Zitat des Originals von der URL: http://www.psycholinguistik.uni-muenchen.de/publ/sprachursprung.html. Last visit: 20.09.2010.

Der Turm zu Babel - oder vom Ursprung der Sprache(n)
Gerd Kegel

Die Erörterung konzentriert sich auf vier Punkte. (1) Warum stellt die Wissenschaft die Frage nach dem Sprachursprung? Da Sprache häufig als die conditio humana schlechthin verstanden wird, geht es hierbei um ein tieferes Verständnis der Gattung Mensch. (2) Welche Wege stellen sich bei der Beantwortung der Frage als begehbar heraus? Da eine direkte Beobachtung des Sprachursprungs nicht möglich ist, werden recht indirekte Herangehensweisen einzuschlagen sein. (3) Wie ist mit den aus der Vielzahl der Sprachen resultierenden Sprachbarrieren umzugehen? Die einschlägigen Lösungsversuche werden verglichen und gewertet. (4) Welche weitere Entwicklung der Sprachen ist zu erwarten? Hier geben Pidgin- und Kreolsprachen konkrete Hinweise.

Eine skeptische Vorbemerkung

Der Ursprung der Sprache verliert sich im Dunkel der Vergangenheit, entzieht sich der direkten Beobachtung. Wir können keine Zeitmaschine bauen und mit ihr die Reise in die Menschheitsgeschichte antreten, vorbei an Römern, Griechen und Ägyptern, vorbei an den Menschen der Urzeit bis hin zum sogenannten Tier-Mensch-Übergangsfeld. Das mag eine Million Jahre zurückliegen, vielleich auch zehn Millionen Jahre. In dieser Phase der Menschwerdung ist die Sprache entstanden. Das ist kein rein historischer Befund, sondern ergibt sich zusätzlich aus der Frage nach der conditio humana. Wir definieren den Menschen vornehmlich über diese herausragende Eigenschaft, Sprache zu beherrschen. Womit dann die Definition vom Menschen in Abhängigkeit zur Definition von Sprache gerät.

Was wissen wir über die Frühzeit der Menschheit? Wir haben manches gefunden, ausgegraben – Versteinerungen, Schädel, Knochen, Werkzeuge, Kultgegenstände. Und wir haben diese Funde mit modernsten Methoden zeitlich präzise bestimmt. Zur Sprache selbst haben wir natürlich nichts ausgegraben – das setzt ja eine materielle Fixierung und damit die Entwicklung von Schrift voraus. So schließen wir aus Schädel- und Unterkieferfunden auf die Möglichkeit zur differenzierten Lautbildung und zur vokalen Kommunikation unserer frühesten Vorfahren. Gleichzeitig stellen wir Unterschiede zwischen ihnen und den heute lebenden Schimpansen, Orang Utans und Gorillas fest. Und wir schließen aus dem Gebrauch von Werkzeugen auf soziale Organisationsformen, die uns nur mit dem Gebrauch von Sprache denkbar scheinen.

Unsere Befunde sind also nicht sehr reich und unsere Schlußfolgerungen meist indirekt. Was die Empirie nicht leistet, muß zusätzlich von der Theorie übernommen werden. Und die Theoriebildung schlägt hier allzu leicht in Spekulation um. So hatte die wissenschaftliche Gemeinschaft die Frage nach dem Ursprung der Sprache schon einmal aus dem Katalog ernsthafter wissenschaftlicher Fragen streichen wollen. Doch die Neugier bleibt. Und jeder neue Fund, jedes verbesserte Analyseverfahren führt zu frischen Überlegungen. Trotzdem: Ist die Frage nach dem Ursprung der Sprache überhaupt seriös? Das bitte ich den Leser zu entscheiden.

Ursprung der Sprachen und Ursprache – Was leitet uns bei dieser Frage?

Wie angemerkt wissen wir recht wenig über die Menschwerdung, über das Tier-Mensch-Übergangsfeld (vgl. zur generellen Problematik Heberer 1961). Neben allgemeiner Neugier drängen uns seit jeher praktische Probleme zu dieser Frage. Wenn wir den Ursprung der Sprache klären, verstehen wir den Menschen und seine Sprache besser. Vielleicht können wir, wie man einmal meinte, so zur Ursprache und damit ins goldene Zeitalter zurückkehren. Oder wir könnten, worauf man heute abzielt, einen Beitrag zur Entwicklung sprachgewandter dolmetschender Computer leisten. Diese Computer räumen dann für uns die allerorten aufgestellten Sprachbarrieren beiseite. Ich gestatte mir, in sehr verkürzender und mehr erzählender Form über einen historischen und einen modernen Ansatz zu berichten.

Die Entdeckung der Ursprache – ein alter Traum: Die ehedem existierende Ursprache wird neu entdeckt – die Sprache des Weltenschöpfers, die Sprache des Paradieses. Das wäre natürlich nicht die Ursprache unseres wissenschaftlich herausgedachten Frühmenschen, sondern so sprach Adam zunächst zu den Tieren, gab jedem seinen Namen, und wandte sich dann Eva mit einigen Worten zu, die den Feministinnen zurecht mißfallen. Haben wir uns bei Gelingen ein ewig währendes Pfingsten vorzustellen? Aber wie wäre das, dieser Denkrichtung folgend, ohne Einwilligung Gottes erreichbar, der ja selbst höchst tätig die Sprachverwirrung herbeiführte?

Die Entdeckung der Universalien – eine neue Hoffnung: Nach vielen hundert Jahren angestrengten Grübelns verläßt der Ursprachforscher entmutigt den Garten Gottes und betritt das mehr zurückweisend wirkende, mit Formeln und Regeln übersäte Feld der lingustischen Grammatiktheorien. Hier sollen auch alle Sprachen der Welt zu finden sein. Von diesen wird angenommen, daß sie ein gemeinsames Gut bergen, bisher verbergen: die Universalien nämlich, also Eigenschaften, die jeder Sprache zukommen (vgl. Comrie 1981). So könnte man zu der Auffassung gelangen, daß das Lautinventar einer jeden Sprache in Konsonanten und Vokale zerfällt, daß der Wortschatz einer jeden Sprache bestimmte Wortklassen aufweist, daß alle Sprachen eine Grundmenge syntaktischer Regeln teilen usf. Eine Herausarbeitung dieser Universalien würde erst einmal zu einer eindeutigen Definition von Sprache führen und damit dann auch die notwendigen Eigenschaften einer Ursprache fixieren.

