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Einführung in die Linguistik

Beiträge von Studenten - Sandra Rath

Lev Vladimirovich Shcherba

Gliederung

1. Stationen eines Lebens - Biographische Angaben
2. Der Meister und sein Werk - Thesen und Theorien Shcherbas
2.1 Allgemeine Sprachwissenschaft
2.2 Phonetik / Phonologie
2.3 Syntax / Grammatik
2.4 Lexikographie
2.5 Fremdsprachenunterricht
3. Nachwort
4. Übersicht über wichtige Werke
5. Erklärung verwendeter Termini
6. Quellennachweis

1. Stationen eines Lebens - Biographische Angaben

  • geboren : 03. März 1880, Petersburg
  • gestorben : 26. Dezember 1944, Moskau
  • 1898 : Absolvierung des Gymnasiums
  • Aufnahme des Studiums an der historisch-philologischen Fakultät der Universität Petersburg
  • begeisterter Schüler von J. Baudouin de Courtenay
  • enormer Einfluß auf Shcherbas sprachwissenschaftliche Ansichten

  • 1903: Abschluß des Studiums
  • 1906 - 1908: Arbeit am Lehrstuhl für vergleichende Grammatik an der Universität Petersburg
  • 1907 - 1909: Studienreisen nach Deutschland, Italien (Toskana) und Frankreich, zum Studium der Dialekte und Mundarten
  • 1907 - 1908: Arbeit in Paris im Phonologischen Untersuchungslabor von Rousselot

  • verarbeitet den gesamten Stoff in seinen Werken:
  • 1912 : " Die russischen Vokale in qualitativer und quantitativer Beziehung "
  • 1915 : " Die ostlausitzische Mundart "

  • 1912 : Doktortitel
  • 1916 : Ernennung zum Professor, Leitung des Lehrstuhls für Phonetik an der Universität Petersburg
  • 1943 : ständiges Mitglied der sowjetischen Akademie der Wissenschaften

  • zählte zu den herausragendsten Sprachwissenschaftlern seiner Zeit
  • nutzte a) den hohen Entwicklungsstand der Lautlehre vor der Oktoberrevolution
    b) die von Baudouin de Courtenay entwickelte Phonemlehre als Grundlage für seine originellen Sprachkonzepte
  • gewaltiger Aufschwung in der Phonetik

  • seine sprachwissenschaftlichen Interessen :
    1. allgemeintheoretische Probleme der Sprachwissenschaft
    2. Phonetik / Phonologie
    3. Lexikologie
    4. ( teilweise ) Syntax
  • weitere wichtige Beschäftigungfelder :
    • russische Syntax
    • Orthoepie
    • Lexikographie
    • Methodik des Sprachunterrichts
  • Gesamtwerk ca. 70 Bücher und Artikel
  • Hauptschwerpunkt : Phonemtheorie


2. Der Meister und sein Werk - Thesen und Theorien

2.1 Allgemeine Sprachwissenschaft

Hauptwerk : 1931, "Über den dreifachen Aspekt sprachlicher Erscheinungen und das Experiment in der Sprachwissenschaft "

  • Überwindung der von Courtenay geprägten psychologischen Auffassung der sprachlichen Erscheinung
  • Unterschied Sprache in 3 Aspekte:
    1. Sprachtätigkeit: - alle Prozesse des Sprechens und Verstehens
    2. Sprachmaterial : - alles Gesprochene und Verstandene in einer bestimmten konkreten Situation einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe
    3. Sprachsystem : - etwas Einheitliches und Verbindliches für alle Angehörigen der betreffenden gesellschaftlichen Gruppe
    - hat einen sozialen Wert
    - umfaßt: - die Wörter, die in jeder Sprache ein kompliziertes System bilden - die Grammatik,d.h. Muster und Regeln für den Bau der verschiedenen sprachlichen Einheiten
    - Aspekte nur künstlich differenziert in einem einheitlichem Ganzen, sie sind voneinander abhängig = klarer Gegensatz zur Ansicht de Saussures!
  • Hauptaufgabe der Sprachwissenschaft :
    1. Erforschung des Sprachsystems
    2. Erforschung der lebenden Sprachen und Mundarten
      = dadurch Entwicklung exakter Methoden für die Abfassung von Wörterbüchern und die Wiederspieglung des wirklichen Sprachzustandes
  • Kritik an der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft


