlichen Zeichen auf dem Wege der Konvention eine Bedeutung zugesprochen wird, dann bedeutet das u.a., daß Beziehungen bestehen zwischen

  • dem als Lautkontinuum feststellbaren sprachlichen Zeichen (Zeichenausdruck),
  • der gedanklichen (mentalen) Zuordnung oder der dazugehörigen gedanklichen Entsprechung (dem Zeicheninhalt, der Bedeutung) und
  • dem, wofür Zeichenausdruck und gedanklicher Ausdruck außerhalb von sich steht (dem Referenten).

Diese Beziehungen sind zuerst 1923 von G.K. OGDEN und I.A. RICHARDS. (s. The Meaning of Meaning. London 1923, 11).in einem sog. semiotischen Dreieck dargestellt worden.

Zwei Anmerkungen scheinen wesentlich:

  1. Die Beziehung zwischen "Symbol" und "Referent" ist nicht direkt, zwischen ihnen besteht kein unmittelbarer Zusammenhang.
  2. Der außersprachliche Sachverhalt, der "Referent" wird über den gedanklichen Inhalt, auf dem Weg des Referierens erschlossen, er existiert zwar "objektiv", d.h. unabhängig von unserem Bewußtsein, gelangt jedoch nur "subjektiv", über das Bewußtsein zur Erkenntnis.

Vergegenwärtigt man sich diese Abhängigkeiten, versteht man, warum OGDEN/RICHARDS (1960, 185) "Bedeutung" nicht eindeutig bestimmen:
"We may either take Meaning as standing for the relation between A and B, when A means B, or as standing for B. In the first case the meaning of A will be its relation to B, in the second it will be B."

Die Darstellung der in Rede stehenden Zeichenverhältnisse differiert mit den jeweiligen Absichten, die mit der Darstellung verbunden werden. So ist für G. STERN (s. Meaning and Change of Meaning. With Special Reference of the English Language. Göteborg 1931, 44) für die nachfolgende Darstellung in der Interpretation des Bedeutungsbegriffes wichtig, die Humboldtsche Auffassung zu betonen:
"In dem Begriffe liegt ein Dreifaches, der Eindruck des Gegenstandes, die Art der Aufnahme desselben im Subjekt, die Wirkung des Wortes, als Sprachlaut."

Schließlich sei die Darstellung von St. ULLMANN (s. Grundzüge der Semantik. Die Bedeutung in sprachwissenschaftlicher Sicht. Deutsche Fassung von S. Koopmann. Berlin 1967)zur Illustration dessen, wie mit dem semiotischen Dreieck die relationelle Bedeutungsauffassung (die im Gegensatz zur o.a. substantiellen Bedeutungsauffassung steht) begründet werden kann, angeführt.

Zur Erläuterung führt ULLMANN (op.cit., 65) aus:
"Name und Sinn sind wechselseitig aufeinander bezogen. Nicht nur vergegenwärtigt also der Name den Sinn, sondern der Sinn vermag ebenso auch den Namen zu vergegenwärtigen ... Die Bedeutung ist eine Wechselbeziehung zwischen Namen und Sinn, die ihnen die gegenseitige Veregegenwärtigung ermöglicht."

Als Fazit der dargelegten Auffassungen zieht Th. SCHIPPAN (s. Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut, 1984, 133f.):
"Diese Dreiecke drücken den Kern dreier wesentlicher Bedeutungsauffassungen der Gegenwart aus:- "Bedeutung" meint das Bezeichnete, die Sache, das in der realen Kommunikation Gemeinte
= referentielle Bedeutung
- "Bedeutung" ist eine Bewußtseinstatsache, eine mentale Erscheinung, die in einer bestimmten Beziehung zum bezeichneten oder gemeinten Gegenstand steht. Sie wird entweder als Vorstellung, Begriff, Idee betrachtet, psychisch bestimmt.
= designative Bedeutung; denotative Bedeutung; Bedeutung als verallgemeinertes ideelles Abbild
- "Bedeutung" ist nicht das Bezeichnete, nicht das psychische oder mentale Korrelat des Bezeichneten, sondern eine sprachliche Beziehung - die Beziehung des Zeichenkörpers auf das Bezeichnete und auf sein psychisches (ideelles) Korrelat.
= relationelle (relationale) Bedeutung"

Copyright © 1997 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung: 24.04.2015 12:00 PM

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