Ich erlaube mir eine kommentierende und korrigierende Anmerkung zu dem in diesen Ansätzen auftretenden Sprachbegriff.

Wenn Sprache in einem engeren Sinne als Gebilde, als System von Regeln betrachtet wird, wird sie häufig vom sprechenden Menschen losgelöst. Leicht tritt in den Hintergrund, daß ein Mensch etwas meint, wenn er spricht, und etwas versteht, wenn er zuhört. Und der beim Meinen und Verstehen produzierte und wahrgenommene Ausdruck geht weit über die Verwendung von Sprache im engeren Sinne hinaus. So wollen wir bei der Suche nach der Ursprache oder nach den Universalien einen Blick auf das Ausdrucksverhalten des meinenden und verstehenden Menschen werfen.

Der gesunde erwachsene Mensch kann sprechen. So kennen wir ihn. – Dieser Mensch steht und geht aufrecht, sein immer wieder suchender und dann ruhender Blick löst sich von den Gegenständen seines Interesses, trifft den Horizont oder die Augen des Gegenüber. – Dieser Mensch zeigt meist mit seinen Händen auf Erscheinungen der Welt, symbolisiert mit Bewegungen seiner Hände die Form und Funktion von Gegenständen, bewertet mit Bewegungen der Hände, des Gesichts und des Körpers das Geschehen rundum. – Dieser Mensch lacht, nicht immer vor Freude, oft aus Verzweiflung oder Hilflosigkeit. Dieser Mensch vergießt Tränen, nicht nur Tränen der Trauer, Wut und Verzweiflung, auch Tränen der Freude. Manchmal lacht und weint der Mensch zugleich. – Und dieser Mensch lächelt. Zeitweise zeigt sein Lächeln ein beginnendes Verstehen, ein wachsendes Einverständnis oder eine gewünschte Annäherung, dann wieder verdeckt es scheinbar und offenbart doch Verständnislosigkeit, Zwietracht oder Abwendung (vgl. zu dieser Sicht Plessner 1961).

Bei alldem spricht dieser Mensch, schweigt und spricht. Über seine Sprache wird im weiteren noch zu berichten sein. Doch vorab: Er kann auch ohne die Sprache kommunizieren, sich mit anderen Menschen verständigen (vgl. Hinde 1972, Argyle 1975). Und die manchmal zwanghafte Reiselust, die eine Vielzahl der heutigen Menschen umtreibt, schafft zahllose Gelegenheiten, diese Behauptung zu prüfen.

Wenn zwei Menschen verschiedene Sprachen sprechen, keinerlei Kenntnis von der Sprache des je anderen aufweisen und auch keine dritte Sprache für beide verfügbar ist, so sind sie mitnichten in die völlige Verständigungslosigkeit geworfen. Der Körper, die Hand, das Gesicht und dazu noch der Klang der Stimme treten über ihre sonst stützende Funktion hinaus in den Vordergrund des kommunizierenden Miteinanders, werden zum primären Ausdruck des Gemeinten. Diese Erkenntnis gibt uns Anlaß, eine erste, noch skeptische Antwort auf die Frage nach dem Ursprung der Sprache anzudeuten.

Ursprung der Sprache und Ursprache – Wie wird diese Frage beantwortet?

Bilden unsere gestischen und mimischen Verständigungsmittel, über die ja alle Menschen gemeinsam verfügen, etwa den Ursprung der Sprache? Haben wir es hier mit körpersprachlichen Universalien zu tun, die in einem noch zu bestimmenden Zusammenhang mit den lautsprachlichen Universalien stehen? Sind sie, so gesehen, vielleicht ein Hinweis auf die über Jahrhunderte so dringlich gesuchte, aber nie gefundene Ursprache? Führt uns die Betrachtung der gestischen und mimischen Kommunikation zurück in eine Zeit vor dem Turmbau zu Babel, also in eine Zeit vor der Zerstreuung einer ursprachlichen Menschheit in die Vielfalt der Völker mit je eigener Sprache? Hätten wir, um mit Thomas Mann (1991) zu sprechen, nun ein Senkblei gefunden, das uns gestattet, die Tiefe und Beschaffenheit des Brunnens der Vergangenheit auszuloten?

Diese Fragen zu bejahen wäre mehr als voreilig. Bleiben wir besser noch einen Moment in der Gegenwart, um eine begründete Zurückhaltung gegenüber den Leistungen der gestischen und mimischen Verständigungsmittel zu entwickeln.

Das kann in einigen exotischen Winkeln dieser Welt recht drastisch gelingen. Vielleicht haben wir zu Bildungszwecken bei unserem Reisebüro eine Tour zur Besichtigung von Naturvölkern gebucht, was es ja geben soll. Mitten im dampfenden tropischen Urwald schlagen wir der Reiseleitung ein Schnippchen, verlassen heimlich unsere Unterkunft und besuchen den in der Nähe lebenden Stamm. Wir sind neugierig und positiv gestimmt. Wir wollen Kontakt aufnehmen und unseren guten Willen zum Ausdruck bringen.

Nun, wir können genauso gut Glück wie Pech haben. Pech etwa, wenn der besuchte Stamm ganz im Gegensatz zu uns Kopfschütteln als Bejahung und Kopfnicken als Verneinung versteht. Selbst wenn wir dies nach einiger Zeit begreifen würden, dürfte die Situation bereits recht verfahren sein. Oder wenn gar beim besuchten Stamm das Zeigen mit der Hand auf Gegenstände tabuisiert ist, wenn diese Menschen vielleicht mit den Füßen zeigen. Wir würden rasch auf Ablehnung stoßen, womit dann jedem weiteren Verständigungsversuch die Grundlage entzogen wäre.

