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Tschechowsche Erzählungen aus literaturwissenschaftlicher und sprachwissenschaftlicher Perspektive

Text und Kontext. Kontextualisierung.


Text und Kontext

Das Verhältnis von Text und Kontext wurde und wird in den verschiedenen literaturwissenschaftlichen Schulen und Richtungen unterschiedlich bestimmt. Eine zweifellos überholte Auffassung ist die vom Kontext als "Hintergrund" eines Textes. Hingegen besteht unter auch verschiedene Positionen vertretenden Literaturwissenschaftlern ein breiter Konsens darüber, dass jede Textinterpretation kontextabhängig ist (vgl. u. a. Orientierung Literaturwissenschaft, 2000, S. 138). Dabei wird jedoch häufig zwischen engeren (literaturwissenschaftlichen) und breiteren (z. B. kulturellen, historischen, theologischen, sozialgeschichtlichen) Kontexten unterschieden (vgl. Jürgen Link bzw. Horst Steinmetz, in: Literaturwissenschaft. Ein Grundkurs, 1996, S. 16 resp. S. 479 ff.).

Kontextualisierung

Stellt man den Text in die an das allgemeine Kommunikationsmodell angelehnte Relation von Autor - Text - Leser, so kann bei der Kontextualisierung (Bedeutungs- oder Sinnzuschreibung) jedes der drei Elemente der Relation den Schwerpunkt bilden.
Historisch betrachtet dominierte in der Literaturwissenschaft des 19. Jahrhundert, sowohl in ihrer positivistischen Orientierung als auch in der stärker auf den literarischen Text bezogenen philologischen Ausprägung, eine produktionsorientierte Kontextualisierung, d. h. eine auf den Entstehungskontext bzw. den Autor hin ausgerichtete Kontextualisierung, sowie vor allem in der positivistischen Literaturwissenschaft literaturgeschichtliche Betrachtungen. Auch die von hermeneutischen Anschauungen ausgehenden literaturwissenschaftlichen Arbeiten verbanden das Verstehen des Textes mit dem Autor, wenngleich der Hermeneutiker Schleiermacher dem ,Verstehen so gut wie der Schriftsteller' ein "besser Verstehen als der Schriftsteller" hatte folgen lassen.
Bei der sich Ende des 19. Jahrhunderts und am Beginn des 20. Jahrhunderts durchsetzenden geistesgeschichtlichen Ausrichtung der Literaturwissenschaft schwand zwar das Interesse am Autor, jedoch auch das am Einzeltext. In den Vordergrund traten nunmehr geschichtliche und ideen- bzw. kulturgeschichtliche Phänomene ("Der Geist der Goethezeit"). Als eine Art Gegenreaktion auf diese Entwicklung formierten sich literaturwissenschaftliche Strömungen und Schulen, die in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen den literarischen Text stellten, insbesondere Stilfragen (Leo Spitzer) oder allgemeiner die poetische Sprache (Russischer Formalismus). Die Vertreter des Russischen Formalismus, die dem literarischen Text resp. dem Kunstwerk Eigengesetzlichkeit zusprachen, entwickelten vielfältige Methoden der Textanalyse (z. B. Kompositionsanalyse, Analysen der poetischen Sprache). Eine enge textbezogene Kontextualisierung betrieb auch der später einsetzende Strukturalismus (Prager Strukturalismus ab Ende 20er Jahre, Französischer Strukturalismus 60er Jahre des 20. Jahrhunderts). Beeinflusst wurden die Methoden des Strukturalismus von verschieden anderen Wissenschaften (z. B. Linguistik, Soziologie, Ethnologie), besonders nachhaltig jedoch von der Semiotik. (Hauptvertreter eines semiotischen Strukturalismus ist Jurij Lotman.)
In den 60er und 70er Jahren wird von der rezeptionsorientierten literaturwissenschaftlichen Hermeneutik (Robert Jauß, Wolfgang Iser ebenso wie vom Poststrukturalismus (Roland Barthes, Paul Ricœur) eine auf den Leser orientierte Kontextualisierung des Textes vorgenommen. Trotz der Unterschiede in den einzelnen theoretischen Ansätzen ist diesen wissenschaftlichen Konzepten die Ausblendung des (biographischen) Autors sowie des Entstehungskontexts gemein. In dieser vollständigen Abwesenheit des Autors als schöpferischen Subjekts steht den bereits erwähnten literaturwissenschaftlichen Richtungen sowohl die Diskursanalyse als auch die Theorie der Intertextualität nahe. Da die Diskursanalyse (Michel Foucault) den literarischen Text als ein Gewebe verschiedener Diskurse (z. B. Geschichte, Theologie, Medizin, Jurisprudenz) ansieht - und so als Teil kultureller Praktiken - ist die Orientierung auf Kontexte, hinter denen mitunter auch der Einzeltext zu verschwinden droht, vorherrschend. Bei der Intertextualität muss zwischen einem engeren und weiteren Intertextualitätsbegriff unterschieden werden. Die engere Fassung des Begriffs hält an der Auffassung von Werk und Autor fest. Sie konzentriert sich auf die in einem Text auffindbaren Zitate und Allusionen und die damit verbundenen Beziehungen zu anderen Texten (Prä- oder Kontexten). Die weitere Fassung betrachtet alle Texte als "Mosaik" von Zitaten (Julia Kristeva). Welche wichtige Funktion innerhalb dieses Konzepts den Kontexten zukommt, wird besonders deutlich, wenn die intertextuelle Dimension als Gedächtnis des Textes (Renate Lachmann) verstanden wird, denn dann erscheint der literarische Text als Gedächtnis der Kultur.

Diese diachrone Betrachtung von Kontextualisierung kann den Eindruck eines ständigen Ablösens erwecken, eines Auftauchen und Verschwindens von wissenschaftlichen Richtungen und Strömungen. Das ist natürlich nicht der Fall. Die oben angeführte Darstellung versuchte lediglich, die zu einem bestimmten Zeitpunkt dominanten wissenschaftlichen Auffassungen zum Verhältnis von Text - Kontext herauszuarbeiten.
Im Zusammenhang mit dem Cechov-Seminar zum literarischen Erzählen werden textbezogene Kontextualisierungen den Schwerpunkt bilden.


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