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Einführung in die Linguistik

Beiträge von Studenten - Larissa Schreckenbach

Alexander Afanas'evich Potebnya

Lebens- und Schaffensweg

1835

Der ukrainisch-russischer Philologe und Slavist Alexander Afanaßjewitsch Potebnya wird in einer ukrainischen Adelsfamilie im Gouvernement Poltawa geboren

1850

Fängt an der Juristischen Fakultät der Universität Charkow an, zu studieren

1852

Wechselt an die Historisch-Philologische Fakultät

1861

Unterichtet an einem Charkower Gymnasium. Verteidigung der Magisterdissertation „Über einige Symbole in der slawischen Volkspoesie“

1862

Erste große Abhandlung „Der Gedanke und die Sprache.“

1862-1863

Sanskritstudium in Berlin. (Sanskrit - noch heute in Indien als Literatur und Gelehrtensprache verwendete altindische Sprache.)

1874

Verteidigung der Doktordissertation „Aus den Niederschriften zur russischen Grammatik.“

1875

Potebnya wird Professor am Lehrstuhl für Geschichte der russischen Sprache und Literatur an der Universität Charkow.

1877

Potebnya wird ordentliches Mitglied der Gesellschaft der Freunde der Literatur Rußlands an der Universität Moskau und korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften.
Ihm wird für seine wissenschaftlichen Arbeiten der Lomonosowpreis der Akademie der Wissenschaften zuerkannt.
Er wird zum Mitglied der Tschechischen Gesellschaft der Wissenschaften gewählt.

1891

Die Russische geographische Gesellschaft zeichnet den Wissenschaftler mit der höchster Auszeichnung für seine mehrjährige erfolgreiche wissenschaftliche Tätigkeit aus.

1891

Potebnya stirbt.

Potebnya beschäftigte sich allgemein theoretisch mit Fragen der Wechselbeziehung zwischen Sprache und Denken, Sprache und Nation sowie der Entstehung der Sprache. Er erörterte Fragen der Literaturtheorie, Folklore und Ethnographie, vor allem aber Fragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, Phonetik, Morphologie, Syntax und Semasiologie.

Wichtigste Werke:

  • „Gedanke und Sprache“
  • „Aus den Niederschriften zur russischen Grammatik“
  • „Über die Veränderung der Bedeutung und die Vertauschungen des Substantivs“.

Einige Arbeiten wurden von seinen Schülern erst postum herausgegeben (B.M. Lyapunov, D.N. Ovsyaniko-Kulikovskij):

  • „Aus der Niederschriften zur Literaturtheorie“ (1905)
  • „Aus den Vorlesungen zur Literaturtheorie, Fabel, Sprichwort, Redewendungen.“ (1894)
  • Artikel „Sprache und Volkstümlichkeit“ (1895) und „Psychologie des Poesie- und des Prosadenkens“ (1910).

Die philosophischen Grundlagen der Sprachkonzeption Potebnyas

Wie andere große russische Wissenschaftler der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert stellt Potebnya sein wissenschaftliches Werk - die Grundfragen der Sprachwissenschaft - auf ein solides philosophisches Fundament.

Philosophische Grundlage der Weltanschauung Potebnyas sind subjektiver Idealismus und Psychologismus. Potebnya war Idealist, Empiriker und Sensualist.

Großen Einfluß auf seine Weltanschauung hatte die idealistische Völkerpsychologie Steinthals. Die Völkerpsychologen hielten die Sprache für das Selbstbewußtsein, die Weltanschauung und Logik des „Volksgeistes“. Der „Volksgeist“ äußert sich vor allem in der Sprache, in den Sitten und Bräuchen, Traditionen und Gesängen. Daher rührte auch das große Interesse Potebnyas für die Folklore.

In den 60 - 70 Jahren des 19. Jahrhundert entstand in Rußland eine Philosophie der Revolutionsdemokraten - eine Form der Materialismus.

H.G. Chernyschewskis Arbeit „Anthropologisches Prinzip in der Philosophie“ hatte einen großen Einfluß auf die Formung der materialistischen Weltanschauung der progressiven Wissenschaftler, darunter auch auf Potebnya.