Ein Teil der gestischen und mimischen Verständigungsmittel ist kulturspezifisch, muß also wie eine fremde Sprache zunächst gelernt werden. Und das ist gar nicht leicht, da diese Ausdrucksmittel automatisiert sind und somit zunächst nicht unserer bewußten Kontrolle unterliegen. Gestik und Mimik sind fest mit den Gefühlen und Absichten des Menschen verbunden.

Auch wenn wir unseren weiteren Kulturkreis nicht verlassen, etwa in Europa bleiben, werden uns die Beschränkungen der gestischen und mimischen Kommunikation deutlich. Kaum läßt sich so über Gestriges, über Morgiges, über weit Entferntes oder über Abstraktes kommunizieren. Dazu müßten wir unsere Gestik und Mimik zu einer Gestensprache wie jener der Gehörlosen weiterentwickeln. Hingegen bleibt die ohne Sprache eingesetzte Gestik und Mimik des ansonsten sprechenden Menschen dem Hier-und-Jetzt im Konkreten verhaftet. Das soll genauer betrachtet werden.

In seiner Sprachpsychologie definiert Karl Bühler (1934) die Sprache des Menschen als ein Werkzeug zur Kommunikation. Dieses Werkzeug hat drei Funktionen. Der Sprecher bezieht sich mit Sprache auf sich selbst, er gibt eine Regung kund – die Symptomfunktion. Der Sprecher bezieht sich mit Sprache auf den Hörer, er äußert eine Strebung mit einem Appell – die Signalfunktion. Der Sprecher bezieht sich mit Sprache auf Gegenstände und Sachverhalte, er stellt Erkenntnisse über die Welt dar – die Symbolfunktion. Symptom- und Signalfunktion teilt der Mensch mit den höher entwickelten Tieren. Die Symbolfunktion hingegen, die nach Bühler beim Kind im zweiten Lebensjahr auftritt, ist das eigentlich Menschliche in unserer Sprache.

Ziehen wir dieses Modell zur Wertung der Körpersprache heran! Ohne Zweifel, und ohne das uns dies verwundert, erfüllt die Körpersprache die Symptom- und die Signalfunktion. Wir können mit ihren Mitteln Regungen und Strebungen verdeutlichen. Erstaunlicher ist schon, daß mit Gesten Erkenntnisse über Gegenstände und Sachverhalte vermittelt werden, daß also die Körpersprache auch die Symbolfunktion umfaßt. Aber hier ist jetzt eine Einschränkung angebracht. Nach Bühler fördert die weitere Entwicklung der Symbolfunktion beim jungen Kind die zunehmende Situationsentbindbarkeit der Sprache, die Möglichkeit, das Hier-und-Jetzt sprachlich zu verlassen. Gerade da aber treffen wir auf die Grenzen einer isoliert eingesetzten Körpersprache, deren kommunikative Möglichkeiten weitgehend an die momentane konkrete Situation gebunden sind. Wir finden eine äußerst eingeschränkte Symbolfunktion vor.

Eine weitere Überlegung: In der Psycholinguistik werden neben den kommunikativen Funktionen der Sprache auch ihre kognitiven Funktionen erforscht. Sprache dient nicht nur dem Gespräch; Sprache unterstützt das Wahrnehmen, Denken, Problemlösen und Handeln (vgl. Wygotski 1971, Kegel 1989). So liefert die Sprache mit ihren Wörten die Träger für Begriffe und mit ihrer Syntax die Form für Urteile. Begriffe und Urteile sind Verallgemeinerungen. Ihre Leistung besteht in der Loslösung von der je einmaligen konkreten Situation und in ihrer Übertragbarkeit auf andere Situationen. Diese Abstraktion kann mit der natürlichen Körpersprache nicht vollbracht werden. Wenn überhaupt vorhanden, so sind die kognitiven Funktionen der Körpersprache höchst rudimentär ausgebildet.

Führt uns nun unsere heutige Körpersprache zum Ursprung der Sprachentstehung? Die soeben getroffenen Überlegungen fördern wohl eher die Skepsis. Und in diese Richtung lenken uns auch Erkenntnisse über die Entwicklung der mimischen Fähigkeiten. Aufgrund der Gesichtsmuskulatur und ihrer höchst differenzierten Steuerung verfügt der Mensch über ein mimisches Ausdrucksspektrum, das jedem Tier weit überlegen ist. In Einklang mit den urzeitlichen Funden spricht alles dafür, daß sich dieses mimische System in einem sehr langen Zeitraum allmählich herausgebildet hat. Danach ist eine entfaltete Körpersprache nicht die Vorstufe der Lautsprache. Körpersprache und Lautsprache dürften sich in gegenseitiger Abhängigkeit gemeinsam entwickelt haben.

Das heißt nun keinesfalls, daß wir für die weiteren Überlegungen das Thema Körpersprache über Bord werfen. Benötigt wird nur eine etwas tiefer gehende Sichtweise. Da hilft uns Wilhelm Wundt (1900), der vor fast hundert Jahren im Rahmen seiner Völkerpsychologie eine Sprachursprungstheorie vorlegte. Deren Erklärungsqualität ist durchaus eingeschränkt, aber sie wirft ein neues Licht auf den Zusammenhang von Körper- und Lautsprache. Drückt der Mensch sich aus, ist sein Körper zur Gänze involviert – er produziert eine komplexe Ausdrucksbewegung. Diese umfaßt nicht nur Arme, Hände und Gesicht, sondern auch die Artikulationsorgane. Diese Bewegungen der Artikulationsorgane nennt Wundt Artikulationsgesten. Der Körper erzeugt also Bewegungen der Artikulationsorgane, die Artikulationsgesten, was dann, worauf es zunächst gar nicht ankommt, zu hörbaren Lauten führt.

Auch andere Ausdrucksbewegungen verursachen ganz nebensächliche Effekte – eine Geste etwa bewegt die Luft, verändert manchmal den Schattenwurf des Armes. Doch zurück zum Laut. Der unbeabsichtigte Laut trifft auf ein empfangsbereites Organ, das Ohr. Der Laut wird mit der komplexen Ausdrucksbewegung, die ja durchaus Kompliziertes vermitteln mag, fest assoziiert. Ist die Ausdrucksbewegung nicht sichtbar, in der Dunkelheit, im Unterholz oder im hohen Gras, tritt der Laut für die gesamte Ausdrucksbewegung ein und gewinnt so seine bevorzugte Stellung.

