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Einführung in die Russistik

Die russische Sprache als System (IV) - die lexikologische Sicht

Die Lexikologie steht als Teildisziplin der Sprachwissenschaft der Grammatik gegenüber. Man bezeichnet sie auch als Lehre vom Wort. Im Unterschied zur Morphologie, die bekanntlich die Veränderungen des Wortes zum Gegenstand macht, liegt das Augenmerk der Lexikologie auf der Frage "Wort als Bestandteil des Wortschatzes".

Innerhalb der Lexikologie gliedern sich verschiedene Aufgabenbereiche heraus, die teilweise in eigenen Teildisziplinen behandelt werden.

Einen ersten relativ klar abgrenzbaren Komplex bilden die Aufgaben, die sich mit der Untersuchung der Bedeutungen der Wörter, der Bedeutungen der Wortäquivalente, der Bedeutungsbeziehungen sowie mit den semantischen Veränderungen im Wortschatz verbinden. Diesem Aufgabenkomplex widmet sich zu einem großen Teil die Semasiologie. Die Semasiologie nennt man auch die Bedeutungslehre.

Während die Semasiologie fragt, welche Bedeutung das Wort hat, fragt die Onomasiologie, in gewisser Hinsicht nach der "anderen Seite derselben Erscheinung", und zwar danach, welchen Namen eine Sache bekommt, wie die Sache bezeichnet wird. Man nennt die Onomasiologie folglich auch die Bezeichnungslehre.
Ergebnis semasiologischer Betrachtung sind also Ordnungen von Wörtern nach Bedeutungen, Ergebnis onomasiologischer Betrachtung sind Ordnungen von Wörtern nach Sachen. Die Verbindung beider Betrachtungsweisen liegt darin, daß das sprachliche Zeichen gleichzeitig etwas bedeutet und bezeichnet.

Dadurch, daß die Semasiologie auch diachronische Untersuchungen vornimmt, ist sie eng mit einer weiteren Teildisziplin der Lexikologie verbunden, und zwar mit der Etymologie.
Die Etymologie ist diejenige Wissenschaftsdisziplin, die die Herkunft von Wörtern einer Sprache, ihre Ableitung bzw. Ableitungsgeschichte nachzeichnet, u.U. auch rekonstruiert.

Als relativ eigenständige Teildisziplin innerhalb der Lexikologie wird in vielen Fällen auch die Wortbildung behandelt. Dabei geht man davon aus, daß die Erweiterung des Wortschatzes durch verschiedene Wortbildungsverfahren Gegenstand lexikologischer Betrachtung sein muß.
Daneben existiert auch eine andere Auffassung. Sie besagt: da es mehr oder weniger regelmäßige Bildungen von Wörtern unter Mithilfe von Affixen gibt, Wörter also regelhaft durch die Affixe verändert werden, sollte dieser Vorgang innerhalb der Grammatik (Morphologie) behandelt werden.
Für die Ansiedlung Wortbildung in der Lexikologie spricht allerdings, daß es neben den morphologischen Wortbildungsverfahren noch andere gibt, für die keine Argumentation zur Behandlung innerhalb der Morphologie gefunden werden kann.

Eine weitere Teildisziplin der Lexikologie beschäftigt sich mit denjenigen nominativen mehrgliedrigen Benennungseinheiten, die unterschiedliche Grade in ihrer Motivation aufweisen.
Die Rede ist von der "Lehre von den festen Verbindungen von Wörtern und von den beständigen Phrasen (phraseologisierten Sätzen)" - Die russische Sprache der Gegenwart. Bd. 4. Lexikologie. Leipzig: Enzyklopädie, 1978, 203 - Hervorhebung durch mich - R.-R. L..
Gemeint ist hiermit also die Phraseologie als wissenschaftliche Disziplin.

