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Einführung in die Linguistik

Beiträge von Studenten - Jana Lauterbach

Filipp Fodorovich Fortunatov

1. Biographische Angaben
2. Tätigkeitsfelder
3. Werke, Artikel
4. Literatur

1. Biographische Angaben

F.F. Fortunatov war einer der bedeutendsten russischen Sprachwissenschaftler des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.
Filipp Fjodorowitsch Fortunatov wurde am 14.01.1848 geboren. Er entstammte einer Lehrerfamilie in Wologda. Schon in seinen jungen Jahren zeigte Fortunatov großes Interesse für theoretische Untersuchungen der Sprache, was aus seinen Schriften zur russischen Grammatik und Literatur ersichtlich ist, die er noch vor Vollendung seines 20. Lebensjahres geschrieben hat. Er war ein Schüler des bekannten Sprachwissenschaftlers F. I. Buslaev. Fortunatov absolvierte 1868 die Universität Moskau und bestand 1871 die Magisterexamina. Im Herbst desselben Jahres reiste er für zwei Jahre nach Deutschland, Frankreich und England. Dort arbeitete er viel in Bibliotheken, studierte die altindischen Weden, hörte Georg Curtius und August Leskien in Leipzig und Michel Bréal in Paris. Die Frucht seines Auslandsaufenthalts war die Dissertation "Samaveda Aranyake Samhita"(1875), ein ins Russischer übersetzter und kommentierter Teil der Weden mit "Einigen Seiten vergleichender Grammatik der indoeuropäischen Sprachen" im Anhang. Nach der Verteidigung der Dissertation wurde Fortunatov auf Vorschlag von Professoren F. J. Korsch und F.I. Buslaev zum Professor für vergleichende Grammatik der indoeuropäischen Sprachen berufen. Mit seinen Vorlesungen über Sprachwissenschaft und vergleichende Grammatik begann eine systematische Lehre dieser Fächer an der Universität Moskau, wo er bis 1902 lehrte. Er hielt Vorlesungen über das Gotische, Litauische, Altslawische und das Sanskrit, über allgemeine Sprachwissenschaft, über vergleichende Phonetik und Morphologie der indoeuropäischen Sprachen, leitete Seminare und betreute junge Wissenschaftler. An der Universität schuf er seine wissenschaftliche Schule (Moskauer Schule). Seine Schüler und Nachfolger waren J. F. Budde, W. M. Istrin, B. M. Ljapunow, M. M. Pokrowski, W. K. Porshesinski, A. I. Tomson, D. N. Uschakow, M. Vasmer, A. A. Schachmatow aus Serbien, A. I. Belic, aus Rumänien I. Bogdan, aus Norwegen O. Broch, und T. Tornbiörnsson, aus Frankreich P. Boyer, aus Finnland I. Mikkola, aus Dänemark H. Pedersen, aus Deutschland F. Solmsen und E. Berneker u. a. Zu Lebzeiten Fortunatovs wurde keine große Zahl seiner Arbeiten veröffentlicht, was darauf hinweist, daß er sich hohe Anforderungen gestellt hat. Seine Vorlesungen erschienen nur in lithographischen Vervielfältigungen. Erst in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden seine ausgewählten Werke von seinen Schülern Pokrowski, Ljapunow und Peterson zum Druck bearbeitet. Fortunatovs Zeitgenossen erfaßten sehr bald die große Bedeutung seiner Werke, und so bekam er 1884 auf gleichzeitigen Antrag der Universitäten Kiew und Moskau den Doktortitel für vergleichende Sprachwissenschaft ehrenhalber zuerkannt, und auf Grund seiner für die Entwicklung der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft und der Slawistik in Rußland und in Europa bedeutsamen Arbeiten wurde er 1898 Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften. Danach wählten ihn zum ordentlichen Mitglied die Serbische Königliche Akademie, zum Doktor der Philosophie die Universität Christinia (Oslo), zum ordentlichen Mitglied die Finnisch - Ugrische Gesellschaft in Helsingfors (Helsinki) und zu ihrem Ehrenmitglied viele russische Gesellschaften. 1902 übersiedelte Fortunatov nach Petersburg. Er schaltete sich aktiv in die Arbeiten der Abteilung für russische Sprache und Literatur ein und besorgte Veröffentlichungen der Akademie, verfaßte aber keine eigenen wissenschaftlichen Arbeiten mehr. Filipp Fjodorowitsch Fortunatov verstarb am 02.10.1914.