Bleibt die Frage: Welches Bedingungsgefüge ermöglicht, fordert und fördert diese Entwicklung? Klopfen wir die gängigen Ursprungstheorien nach solchen Entwicklungsbedingungen ab (vgl. u.a. Wundt 1904, Jespersen 1922, Gessinger & Rahden 1989).

Wundertheorie: Gott hat die Sprache erfunden und dem Menschen gegeben. Entweder gleich bei seiner Erschaffung oder nach einer sprachlosen Zeit. – Hier haben wir es mit einer Glaubensfrage zu tun, die in einem kultur- und religionsgeschichtlichen Umfeld zu erörtern wäre.

Erfindungstheorie: Die Menschen haben die Sprache erfunden. Irgendwann erwies sich Sprache als notwendig und es kam zu einer entsprechenden Vereinbarung. – Das ist ein unsinnige Verlegenheitslösung. Natürlich können Menschen Sprachen erfinden, wir kommen darauf noch. Nur erfinden diese Menschen nicht die Sprache an sich, sondern eine jeweils besondere Sprache, und unabdingbare Voraussetzung für ihre Erfindung ist, daß sie bereits sprechen können.

Nachahmungstheorie: In der Umgebung des Menschen sind die verschiedensten Geräusche zu hören. Regen prasselt, Hähne krähen, Hunde bellen. Die Menschen ahmen diese Geräusche nach, um die mit ihnen verbundenen Sachverhalte und Objekte zu bezeichnen. – Tatsächlich gibt es solche lautmalenden Wörter, Onomatopoetika genannt. Nur fällt zweierlei auf: Erstens wird sich das Krähen französischer und deutscher Hähne kaum unterscheiden, hingegen unterscheiden sich die lautmalerischen Bezeichnungen in beiden Sprachen deutlich. Zweitens gibt es in allen Sprachen nur so wenige Onomatopoetika, daß sich aus ihnen die Entwicklung des Lautinventars und des Wortschatzes nicht erklären ließe.

Naturlauttheorie: Der Mensch produziert spontane Ausrufe, Interjektionen. Diese bilden den Ausgangspunkt sinnerfüllter Lauterzeugnisse. – Hier gilt die gleiche Kritik, wie bei der Nachahmungstheorie. Denken wir an den Deutschen, der schmerzerfüllt “au” schreit und den Italiener, von dem wir in gleicher Situation “ai” hören.

Reaktionstheorie: Im Grunde eine Variante der Naturlauttheorie. Auf Reize der Umgebung wird spontan, im weitesten Sinne nachbildend, reagiert. So soll “Mama” auf die Lippenbewegung des Säuglings vor dem Stillen zurückzuführen sein.

Kontakttheorie: Sprache basiert auf einem allgemeinen Kontaktbedürfnis. Dieses führt zum Zuruf, zur Liebesbekundung, zum gemeinsamen Gesang.

Arbeits- und Werkzeugtheorien: Die bürgerliche Variante: Sprache ist aus rhythmischen Lautierungen bei der gemeinsamen Arbeit entstanden. – Die marxistische Variante: Werkzeugherstellung und Werkzeuggebrauch bedingen Arbeitsteilung und Tradierung, damit auch Sprache. Die Entwicklung des Werkzeugs ist nicht von der Entwicklung der Sprache zu trennen.

Keine der genannten Ursprungstheorien hat die Forschergemeinschaft überzeugen können. Verknüpfen wir aber die Grundgedanken aus Wundts Ausdruckstheorie mit der Kontakttheorie und der Werkzeugtheorie, stimmen wir diese Konzepte aufeinander ab, dann gelangen wir zu einem geschlossenen Gesamtbild.

Wir wissen also Wundt folgend ganz grundsätzlich, auf welche Weise die frühen Menschen zum sinnerfüllten Lautgebilde gelangen konnten. Jetzt fragen wir uns – die Kontakt- und die Werkzeugtheorie im Kopf – aus welchen Gründen die Entwicklung in diese Richtung ging. Welches Evolutionsgeschehen haben wir uns vorzustellen?

Nach allem, was uns bekannt ist, lebten die Vormenschen in kleinen Gruppen zu dreißig bis fünfzig Individuen, noch kaum unterschieden von den Vorfahren der heutigen Menschenaffen. Welchen Vorzug müssen solche Populationen aufweisen, um in dieser mit Feinden und Konkurrenten besetzten Umwelt zunächst weiterzuleben und sie später sogar zu beherrschen? Auf den Punkt gebracht: Zusammenfassung der Kräfte und flexible Reaktion auf die Gegebenheiten. Was sich niederschlug als Mobilität, soziale Organisation und Werkzeuggebrauch. Und hier finden wir zwei unterschiedliche, aber eng verflochtene Entwicklungsstränge der Sprache vor, denen ich einen emotionalen und einen rationalen Ursprung zuweisen möchte.

Zum emotionalen Ursprung: Gruppenmobilität und soziale Organisation setzt Zusammenhalt, ein Zusammengehörigkeitsgefühl voraus. Eine Einheit ist zu bilden, zu festigen, zu verteidigen. Das Wir ist gegen das Ihr abzugrenzen. Die Lebensbedingungen fordern den Kontakt. Ausdrucksbewegungen festigen und vertiefen den Kontakt. Die hier aus den Artikulationsgesten resultierenden Laute sind kaum bedeutungserfüllt im üblichen Sinne, aber immer stark gefühlserfüllt. Diese Gefühls-Lautsprache wird zum Träger des Wir-Gefühls, schließlich auch des Glaubens. Diese Sprache erhält rituelle Züge. Sie ist heute ebenso bei den Natur- wie den Kulturvölkern vorzufinden. Beim religiösen Zusammensein, beim Feiern der Feste, bei Spiel und Sport, aber auch im alltäglichen Gespräch, etwa bei der Begrüßung und der Verabschiedung.