= lebensfremd, da Rekonstruktion abstrakter Sprachen
aber: - wesentliches sprachbildenes Element ist die menschliche Kommunikation

  • Gegenüberstellung: Vergleichende Untersuchung der Struktur unterschiedlicher Sprachen

  • Zweifelte aber selbst an deren Wert, an der Konstruktion des historischen Bildes über die Entwicklung der menschlichen Sprache im Zusammenhang mit der Entwicklung des menschlichen Bewußtseins beizutragen

  • Ablehnung der traditionellen Einteilung der Sprachen in agglutinierende, flektierende, isolierende, inkorporierende Sprachtypen, da Hemmnis der wirklichkeitsadäquaten Sprachbeschreibung

2.2 Phonetik / Phonologie

Hauptwerk : 1937, "Phonetik der französischen Sprache"

  • Zunächst Übernahme Baudouin de Courtenays These:

Phonem:
- hat ein psychologisches Wesen
- ist eine in unserem Gehirn ständig vorhandene Lautvorstellung

  • Erweiterung dieser These unter Betonung des Zusammenhangs zwischen Phonem und Bedeutung des Wortes (Phonemtheorie auf semantischer Basis )

Phonem:

  • kürzeste allgemeine Lautvorstellung einer Sprache
  • Lautvorstellung, die mit Sinnvorstellung assoziiert werden kann
  • betont die bedeutungsdifferenzierende Funktion des Phonems
  • läßt sich in der Rede ohne Entstellung des Lautbestandes des Wortes hervorheben


aber : betont den Zusammenhang Phonem - Bedeutung des Wortes noch recht vorsichtig
Nach langjähriger Beschäftigung mit seiner Phonemtheorie :
Phonem:

  • (einzelner Sprechlaut) kleinster Abschnitt der Wörter, durch dessen Weglassung, Hinzufügung oder Ersetzung andere Wörter oder andere bedeutungstragende Teile entstehen

Bsp. :

  • wortformendifferenzierender Lauttyp
  • dialektische Einheit von Allgemeinem und Besonderem

Phonemschattierung/ Phonemvariante :

  • die real artikullierten, unterschiedlichen Laute, die das Besondere darstellen, in dem sich das Phonem als das Allgemeine realisiert
  • eine Schattierung ist normalerweise am typischsten; sie wird in isolierter Stellung ausgesprochen und man nimmt eigentlich nur sie als Sprachelement wahr

wichtiger Aspekt beim Fremdsprachenlernen:

  • Aneignung der unterschiedlichen Phonemschattierungen
  • Regeln ihres Alternierens
  • Bekämpfung der eigenen artikullatorischen Gewohnheiten
  • beschreibt zusammen mit Trubetzkoy die Phonemtheorie als ein System der Oppositionen
    d.h. : sämtliche Phoneme jeder Sprache bilden ein einheitliches System von Gegensätzen, worin jedes Glied durch eine Serie verschiedener Gegenüberstellungen sowohl einzelner Phoneme als auch ihrer Gruppen bestimmt wird; jedes Phonem definiert sich dadurch, wodurch es sich von anderen Phonemen der gleichen Sprache unterscheidet
  • gründete Leningrader phonologische Schule ( S.I. Bernstein, L.R. Zinder )
  • Moskauer phonologische Schule ( R.I. Avanesov, P.S. Kuznetsov, A.A. Reformatskij )

= basierten auf seinen Ideen und entwickelten unterschiedliche phonologische Richtungen

2.3 Syntax / Grammatik

  • Lehre vom aktiven und passiven Aspekt der Grammatik :
  • Aktive Grammatik: Grammatik des Mitteilungssenders ( Redners )
    Untersucht den Gebrauch von grammatischen Formen:
    • Wie wird ein Gedanke ausgedrückt ?
    • Wie wird ein Ausschnitt der Wirklichkeit beschrieben ?
    • Mit welchen sprachlichen Mitteln ?
    • Wie wird ein logisches Urteil mit seinem Subjekt und Prädikat ausgedrückt ?

