Anfang Einführung | Skripte | Definitionen | Beiträge Studenten | Virtual Campus

Einführung in die Linguistik

Beiträge von Studenten - Simone Düwel

Baudouin de Courtenay

Persönliche Daten:

  • vollständiger Name: Jan Ignacy Niecislaw Baudouin de Courtenay
  • geb. 1./13. 3. 1845 in Radzymin bei Warschau
  • gest. 3. 11.1929 in Warschau
  • während seiner langjährigen Tätigkeit in Russland nannte er sich Ivan Aleksandrovic Boduen de Kurtene
  • er verstand sich aber selbst stets als Pole

Erwerb der Bildung:

  • ab 1862 sprachwissenschaftliches Studium an der neuen polnischen Universität in Warschau "Szkola Glówna", zu deren ersten Studenten er gehörte
  • 1866 Beendigung des Studiums mit dem Grad eines Magisters der historisch-philologischen Wissenschaften, Examensarbeit beschäftigte sich mit Fragen der Orthographie
  • befasste sich autodidaktisch mit Lautphysiologie, Sanskrit, Litauisch und den slavischen Sprachen und nahm Unterricht in Sorbisch
  • erhielt ein Auslandsstipendium, Aufenthalte in Prag und Jena, wo er bei August Schleicher und Ernst Haeckel Vorlesungen hörte
  • dort entstand auch 1868 seine Arbeit "Einige fälle der wirkung der analogie in der polnischen declination", die Shcherba später als einen der Wendepunkte in der Sprachwissenschaft bezeichnet
  • 1870 Doktortitel in Leipzig unter Doktorvater August Leskien
  • in Leipzig liess er seine russische Magisterarbeit (Mittelding zwischen unserer Promotion und Habilitation) drucken: "Über die altpolnische Sprache bis zum 14. Jahrhundert"

Tätigkeitsorte:

  • 1870 Privatdozent für vergl. Grammatik der ieur. Sprachen an der Universität in St. Petersburg
  • 1873 Feldforschung bei den Slaven im Resia-Tal (Nord-Italien)
  • 1875 Verteidigung seiner russischen Doktorarbeit "Versuch einer Phonetik der resianischen Dialekte"
  • 1875 ausserordentlicher, ab 1876 dann ordentlicher Professor für vergleichende Grammatik der ieur. Sprachen und Sanskrit an der Kazaner Universität
  • Entwicklung eines linguistischen Zirkels, zusammen mit seinen Schülern Krusevskij, Bogorodickij und Bulic "Kazaner linguistische Schule"
  • 1883-93 Universität Dorpat (Estland): dort lernte er dann auch Estnisch und Lettisch
  • 1894-1900 an der Jagellonian Universität in Krakau als Prof. f. vergl. Sprachwissenschaft und Sanskrit, auch hier ein linguistisches Kolloquium
  • er beteiligte sich an Arbieten zu einem altpolnischen Wörterbuch und untersuchte die Stellung des Kaschubischen innerhalb der slav. Sprachen
  • ab 1900 Universität St. Petersburg als Professor für allgemeine Sprachwissenschaft und vergleichende Grammatik der slavischen Sprachen (u.a. Shcherba als Schüler) - außerdem Lehrer bei den Höheren Frauenkursen
  • 1913 wurde er zu einer Gefängnisstrafe von 2 Jahren verurteilt, weil er in einem Flugblatt die Anerkennung der Rechte nationaler Minderheiten gefordert hatte
  • nach nur 3 Monaten wurde er entlassen, verlor danach seine Professur
  • erst ab 1917 wieder als ausserordentlicher Professor eingesetzt
  • 1918-29 war er Professor für indoeuropäische Sprachwissenschaft an der Warschauer Universität
  • zählte zu den Mitbegründern der Polnischen Sprachwissenschaftlichen Gesellschaft und der Gesellschaft der Freunde der polnischen Sprache, deren Warschauer Zirkel er vorstand

Tätigkeitsfelder/ Ansichten/ Beiträge:

Allgemeine Grundlagen der Sprachwissenschaft
Wesen der Sprache

  • Sprache kann nicht losgelöst von ihren Sprechern betrachtet werden, das Wesen der menschlichen Sprache ist also psychisch, Existenz und Entwicklung d. Sprache wird durch rein psychische Gesetze bedingt
  • neben der psychischen Seite auch Hervorhebung der sozialen Seite
  • ausserdem Betonung der materiellen Seite als psychosoziale Realität

Sprache und Rede
in der Sprache jedes Individuums kann man unterscheiden:

  • eine innere, zentrale Seite und eine äußere, periphere Seite
  • d.h. die Seite der Seele od. d. Gehirns d.h. die Seite der Sinne oder (Seele und Gehirn verwendet er nebeneinander) Nerven ausserhalb d. Gehirns

Sprechen; Aussprache

  • psychische Seite= "Zerebration"- physiologische Seite= "Phonation"
  • Verhältnis der beiden Seiten: Das Wesen der Sprache liegt in der Zerebration, d.h. im Prozess im Gehirn, der auf dem Weg der Vererbung und unter dem Einfluss der Gesellschaft ererbt und erworben wird. Die Phonation ist notwendiges Zeichen der Zerebration, ein Bindeglied, das zwischen der Zerebration verschiedener Individuen vermittelt, die sich miteinander sprachlich verständigen können.
  • später ergänzte Baudouin die soziologische Seite = "Audition" , Hören