Zum rationalen Ursprung: Selbst das primitivste Werkzeug ergänzt den Körper, erhöht die Chance zu überleben. Werkzeuggebrauch verbindet sich mit Werkzeugfindung und Werkzeugherstellung, mit der Tradierung von Gebrauch und Erzeugung. Zuständigkeiten deuten sich an, werkzeugbezogene Organisationsformen der Gruppe stellen sich schattenhaft ein, Arbeitsteilung zeichnet sich ab. Stabil im Sinne weiterer Entwicklungsmöglichkeiten bleibt diese Gruppenorganisation nur durch Ausdrucksbewegungen, die Befehle und Bezeichnungen verkörpern und die sich mit der Entwicklung der Werkzeuge ausdifferenzieren. Die hier aus den Artikulationsgesten resultierenden Laute sind bedeutungserfüllt. Diese Begriffs-Lautsprache wird zum Träger des Wissens der Gruppe. Diese Sprache dient später der bewußten Problemerfassung, Problemdarstellung und Problemlösung. An sie denken wir meist, wenn wir heute von Sprache sprechen.

Mit der Gefühls-Lautsprache wird die Geschlossenheit, die Gemeinsamkeit, die Kraft der Gruppe geschaffen. Mit der Begriffs-Lautsprache wird die Gruppe gegliedert, werden Aufgaben verteilt, werden die Einzelkräfte gezielt eingesetzt. Keine der beiden Sprachen könnte sich ohne die andere über ein rudimentäres Stadium hinaus entwickeln.

Müssen wir nun annehmen, daß eine einzige Gruppe mit gerade geschilderter Beschaffenheit gedieh, sich ausbreitete, die Umgebung dominierte, keine Konkurrenten duldete und so zum Verbreiter der Ursprache wurde? Jener Ursprache, die lange Zeit später, aus welchen Gründen auch immer, verschwand und Platz machte für eine unüberschaubare Vielzahl von Sprachen? Diese Vorstellung hat etwas durchaus Zwingendes, nicht umsonst wird sie durch Legenden befördert.

Eine Hoffnung auf Aufklärung könnte sich an die linguistische Universalienforschung richten. Nun hat man beileibe nicht alle Sprachen der Welt auf Universalien hin abgeklopft. Sollte sich aber ein eindrucksvoller Universalienbestand ergeben, so könnte dies als ernsthafter Hinweis darauf verstanden werden, daß alle Sprachen der Welt auf eine gemeinsame Ursprache zurückgehen. Leider muß hier gleich wieder eingeschränkt werden. Der Universalienbegriff ist umstritten. Viele Forscher begreifen diese Universalien nicht als sprachspezifisch. Sie vertreten die Auffassung, daß die Sprachen mit den Universalien allgemeinere Eigenschaften des Menschen widerspiegeln, etwa seine Möglichkeiten der Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen.

Abgesehen davon mangelt es dem Bild der einen initialen Gruppe und der lang währenden Ursprache bei genauerer Betrachtung an Plausibilität. Unseren Befunden folgend lebten die Vormenschen in zahlreichen kleinen Gruppen unter weitgehend ähnlichen Bedingungen. Es könnten sich ebensogut viele Ursprachen entwickelt haben, von denen einige nach kürzerer oder längerer Zeit untergingen, andere sich verzweigten und vermischten. Und wenn es jemals nur eine Ursprache gab, dann sicher nur für einen historisch sehr kurzen Zeitraum. Die allein durch Kampf und Gefangennahme bedingte Fluktuation einzelner Individuen von Gruppe zu Gruppe ermöglichte die Weitergabe der Sprache, ermöglichte damit dann auch ihre getrennte, auseinanderdriftende Entwicklung.

Zerstreuung der Sprachen – Wie werden Sprachbarrieren überwunden?

Legen wir uns, weil am wahrscheinlichsten, wie folgt fest: Aus menschheitsgeschichtlicher Sicht kam es mit dem Sprachursprung praktisch gleichzeitig zur Sprachzerstreuung. Also blieben auch dem Frühmenschen die uns heute so lästigen Sprachbarrieren nicht erspart.

Die Sprachen unserer Welt werden in Sprachfamilien eingeteilt. Anzahl und Eigenschaften der Sprachfamilien hängen vom Klassifikationsansatz der jeweiligen Sprachforscher und vielen strittigen Einzelentscheidungen ab (vgl. Voegelin & Voegelin 1977, Klose 1987).

Genetische Klassifikationen sind geschichtlich orientiert. Verschiedene Sprachen werden auf eine gemeinsame Elternsprache zurückgeführt, die diese Sprachen einmal, und das mag weit zurückliegen, hervorgebracht hat. So wird die große und verzweigte indoeuropäische Sprachfamilie aus einem Proto-Indoeuropäisch abgeleitet, das vor 6000 Jahren von den halbnomadisch in den Steppen Südrußlands lebenden Kurganen gesprochen wurde. Zu dieser Sprachfamilie gehören unter anderem der germanische, indo-arische, italische und slawische Zweig. Die viel kleinere uralische Sprachfamilie ist nur mit zwei Hauptzweigen ausgestattet: dem Finno-Ugrischen und dem Samojedischen, das nur noch von knapp 30000 Menschen im nördlichen Sibirien gesprochen wird.

Neben den älteren Ansatz der genetischen Klassifikation tritt die typologische Klassifikation. Hier geht es nicht um historische Elternsprachen, sondern um formale Ähnlichkeiten zwischen Sprachen. Ein Beispiel läßt die Höhe mancher Sprachbarriere erahnen: In isolierenden Sprachen werden Wörter nicht verändert, etwa durch Endungen, so z. B. im Chinesischen und Vietnamesischen. Grammatische Beziehungen werden durch die Wortstellung zum Ausdruck gebracht, ganz im Gegensatz zu den flektierenden Sprachen, etwa Latein, Griechisch, Arabisch.

Wir können Sprachen aber auch nach sehr praktischen Gründen sortieren, uns etwa fragen, wieviele Menschen eine Sprache als Muttersprache sprechen. Chinesisch ist hier der Sieger, mit einer runden Milliarde Muttersprachler. Englisch folgt an zweiter Stelle mit 350 Millionen, Deutsch liegt auf dem zehnten Platz mit 100 Millionen. Für den Reisenden wäre aber die Amtssprache möglicherweise wichtiger. Hier tauschen Englisch und Chinesisch die Positionen, Deutsch rutscht auf Rang zwölf ab, da Französisch und Malaiisch vorbeigezogen sind.