In dieser Zeit formiert sich das linguistische Konzept Potebnyas. Die materialistischen Ideen der Revolutionsdemokraten haben insbesondere in den Vorlesungen des Wissenschaftlers ihren Ausdruck gefunden: „Der Mensch übertrifft das Tier einerseits durch das Wort, d.h. durch das Instrument, daß er sich zur Vervollkommnung des Denkens geschaffen hat und andererseits durch die Maschine, d.h. dadurch, daß er sich neben seinen naturgegebenen Organen für seine Handlungen neue Organe, Werkzeuge, vom Stock und Hebel an, schafft.“ („Aus den Vorlesungen zur Literaturtheorie“ 1894).

Noch vor Karl Max hat Potebnya die Entstehung des menschlichen Denkens materialistisch aufgefaßt.

Potebnya blieb ein Psychologist, teilte aber auch materialistische Ansichten.

Der Einfluß von Humboldt auf die philosophischen Ansichten Potebnyas war ebenfalls sehr groß. Für Potebnaj besonders interessant war Humboldts Idee, daß die Sprache eine Tätigkeit ist. Gerade dieser Gedanke ließ ihn das Wesen der Sprache als unaufhörliches Streben nach Vervollkommnung der sprachlichen Formen auffassen:

„... die Sprache befindet sich in beständiger Entwicklung, nichts in ihr darf als unbeweglich gelten ...“ („Aus den Niederschriften zur russischen Grammatik“)

„... die Ersetzung einer einfachen Form durch eine komplizierte ist nicht nur ein Flicken auf dem alten Kleid, sondern die Bildung einer neuen Form des Gedankens ...“

Humboldts Einfluß äußerte sich am stärksten in Potebnyas psychologischer Analyse der sprachlichen Erscheinungen.


Potebnya über den Zusammenhang von Sprache und Denken

Den Zusammenhang von Sprache und Denken stellte sich Potebnya folgendermaßen vor:

Zunächst sind die Objekte des Denkens da - die Gegenstände und Dinge der objektiven Realität, die in Wechselbeziehung zueinander und zum Subjekt stehen.

Außer den Objekte des Denkens gibt es die Subjekte - die Menschen. Als der Mensch sich noch nicht aus seiner Umwelt hervorgehoben hatte, waren die Objekte und Subjekte identisch. Erst später begann der Mensch seine Umwelt mit Hilfe des Denkens zu objektivieren.

Alles das wirkt auf die Sinnesorgane ein und ist die Ursache für das Entstehen des Denkprozesses. Als Ergebnis des Denkens entstehen Bilder und Begriffe.

Der Denkprozeß ist die Projektion der Tätigkeit des Menschen auf das Objekt. Das Resultat dieser Projektion sind die Begriffe und Bilder, die eine Synthese von Subjektivem und Objektivem darstellen.

Potebnya gliedert die Denktätigkeit in mehrere Etappen: Was ich sehe (Gegenstand) -> ein charakteristisches Merkmal des wahrgenommenen Gegenstandes (innere Form) ->das sinnliche Bild des Gegenstandes (Summe der Wahrnehmungen) -> die Vorstellung (Vergleich der Wahrnehmungen) -> die Apperzeption (erster Denkakt) -> das Urteil (Hauptdenkform) -> der Begriff (Summe der Urteile).

Der Begriff ist die höchste Form der Gehirntätigkeit, eine bestimmte Menge von Urteilen, die Summe der Denkakte.

Die Wechselbeziehungen zwischen Denken und Sprache entwickeln sich Potebnya zufolge vom sprachlichen Denken in Bildern über das bildhafte Denken, das mit dem Wort assoziiert ist, bis zum Denken in Begriffen mit Hilfe von Wörtern, wobei alle diese Etappen eng miteinander zusammenhängen. Eine große Rolle in diesem Prozeß spielt das Wort.


Die Bedeutung der Werke Potebnyas auf dem Gebiet der Syntax

Potebnyas Werke wurden schon von seinen Zeitgenossen hoch geschätzt.

Die Sprachwissenschaftler würdigen vor allem Potebnyas Arbeiten zur Syntax. Potebnya hat zwei neue Grundsätze für eine Erfassung und Untersuchung der syntaktischen Erscheinungen aufgestellt:

1) den Grundsatz des historischen Wandels der syntaktischen Kategorien und dementsprechend das Prinzip des Historismus bei der Erklärung des heutigen syntaktischen Systems und

2) den Grundsatz des strukturellen Zusammenhangs aller grammatischen Hauptkategorien - des Wortes, der Wortart, des Satzgliedes und des Satzes.

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Letzte Aktualisierung: 14.04.2006 8:54 PM