2. Tätigkeitsfelder

Fortunatov legte in seinen Vorlesungen die theoretischen Grundsätze seiner Lehre dar, erörterte verschiedene Probleme, die zu jeder Zeit die russischen und anderen europäischen Philologen bewegten, formulierte mehrere Gesetze im Bereich der historisch-vergleichenden Phonetik der indoeuropäischen Sprachen, untersuchte verschiedene allgemeinsprachwissenschaftliche Probleme wie das Verhältnis von Sprache und Denken, Sprache und Gesellschaft. Nach Fortunatovs Ansicht besteht zwischen Sprache und Denken eine wechselseitige Beziehung: "Es ist nicht schwer, sich klar zu machen, daß nicht nur die Sprache vom Denken sondern auch das Denken seinerseite von der Sprache abhängt". Für Fortunatov ist die Sprache "eine Menge von Zeichen, die hauptsächlich der Bildung des Gedankens und dem Ausdruck des Gedankens im Sprechakt dienen; außerdem existieren in der Sprache auch noch Zeichen für den Ausdruck der Gefühle".

Fortunatov legte in seinen Arbeiten vor allem großen Wert auf die Vervollständigung der Methode der vergleichend-historischen Forschungen und damit auf die Ausarbeitung neuer Prinzipien für den Aufbau einer vergleichend-historischen Grammatik. Er war stetig darum bemüht, die kausale Verbindung zwischen sprachlichen Erscheinungen festzustellen und nach Möglichkeit die Triebkräfte der sprachlichen Entwicklung zu erklären. Fortunatov sagte:"Die Sprache verändert sich in ihrer äußeren Seite, also in den Lauten, und ihrer inneren Seite, in den Bedeutungen der Wörter. Mit der Erklärung dieser Veränderungen erklärt man folglich auch die Fakten der Sprache selbst".

Das Bestreben, die kausale Abhängigkeit zwischen den untersuchten Erscheinungen zu zeigen, macht sich besonders deutlich in seinen Forschungen auf dem Gebiet der slawisch-baltischen Akzentologie bemerkbar. Er untersuchte den inneren Zusammenhang zwischen den Sonanten und der Intonation. Lauterscheinungen waren für Fortunatov nicht nur die Einzellaute, sondern auch die mit den Quantitätsunterschieden im Vokalismus zusammenhängende Silbenintonation, was zu einer Erweiterung der inhaltlichen Seite der Phonetik in historischer Sicht führte. Besonders wichtig war dabei seine Feststellung der Akzentverschiebung vom Wortanfang zum Wortende in den slawischen und baltischen Sprachen aus den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Dieses Gesetz, das auch den Namen Fortunatov-Saussure-Gesetz erhielt, wurde von beiden Linguisten unabhängig voneinander entdeckt, wenn auch von Saussure nur anhand des Litauischen. Es gibt einen Unterschied zwischen der Akzentstelle einiger Wörter in den slawischen und baltischen Sprachen einerseits und den übrigen indoeuropäischen Sprachen andererseits, wobei es sich jedoch um Wörter derselben ursprachlichen Herkunft handelt, so z. B. skr. bharami, altgriech. fero und russ. beru aus gemeinsalawisch bero.