Zur Zeit spricht die Menschheit nach zuverlässigen Schätzungen etwa 4000 Sprachen und einige zigtausend Dialekte. Es gab schon einmal mehr Sprachen. Die Tendenz scheint weiterhin rückläufig. Aber ob die Menschheit es statt mit 4000 einmal mit 3000, 2000, 1000 oder weniger Sprachen zu tun haben wird, erscheint fast gleichgültig. Die sogenannte Sprachverwirrung, in der biblischen Legende symbolisiert durch den Turmbau zu Babel und das entschlossene Eingreifen Gottes, bleibt bestehen.

Die Existenz vieler Sprachen ist unpraktisch. Das erzeugt Sprachbarrieren, führt zu überflüssigen Kommunikationsproblemen und ungeliebten Anstrengungen. Wer in die Ferne reist, dort vielleicht Handel treiben, seine Religion verbreiten, seinen Einfluß gelten machen oder gar Gebiete erobern möchte, muß fremde Sprachen lernen oder sich auf Dolmetscher verlassen. Läßt sich das besser, effizienter lösen? Hier die bekanntesten Lösungsversuche.

1. Lösungsversuch – Die Auswahl einer Sprache: Eine aufgrund kultureller oder politischer Dominanz hervorstechende Sprache wird zur Zweitsprache der Reisenden, der Gebildeten, der Politiker, der Wissenschaftler. Eine ansprechende, von der Menschheit in vielen Teilen der Welt auch verwirklichte Idee. Allerdings mit Nachteilen behaftet: Die kulturelle oder politische Dominanz ist immer befristet. Die Kenntnis der Sprache reduziert sich auf immer kleinere Gruppen. Irgendwann tritt eine andere Sprache als Konkurrenz auf. So blicken wir im Abendland unter anderem zurück auf Griechisch, Latein und Französisch. Heute werden wir mit Englisch konfrontiert (vgl. Bailey & Görlach 1982).

2. Lösungsversuch – Die Erfindung einer Sprache: Eine künstliche Sprache wird konstruiert, die die Vorzüge der natürlichen Sprachen aufgreifen und deren Mängel vermeiden soll. Esperanto ist am bekanntesten geworden und gilt als erfolgreichster Versuch (vgl. Forster 1981). Etwa hundert solcher Sprachen wurden mehr oder weniger differenziert entwickelt. Worin immer die Vorteile solcher Sprachen liegen mögen, ihr gewichtigster Nachteil ist klar: Sie werden, und das gilt auch für Esperanto, von viel zu wenigen Menschen gesprochen, was zunächst einmal ihren praktischen Nutzen drastisch mindert.

3. Lösungsversuch – Die Vereinfachung einer Sprache: Die gemäß Lösungsversuch Nummer 1 zu erwerbende Zweitsprache wird in eine sogenannte kontrollierte Variante überführt. Englisch wird zu basic english. Wortschatz und Syntax sind reduziert, jedem Wort kommt genau eine Bedeutung zu (vgl. Lehrndorfer 1995). Die Industrie arbeitet seit Jahren mit solchen Sprachen. Das hat erkennbar Vorteile, wenn zum Beispiel Komponenten eines Flugzeugs in mehreren Ländern gefertigt werden. Aber auch die Nachteile liegen auf der Hand. Diese reduzierten Sprachen werden für spezielle Zwecke konstruiert und sind daher für die allgemeine Kommunikation kaum zu gebrauchen.

4. Lösungsversuch - Die Erfindung einer Übersetzungsmaschine: Eine Maschine wird gebaut, die fremde Sprachen versteht, das Gesagte in die eigene Sprache übersetzt und umgekehrt. Das ist ja bereits für wenig Geld zu haben, wenn man der Werbung glaubt. Die Kommunikationspartner müssen aber zur Zeit noch lesen, schreiben und eine Tastatur bedienen könnnen. Etwas Geduld ist auch vonnöten und ganz geringe Ansprüche hinsichtlich dessen, was da übersetzt werden kann. Deswegen könnte man versucht sein, dieses Verfahren nicht mit natürlichen Sprachen, sondern gemäß Lösungsversuch Nummer 3 mit ihren kontrollierten Varianten durchzuführen. Auch das würde nur zu holpriger und rudimentärer Kommunikation führen. Der Wunsch geht natürlich in die Richtung einer viel eleganteren lautsprachlichen Version, die Sprache in ihrem ganzen Reichtum übersetzt. Auf die Erfüllung dieses Wunsches wird noch lange zu warten sein.
Wirklich praktikabel hat sich von diesen Lösungsversuchen bisher nur der erste erwiesen. Eine Sprache wird zur Weltsprache, zur Amtssprache mehrerer Staaten, zur Lingua franca einer größeren Region. Das kann einerseits durch Sprachplanung und Sprachpolitik bewußt gesteuert werden, kann sich andererseits aber auch aus einem ungeplanten historischen Prozeß ergeben, worauf später noch einzugehen ist.

Doch vorher sei wertend auf jene Lösungsversuche zur Überwindung der Sprachbarrieren eingegangen, die Sprachen erfinden oder reduzieren. Reduzierte Sprachen basieren auf einer Ausgangssprache, aber auch erfundene Sprachen sind keine völlig freien Schöpfungen. Sie lehnen sich meist an mehrere natürliche Sprachen an. Das Esperanto etwa schöpft aus dem Englischen, aus romanischen und slavischen Sprachen. Solange sich eine erfundene oder reduzierte Sprache nicht durchgesetzt hat, bleibt sie ein Konstrukt, ein Artefakt. Was heißt durchgesetzt? Das meint, daß eine solche Sprache nicht nur im Unterricht erworben werden kann, sondern im Elternhaus und auf der Straße. Daß sie nicht mit Absicht, sondern aus natürlicher Notwendigkeit gelernt wird. Erst dann werden sich diese Konstrukte zu lebenden Sprachen entwickeln. Solange dies nicht geschehen ist, stehen diese Konstrukte als mehr oder weniger starre Kunstformen in einem Mangelverhältnis zu ihren Ausgangssprachen. Sie übersehen meist den einen Ursprung der Sprache, die Gefühls-Lautsprache, und zerstückeln den zweiten Ursprung, die Begriffs-Lautsprache.