  • Passive Grammatik: Grammatik des Mitteilungsempfängers (Hörer)

Untersucht die Funktion und die Bedeutung von syntaktischen Ausdrucksmitteln z.B. Wortfolge, Wortverknüpfung, Satzintonation

  • Grundlage der Syntax ist nicht der Satz, sondern das Syntagma
  • Syntagma: Lauteinheit, die ein Sinnganzes beim Sprechen und Denken ausdrückt; ein Wort, eine Wortgruppe oder einer Gruppe von Wortgruppen
  • Syntagmen: zusammenfaßbar zu Gruppen höherer Ordnung mit unterschiedlicher Intonation.

Produkte der Sprachtätigkeit bilden eine Phrase, d.h. ein abgeschlossenes Ganzes, bestehend aus einem einzigen oder einer Gruppe von Syntagmen, gekennzeichnet durch sinkende Intonation

2 Grundtypen der Phrase:
- eingliedriger Typ; Bsp.
- zweigliedriger Typ; Bsp.
Shcherba gebraucht die Termini Satz und Phrase synonym

Klassifizierung der Wortarten:

  • Kritik an Fortunatovs Wortklassifizierung
  • Folgt Baudouin de Courtenays semasiologischer Betrachtung der Kategorien der Wortarten: " Semantik der Wortarten ist deren grundlegendes Kennzeichen "
  • semantisch-morphologischer Ansatz bei der Klassifizierung der Wortarten wurde Leitprinzip für die sowjetische Sprachwissenschaft der 30-iger Jahre
  • Prinzip noch nicht ausgereift, Weiterentwicklung durch V.V. Vinogradov

Einteilung der Wortbildungstypen in

  • morphologische (suffixal, präfixal, infixal )
  • phonetische ( morphologische Alternationen, z. B.
  • semantische, z.B. Wortkompositionen

  • seine Grammatikstruktur besaß keine Morphologie; sondern Wortbildung und Wortformenbildung

2.4. Lexikographie

Hauptwerk : 1940, "Versuch einer allgemeinen Theorie der Lexikographie"

  • leistete viel zur Abfassung von Wörterbüchern unterschiedlichster Art
  • unterteilte gemäß seinem Prinzip in der Grammatik:

aktiven Wortschatz - benutzen die Träger der Sprache
passiven Wortschatz - verstehen die Träger der Sprache

  • Wörterbuch muß Sprachstoff, d.h. die Redetätigkeit der betreffenden Gemeinschaft widerspiegeln
  • Sein Dringen auf die Notwendigkeit wissenschaftlicher Zusammenstellungen (Wörterbücher), deren Vielfalt die allgemeine Sprachkultur eines Volkes erhöht, hatten großen Einfluß auf die Entwicklung der sowjetischen Lexikographie.
  • Ende der 30-iger Jahre: Beteiligung an dem Projekt, die Schriftsysteme vieler asiatischer Sowjetrepubliken in das kyrillische Alphabet umzuändern.

2.5 Fremdsprachenunterricht

Hauptwerk : "Fremdsprachenunterricht in der Mittelschule", veröffentlicht 1947 von seinem Schüler Rachmanow, der sich nach Shcherbas Tod für seine Ideen einsetzte

  • Anfang 19. Jahrhundert:
    • wachsende Bedeutung von Gymnasien und Realschulen
    • gleichzeitig wachsende Spannung zwischen klassischer und realistischer Bildungskonzeption

    klassische B. : bewahrende Tendenzen seitens der Regierung
    realistische B. : revolutionäre Tendenzen seitens der politisch engagierten Öffentlichkeit
  • Auseinandersetzungen mündeten 1915 in Reformbestrebungen, bei denen Shcherba die Fremdsprachenkommission übernahm
  • Geistiger Vater der für die sowjetische Fremdsprachendidaktik typische