Die Erforschung der Geschichte der einzelnen Sprachen, kann nur durch eine historisch-vergleichende Untersuchung möglichst vieler Sprachfamilien, nur durch den allmählichen Übergang von einer rekonstruierten Ursprache zur anderen, älteren, kann die Linguistik der Lösung des Problems näherrücken, ob alle Sprachen der Menschheit von einer einzigen Ursprache oder von mehreren Ursprachen abstammen. Jede Sprache gehört immer zu einer bestimmten Gesellschaft, und ihr Schicksal ist deshalb eng mit dem Schicksal dieser Gesellschaft veknüpft. Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet Fortunatov speziell das Problem der Dialekte, die innerhalb einer Sprache existieren. Eine Zersplitterung einer Gesellschaft in einzelne Teile führt auch zur Zersplitterung einer Sprache in gesonderte Mundarten. Wenn die Verbindung zwischen den abgesplitterten Teilen eines gesellschaftlichen Verbandes erlischt, so setzen die ehemaligen Mundarten ein und derselben Sprache ihre selbständige Entwicklung fort und werden schließlich zu selbständigen Sprachen. Die stufenweise Veränderung der Sprache besteht erstens in der ständigen Veränderung der Bestandteile einer Sprache; zweitens in der Gewinnung neuer Eigenschaften und drittens im Verlust dieser oder jener Eigenschaften.

Fortunatov beschäftigte sich ebenfalls mit der Rekonstruktion der indoeuropäischen Ursprache. Seine Methode bestand darin , daß er bei der Feststellung und Bestimmung jedes Lautes und jeder Form der gemeinindoeuropäischen Sprache eine Gegenüberstellung mit den Angaben aus allen einzelnen indoeuropäischen Sprachen sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart durchführte. Fortunatov hielt diese Sprache für keineswegs primitiv. Das Gemeinindoeuropäische war zum Zeitpunkt seines Zerfalls eine hochentwickelte Sprache mit vielen Wörtern und grammatischen Formen, und dieses Gemeingut der indoeuropäischen Familie wurde später im Leben allmählichen Veränderungen unterworfen, so daß sich die indoeuropäischen Einzelsprachen in der neuen Periode ihres Lebens auf dem ersten Blick kaum gleichen. Das Gemeinsame der menschlichen Sprache muß man vor allem in ihrer lautlichen Gestaltung suchen. In diesem Zusammenhang bemüht sich Fortunatov sehr um das Studium der Artikulation vom physiologischen Gesichtspunkt aus sowie um die Wechselbeziehung zwischen Physiologie und Phonetik. Die Gesetze der Physiologie der Sprechlaute erscheinen als für alle Sprachen gültige Gesetze. Demgegenüber sind für Fortunatov die Lautgesetze spezielle Gesetze, die nur für einzelne Sprachen wirksam sind.

Vom großen Interesse ist die grammatische Theorie Fortunatovs und darin speziell die Lehre von den grammatischen Klassen der Wörter und von der Wortform. Unter einer Wortform verstand Fortunatov, den äußeren morphologischen Ausdruck einer grammatischen Bedeutung, d. h. er reduzierte die Form auf das Vorhandensein oder Fehlen der Flexionsendung, auf die Wortbildungsaffixe. Unter die grammatischen Klassen verstand er Klassen von Wörtern mit einer gemeinsamen Form bzw. mit semantisch korrelativen Formen. Den grammatischen Wortklassen stehen die nichtgrammatischen gegenüber, die auf den Bedeutungsklassen der Wörter beruhen. Die allgemeinsten nichtgrammatischen Wortklassen sind die Benennungen von Denkgegenständen (z. B. Tisch) oder sämtlicher Merkmale dieser Gegenstände (z. B. Röte) und die Prononimalwörter zur Bezeichnung der Denkgegenstände in ihrer Beziehung zur Rede (z. B. ich, du, dieses) oder der Beziehung dieser Gegenstände in der Rede (z. B. welcher). Alle Wörter einer Sprache teilt er in Vollwörter, Partikelwörter und Interjektionen ein. Die Vollwörter bezeichnen Gegenstände des Gedankens bzw. bilden Satzteile oder auch ganze Sätze.

3. Werke, Artikel

  • Vergleichende Sprachwissenschaft
  • Vergleichende Phonetik der indoeuropäischen Sprachen
  • Zur vergleichenden Betonungslehre der lituslawischen Sprachen
  • Über Akzent und Länge in den baltischen Sprachen
4. Literatur
  • Beresin, F. M.: Geschichte der sprachwissenschaftlichen Theorien. Leipzig 1980
  • Amirova, T. A.: Abriß der Geschichte der Linguistik. Leipzig 1980

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Letzte Aktualisierung: 14.04.2006 9:37 PM