Kunstsprachen verhindern das Aufkommen dialektaler Varianten und behindern damit damit den sprechenden Menschen in seinem Ausdrucks- und Identitätsbedürfnis. Stattdessen orientieren sie sich an Grammatiken, Lexika und aufgelisteten Redewendungen, also eher an einem Ausschnitt der schriftsprachlichen Normen einer kodifizierten Hochsprache. Kunstsprachen umgehen die Vagheit wirklicher Sprache. Gerade deswegen werden sie häufig entworfen. Doch Vagheit macht Kommunikation erst wirklich möglich. Befriedigende Kommunikation ist selten ein strikter mechanistischer Informationsaustausch, sondern meist eine gemeinsame schrittweise Verständigung. Das geht vom umrißhaften Verstehen hin zum klaren deutlichen Bild. Gerade das Verstehen bedarf des Noch-nicht-Verstehens, des Mißverstehens und seiner Aufklärung. Kunstsprachen ignorieren die Möglichkeit und Notwendigkeit des illustrierenden sprachlichen Bildes, der mit Bedeutungsebenen spielenden Metapher, des denkanstoßenden Vergleichs, und indem sie die Möglichkeit und Notwendigkeit der vorsichtig vorfühlenden Andeutung ignorieren, konditionieren sie den Verzicht auf Feingefühl im kommunikativen Beieinander. Und schließlich, diesen starren Sprachvarianten mangelt es Anpassungsfähigkeit. Nicht die Benutzer veranlassen Veränderungen, diese werden von Fachleuten abgestimmt und gegebenenfalls von Software-Ingenieuren realisiert.

Wandel und Verknüpfung der Sprachen – Wohin geht die Entwicklung?

Wir wissen, daß Sprachen einer Wandlung unterworfen sind. Der Lautbestand, der Wortschatz, die syntaktischen Regeln, das Bedeutungsgefüge und das Gesprächsverhalten verändern sich (vgl. Aitchison 1981). Wir streiten uns darüber, was diesen Wandel verursacht. Hier eine kurze Charakterisierung von häufig angeführten, sich teilweise überschneidenden Erklärungsversuchen.

Eine Veränderung der Lebensbedingungen: Verschiebungen von Klimazonen, Wanderbewegungen eines Volkes oder technische Entwicklungen verändern den Lebensrahmen eines Volkes. Darauf wird kognitiv und kommunikativ reagiert, Weltsicht und Sprache werden entsprechend modifiziert.

Die Begegnung und Vermischung von Sprachen: Völkerwanderungen führten zum Sprachkontakt, ebenso Kriege, Kolonialisierung und Missionierung, Massentourismus und Geschäftsinteressen. Sprachkontakt ist auch Sachkontakt. In der Fremde wird Neues entdeckt. Die von den Einheimischen verwendeten Bezeichnungen werden in die eigene Sprache übernommen. Vereinzelte fremde Einheiten werden der eigenen Sprache zumeist lautlich angepaßt. Treten sie zahlreicher auf, wirken sie verändernd auf die eigene Sprache ein, modifizieren ihre lautliche, syntaktische und begriffliche Struktur.

Das Aufkommen der Schriftsprache: Vorformen der Schrift wurden als recht begrenzte Menge graphischer Zeichen bereits vor zehntausend Jahren verwendet. Sie bilden die Grundlage für die Verschriftlichung der Lautsprache. Doch was wird hier verschriftlicht? Jede Sprache zerfällt in zahlreiche Dialekte, und da bietet sich der Dialekt der Mächtigen und Besitzenden, der Herrscher, der Priester oder vielleicht der Kaufleute an. Schriftsprache muß jene Inhalte festhalten, die genau diesen Menschen wichtig sind. Die Sprecher anderer Dialekte werden mit einer Norm konfrontiert. Gesellschaftlicher Erfolg verlangt Beachtung dieser Norm, und deren Beachtung wirkt verändernd auf den Dialekt zurück. Dazu kommt: Die Gegenständlichkeit der Schriftsprache fördert Reflexion über die Sprache selbst. Wir denken über Sprache nach und sprechen über Sprache, deren Manifestationen während des Nachdenkens und Sprechens vor unseren Augen sind. Wir können diese Manifestationen bewerten und korrigieren. Damit gewinnt Schriftsprache ein von der Lautsprache abgesondertes Leben, eine durch Schriftgelehrte beeinflußte Entwicklung. Eine Grammatik wird erstellt, der Wortschatz gesammelt, Regeln zur Aussprache fixiert. Damit ist das Richtig oder Falsch gefunden – an der Schriftsprache wohlgemerkt. Und diesen Bewertungskriterien wird die Lautsprache unterworfen.

Der bisher besprochene Sprachwandel umfaßt Zeiträume von mehreren hundert oder tausend Jahren. Wir können diese Entwicklungen aber auch im Zeitraffer beobachten: bei den sogenannten Pidgin- und Kreolsprachen (vgl. Hymes 1971, Romaine 1988).

Pidginsprachen entstanden meist in Zusammenhang mit Kolonialisierungen. Die kolonialisierten Völker sprachen nicht die Sprache der Kolonialherren und umgekehrt. Pidgin wird häufig als hybride Sprache oder Behelfssprache bezeichnet, weil sich im Pidgin die aufeinandertreffenden Sprachen mischen und man sich in der Kommunikation mit dieser Mischsprache behilft. Im Vergleich zu den Ausgangssprachen weisen Pidginsprachen Begrenzungen im Wortschatz, in der Syntax und im Umfang der kommunikativen Funktionen auf. Auch werden Pidginsprachen nicht als Muttersprachen gesprochen. Sie ähneln also den vorhin erwähnten Kunstsprachen. Mit einem entscheidenden Unterschied: Pidginsprachen wurden nicht erdacht, sondern von ihren Sprechern hervorgebracht. Sie sind mit Leben erfüllt und bergen Entwicklungschancen in sich. An ihnen ist der Sprachwandel durch Sprachkontakt zu beobachten.

