Universität Potsdam

Institut für Slavistik


Vorlesung "Diskursanalyse (am Beispiel der russischen, polnischen und tschechischen Gespräche der Alltagssprache)"


Der englische Philosoph John Langshaw Austin hat in seinen berühmten Harvard-Vorlesungen von 1955, die erst nach seinem Tode im Jahre 1962 (siehe Literaturliste, Position 1.) veröffentlicht wurden, die Frage gestellt, wie wir etwas mit Worten tun. Diese Frage hat seitdem viele Philosophen und Sprachwissenschaftler zu einem Umdenken ihrer bisherigen Vorstellungen über Sprache geführt; fast wie selbstverständlich reden wir heute von Sprachhandlungen und Sprechakten. Dennoch ist der theoretische und praktische Kontext, in dem wir diese Begriffe sinnvoll gebrauchen können, noch relativ unklar und ungeklärt.

Welche Arten von Sprachhandlungen lassen sich unterscheiden? Was ist die Funktion von Sprachhandlungen für die Weiterführung von Kommunikation, für die Entwicklung sozialer Beziehungen, für die gesellschaftliche Praxis im allgemeinen? Welche Wörter, Ausdrücke und Konstruktionen müssen wir gebrauchen, um bestimmte Sprachhandlungen auszuführen und den mit diesen Sprachhandlungen intendierten Effekt beim Hörer zu erzielen?

Diese und ähnliche Fragen sollen im Mittelpunkt des ersten Teils des Seminars stehen.

Seit einigen Jahren befasse ich mich mit den von Austin zu Bewußtsein gebrachten Problemen. Einen wesentlichen Einfluß hatten auf meine Arbeit zum einen die philosophischen Schriften von Paul Grice (siehe Position 4. der Literaturliste) und John Searle (siehe Position 2. und 3.); sie haben auf einige Probleme bei Austin hingewiesen, andere jedoch hinzugefügt, andere wiederum vernachlässigt. Diese philosophischen Arbeiten versuchen, teils logische, teils sprachpsychologische Klärungen vorzubereiten, sie stehen aber leider in keiner direkten Beziehung zu empirischen Untersuchungen und haben auch keine Methodik dafür entwickelt. Um den Abfolgezusammenhang von Sprachhandlungen in der menschlichen Interaktion und den Bezug auf soziale Bedürfnisse, wie er uns vorschwebt, hat sich keiner der genannten Philosophen gekümmert. Diese Sichtweise rückt gerade heute wieder stärker ins Blickfeld, nicht zuletzt unter dem Einfluß der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas. Einen dritten wichtigen Einfluß hatten auf meine Arbeit die interaktionssoziologischen Untersuchungen, besonders von Harvey Sacks, Emanuel Schegloff und John Gumperz. Sie haben vor allem die interaktionale Ausarbeitung von sozialen Situationen hervorgehoben und eine sehr diffizile Methodik empirischer Untersuchungen entwickelt, besonders im Hinblick auf die formalen Aspekte der Interaktion.

Der zweite Teil der Lehrveranstaltungen ist - wie schon der Titel verrät - der sprachwissenschaftlichen Analyse von Gesprächen gewidmet. Seit mehr als 20 Jahren läßt sich in der Linguistik eine deutliche Abkehr von Sprache als System und eine gleichzeitige Hinwendung zur Sprache in ihrem natürlichsten Vorkommen: im Dia- bzw. Polylog beobachten. Die Beschäftigung mit Sprache in Verwendung hat mehrere konkurrierende Richtungen hervorgerufen, so u. a.:

- die Konversationsanalyse
- die Diskursanalyse
- die Dialoganalyse
- die Gesprächsanalyse

Diese Variation der Begriffe und Termini darf nicht täuschen: Was sich nämlich unter wechselndem Namen versteckt, reflektiert in Wirklichkeit eine Rezeption der amerikanischen "conversational analysis" dar oder ist doch im wesentlichen durch diese ins Leben gerufen worden.

Am Ende dieser Lehrveranstaltung soll der Versuch unternommen werden, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Sprechakttheorie und der Gesprächsanalyse herauszuarbeiten.


Allgemeine Literaturliste


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[ Letzte Aktualisierung 21.04.1997 M. Unger]