Statik und Dynamik

  • Baudouins Begriffe von "Statik" und "Dynamik" lassen sich nicht ganz gleichsetzen mit den Begriffen de Saussures "Synchronie" und "Diachronie"
  • Ausweitung und Unterscheidung in der Morphologie, Syntax und Phonetik
  • am Bsp. der Phonetik: der erste, physiologische Teil der Phonetik und der zweite, morphologische Teil der Phonetik erforschen und analysieren die Gesetze und Lebensbedingungen der Laute im Zustand der Sprache zu einem gegebenem Zeitpunkt (=Statik der Laute), der dritte, historische Teil dagegen die Gesetze und Entwicklungsbedingungen der Laute in der Zeit (=Dynamik der Laute)
  • Baudouin betont ihre wechselseitige Bedingtheit, während de Saussure seine Begriffe scharf voneinander abgrenzt

Phonetik/ Phonologie

  • Baudouin unterschiedAnthropophonikund Psychophonetik
  • Erforschung und Beschreibung Untersuchung phonetisch-d. physiologischen Tätigkeiten d. akustischer Tätigkeiten
  • Sprechorgane (z.B. wie funktioniert mit Psychologie u. Soziologie d. Kehlkopf?) verbunden
  • grosse Bedeutung erlangten seine Beiträge zur Psychophonetik
  • Baudouin begründete das Phonem-Konzept (Phonem-Lehre): Phonem als "Lautvorstellung"
  • psycholog. Phonemdefinition: Phonem ist eine einheitliche, der phonetischen Welt angehörende Vorstellung , welcher mittels psychischer Verschmelzung der durch die Aussprache ein und desselben Lautes erhaltenen Eindrücke in der Seele entsteht.
  • später bezeichnete er ein Phonem als Komplex von Kinemen und entsprechenden Akusmen = psychische Aussprachelemente = auditive Elemente
  • Schöpfer des Phonem-Begriffes (der zwar schon bei de Saussure auftrat, aber dort nur uneinheitlich verwendet wurde) Baudouin gilt als Begründer der Phonologie

Lexikologie

  • 1895 zusammen mit J. Los Instruktionen für das altpolnische Wörterbuch "Slownik Staropolski"
  • 1903-09 Bearbeitung der dritten Auflage des Dahlschen Wörterbuchs "Erklärendes Wörterbuch der lebenden grossrussischen Sprachen"
  • 1922 erste Geschichte der Polnischen Sprache
  • ausserdem einige russische Spezialwörterbücher, z.B. ein Wörterbuch der Gaunersprache

Weitere Arbeitsgebiete

  • Terminologie - wissenschaftliche Terminologie, "Klarheit, Durchsichtigkeit und Bestimmtheit" als wichtigste Merkmale einer zweckmässigen Terminologie
  • ein grosser Teil der russischen phonetischen Terminologie wurde durch ihn gängig, z.B. ergänzte er "Phonem" noch durch das "Morphem" und "Graphem"
  • setzte sich für eine internationale Hilfssprache ein, z.B. Esperanto
  • Kindersprachforschung : einer der ersten Linguisten, der die Kindersprache genauer untersuchte
  • detaillierte Aufzeichnungen zu Sprachentwicklung seiner eigenen Kinder (insg. 13000 Seiten)
  • verwendete 3 Rubriken: "Umstand" der Äußerung (Datum, Uhrzeit, Ort), "Phonation" enthält sorgfältige Transkription der geäußerten Laute und "Zerebration" die Interpretation
  • Sprachpathologie - Beobachtungen eines sprachbehinderten Kindes mit sehr ausführlichen biographischen, anatomischen und physiologisch-psychischen Angaben
  • Sprachunterricht - gegen sinnloses Pauken, statt dessen selbständige Geistesarbeit und Verständnis
  • zusätzlich zu seiner linguistischen Tätigkeit war er ein Verteidiger der religiösen Freiheit und ethnischen Identitäten und der Rechte nationaler Minderheiten
  • in der Welt der Wissenschaft seiner Zeit eine hoch geachtete und anerkannte Person
  • war Mitglied der russischen, polnischen und tschechischen Akademien der Wissenschaften und einer Reihe wissenschaftlicher Gesellschaften in verschiedenen Ländern
  • gilt als Vorläufer für die Theorien vieler Linguisten des 20. Jhds.

Bibliographie:

  • Mugdan, Joachim: Jan Baudouin de Courtenay (1845-1929) Leben und Werk. München 1984
  • Lexicon Grammaticorum. Who's who in the History of World Linguistics. Hrsg. v. Harro Stammerjohann. Tübingen 1996. 74-75

Anfang Einführung | Skripte | Definitionen | Beiträge Studenten | Virtual Campus
Copyright © 1997 - 2001 Universität Potsdam, Simone Düwel,Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung: 14.04.2006 9:48 PM