Die bekanntesten Pidgins entstanden durch Kontakt der europäischen Sprachen Englisch, Französisch, Niederländisch, Portugiesisch und Spanisch mit nicht-europäischen Sprachen. In diesen Pidgins dominiert die Sprache der Eroberer. Diese Pidgins wurden oft verlacht, ihre einheimischen Sprecher als dumm und primitiv diskriminiert. Nun mag ein englisches Pidgin auf den hochmütigen Ausländer ja lächerlich wirken. Tatsächlich aber sind Pidgins erstaunlich kreative und leistungsfähige Kommunikationssysteme.

Die meisten Pidgins existieren nur wenige Jahre, selten länger als hundert Jahre. Sie hängen ab von ihrem Kommunikationszweck. Mit diesem werden sie geboren, ist dieser hinfällig, stirbt das Pidgin. Das französiche Pidgin verschwand unmittelbar nach dem Abzug der Franzosen aus Vietnam, das gleiche Schicksal widerfuhr dem während des amerikanischen Vietnamkrieges aufgetauchten englischen Pidgin.

Wenn dem Pidgin ein neuer Kommunikationszweck zuwächst, zeigt sich ein anderer Verlauf. So ist z. B. das in Papua-Neuguinea gesprochen Tok Pisin (talk pidgin) zu einer anerkannten Hilfs- und Verkehrssprache geworden. Und das geht einher mit einer Weiterentwicklung. Neue Formen werden in diese Sprachen integriert, neue Kommunikationsfunktionen angestrebt, es entsteht ein erweitertes Pidgin. Solche Pidgins wurden verschriftlicht, sie sind in Zeitungen zu lesen und in Rundfunksendungen zu hören.

Wenn ein Pidgin die Kommunikation einer Gemeinschaft dominiert, ergibt sich die Tendenz, in diesem Pidgin mit seinen Kindern zu sprechen. Das Pidgin wird zur Muttersprache. Damit ist es neuen Veränderungen unterworfen. Sein Funktionsumfang muß vollständig dem der natürlichen Sprachen angepaßt werden. Und das regeln die Kinder im Zusammenspiel mit den Müttern. Dieses Pidgin ist keine Behelfssprache mehr, die neben anderen Sprachen erlernt wird, sondern eine völlig eigenständige, mit den Ausgangssprachen verwandte Sprache – eine Kreolsprache. Wir haben es bei der Pidgin- und der Kreolsprache mit zwei Stadien eines Sprachentstehungsprozesses zu tun.

In den Kreolsprachen dominiert anfangs die Sprache der Kolonialherren. Das in Sierra Leone gesprochene Krio ist englisch-basiert, das in Guyana gesprochene Kreolisch französich-basiert. Das führt zu Reibungen, ausgelöst vom Status der dominierenden Ausgangssprache, und in der Folge zu Veränderungen der Kreolsprache. Identifizieren sich ihre Sprecher mit dem höheren Sozialprestige der dominanten Ausgangssprache, dann nähern sie ihre Kreolsprache der Ausgangssprache an – ein Dekreolisierung genannter Prozeß. Lehnen die Sprecher die dominante Ausgangssprache ab, etwa als Symbol der Unterdrückung, Versklavung und Ausbeutung, werden sie die Eigenarten ihrer Kreolsprache pflegen und sich so von der Ausgangssprache entfernen - ein Hyperkreolisierung genannter Prozeß.

Das Black English in den USA zeigt eine aufschlußreiche und nachvollziehbare Entwicklung, ausgehend von der initialen Kreolisierung während der Versklavung über die anpassende Dekreolisierung nach dem amerikanischen Bürgerkrieg hin zur selbstbewußten Hyperkreolisierung der letzten Jahrzehnte.

Wir stellen fest: Seitdem der Mensch die Sprache beherrscht, entstehen neue Sprachen, wandeln sich und vergehen. Sprachbarrieren türmen sich auf, werden z. B. mit Pidginsprachen überwunden und werden mit den Kreolsprachen erneut errichtet. Läßt sich das ändern?

Ein Blick auf eine reichverzweigte Sprachfamilie mag die Frage erhellen. Ich meine eine sehr spezielle Sprachfamilie; keines ihrer Mitglieder wurde bisher erwähnt. Ich meine die Familie der Programmiersprachen. Jene Sprachen, die der Mensch seit wenigen Jahrzehnten zur Kommunikation mit seinen Computern verwendet. Ohne Zweifel Konstruktsprachen, ausgestattet mit Lexikon und Syntax. Hier hätten wir es doch in der Hand gehabt, die Sprachverwirrung zu vermeiden. Stattdessen stoßen wir auf selbstgefertigte Sprachbarrieren, auf eine Vielzahl von Sprachen und Sprachdialekten. Wer mühsam einen Basic-Dialekt gelernt hat, kann noch lange nicht in Fortran programmieren oder gar in C. Wir führen das einerseits zurück auf die persönlichen Eigenschaften verschiedener Entwicklergruppen, etwa deren Auffassung von Ökonomie oder Ästhetik, andererseits auf die Zieldefinition, die gewünschte Leistung der zu entwickelnden Programmiersprache. Rückblickend müssen wir konstatieren: Es mußte zu einer Sprachfamilie kommen, und es mußte zu Sprachbarrieren kommen.

Sprachbarrieren sind lästig, aber auch notwendig. Denn ohne die Zerstreuung der Sprachen gibt es keine Sprache. Vertiefen wir die positive Sicht der Sprachzerstreuung und der Sprachbarrieren: Sprache schafft Heimat und Identität. Sprache vermittelt Weltsicht, dient der Reflexion. Fremde Sprache zeigt auf ferne Heimat, auf neugierig stimmende Identität. Fremde Sprache zeigt auf überraschende Weltsicht, auf anregende Reflexion. Fremde Sprachen sind für uns neue Sprachen und fremde Menschen für uns neue Menschen. Neue Sprachen und neue Menschen sind eine Herausforderung, ein Gewinn.


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