Eng mit der Lexikologie ist die Lexikographie verbunden, wobei hier nicht entschieden werden soll, ob letztere eine Teildisziplin der ersteren darstellt. Fest steht, daß die jahrhundertealte Tradition der Entwicklung von Wörterbüchern zu einer relativ eigenständigen Wissenschaftsdisziplin geführt hat, die sich mit der Theorie und Praxis der Ausarbeitung und Vervollkommnung von Wörterbüchern befaßt.

Erwähnt werden soll schließlich, daß die Stilistik einige wichtige Berührungspunkte zur Lexikologie aufweist. Dies hängt damit zusammen, daß sich im Wortschatz kommunikative Verwendungsweisen in Gestalt vielfältiger Variationsmöglichkeiten des lexikalischen Ausdrucks sedimentieren. Dessenungeachtet ist die Stilistik eine eigenständige Disziplin, die nicht zur Lexikologie gehört.

In universitären Kursen werden in der Lexikologie inbezug auf das Russische zumeist folgende Themen abgehandelt:

  1. Einführung
    • Gegenstand, Aufgaben, Einheiten der Lexikologie
    • Zusammenhänge mit anderen Teildisziplinen der Sprachwissenschaft
  2. Das Wort (Lexem) und das lexikalische System
    • Die inhaltliche Struktur des Lexems
    • Monosemie und Polysemie
    • Bedeutung und Begriff
    • Schichtungen in der Wortbedeutung - Denotation und Konnotation
    • Das Lexem im Text (Kontext) - Monosemierung, Aktualisierung
  3. Paradigmatische Beziehungen zwischen Sememen
    • Homonymie
    • Synonymie
    • Antonymie
    • Paronymie
  4. Komplexe Beziehungen zwischen Sememen
    • Synonymische und antonymische Wortschatzgruppen
    • Denotative Wortschatzgruppen
    • Wortfelder
  5. Der Wortschatz und seine Differenzierungen
    • Grundlagen der Differenzierung der russischen Literatursprache
    • Differenzierung des Wortschatzes nach seine Herkunft (ursprünglich russisches Wortgut; Entlehnungen; Fremdwörter)
    • Differenzierung des Wortschatzes nach seiner Verwendungsweise (sozial und territorial begrenzte Lexik)
    • Differenzierung des Wortschatzes nach seiner Emotionalität und Expressivität (neutrale, buchsprachliche, umgangssprachliche Lexik)
    • Differenzierung des Wortschatzes nach seiner zeitlichen Gültigkeit (passive und aktive Lexik)
  6. Die Wortbildung
    • Die Wortbildung als eigenständige Disziplin
    • Lexikalisch-syntaktische und morphologisch-syntaktische Verfahren der Wortbildung
    • Morphologische Verfahren in der Wortbildung
      • Affigierung
      • Komposition
      • Abkürzung
  7. Die Phraseologie
    • Die Phraseologie als eigenständige Disziplin
    • Das Wesen des Phraseologismus
      • Abgrenzung des Phraseologismus von der freien Wortfügung und vom Wort
      • Stabilität der phraseologischen Wendung
      • Indiomatizät der phraseologischen Wendung
    • Klassifizierung der phraseologischen Wendungen nach der semantischen Bindung ihrer Komponenten
      • Phraseologische Fügungen
      • Phraseologische Einheiten
      • Phraseologische Verbindungen
      • Phraseologische Ausdrücke
    • Klassifizierung der der phraseologischen Wendungen nach der Struktur
      • Phraseologische Wendungen mit Satzstruktur
      • Phraseologische Wendungen mit der Struktur von Wortfügungen
    • Lexikalische Beziehungen der Phraseologismen
      • Synonymie
      • Antonymie
    • Funktionen phraseologischer Wendungen
      • Stilistisch indefferente phraseologische Wendungen
      • Umgangssprachliche phraseologische Wendungen
      • Buchsprachliche phraseologische Wendungen
      • Lässig-umgangssprachliche phraseologische Wendungen
      • Volkspoetische (folkloristische) phraseologische Wendungen

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Copyright © 1998 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
[Letzte Aktualisierung: 16.04.2006 20:01 ]