Bewußt-Vergleichende Methode:

  • Grammatik und Übersetzung als Hilfe zum Zweck
  • Erlangen der Fremdsprachenkenntnis durch Bewußtmachung der fremden Struktur und Rückgriff auf die Muttersprache

Nachteil :

  • Vernachlässigung der produktiven Sprachbeherrschung
  • Überbetonung des Sprachwissens
  • Löste die Grammatik-Methode ab : Konzentration auf die Vermittlung grammatischer Kenntnisse
  • Betonte den Wert der Fremdsprache für die Sprachbildung
  • Allein der muttersprachliche Unterricht reicht nicht aus
  • Geeignet sind sowohl lebende als auch alte Sprachen; lebende Sprache wegen ihrer praktischen Anwendbarkeit jedoch sinnvoller
  • Stellte den Unterschied zwischen aktiver und Passiver Sprachbeherrschung heraus
  • Erst nach Shcherba:
    • Bemühungen um den Abbau der Grammatikdominanz
    • Vordergründliche Betrachtung der praktischen Sprachbeherrschung, d.h. Unterordnung des Grammatikwissens dem Kommunikationsaspekt

3. Nachwort

  • Shcherba versuchte stets unvoreingenommen, weltoffen, tiefgründig und selbständig Sprachstoff zu untersuchen.
  • Seine Originalität zeigt sich :
    • in seinen ständig neuen Ideen
    • im Aufwerfen neuer sprachlicher Probleme
    • im Versuch, diese zu lösen

4. Übersicht über wichtige Werke

  • 1912 : "Die russischen Vokale in qualitativer und quantitativer Beziehung"
  • 1915 : "Die ostlausitzische Mundart"
  • 1928 : "Über die Wortarten im Russischen"
  • 1931 : "Über den dreifachen Aspekt sprachlicher Erscheinungen und das Experiment in der Sprachwissenschaft"
  • 1937 : "Phonetik der französischen Sprache"
  • 1940 : "Versuch einer allgemeinen Theorie der Lexikographie"
  • 1945 : "Aktuelle Probleme der Sprachwissenschaft"
  • 1947 : "Fremdsprachenunterricht in der Mittelschule", veröffentlicht durch Rakhmanov

5. Erklärungen verwendeter Termini

Agglutinierend: grammatische Beziehungen werden durch Aneinanderreihung eindeutig bestimmter grammatischer Morpheme gekennzeichnet, d.h. für jedes grammatische Bedeutungselement steht ein sprachliches Element

Alternation : regelmäßiger Wechsel unterschiedlicher sprachlicher Repräsentationsformen einer abstrakten linguistischen Einheit

Flektierend: grammatische Beziehungen werden durch Endungen ausgedrückt, die von der Form des Stammes abhängen

Inkorporierend: auch andere Wörter, z.B. Pronomen, werden direkt mit in die Wortformen einbezogen

Isolierend: amorphe Sprache; keine Formenbildung vorhanden

Lexikographie: Abfassung von Wörterbüchern zum Zwecke der Darstellung und Beschreibung des gesamten Wortschatzes einer Sprache oder eines bestimmten Teils (Fachwortschatz)

6. Quellennachweis

  1. Beresin, F.M. : Geschichte der sprachwissenschaftlichen Theorien. Leipzig 1980
  2. Beresin, F.M. (Hrsg.) : Reader zur Geschichte der sowjetischen Sprachwissenschaft. Leipzig 1984
  3. Conrad,R. (Hrsg.) : Kleines Wörterbuch sprachwissenschaftlicher Termini. Leipzig 1975
  4. Filin, F.P. (Hrsg.) : Entsiklopidiya Russkii Yazyk. Moskau 1979
  5. Meyers Enzyklopädisches Lexikon. 30 Bde
  6. Stammerjohann, H. : Handbuch der Linguistik. Darmstadt

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Letzte Aktualisierung: 14.04.2006 4:53 PM