Witz Scharfsinn Concetto
Die Rhetorik
des Aristoteles (II)




Der Stellenwert des Kapitels und
seine Relevanz für unsere FragestellungTrotz allen Willens zur wissenschaftlichen Systematik bleibt die Herkunft der Metapher bei Aristoteles doch immer eine Sache der natürlichen Begabung, eben des Esprit (urbanitas). Deswegen ist es nicht schwer (wie dies von Emanuele Tesauro in seinem "Aristotelischen Fernrohr"), eine Theorie des Ingenium, Scharfsinns und letztliche auch des Concetto auf dieser Grundlage zu schaffen. Die in diesem Kapitel formulierte Definition der Metapher steht neben Aristoteles Poetik XXI-XXII als Anfang der Metapherntheorie überhaupt. In den bisherigen Ausführungen zu "sprachlichen Formulierung" im dritten Buch der Rhetorik hat Aristoteles diverse Verfahren beschrieben, u.a. die Synonymie, Epitheta (beide in III:2), den "frostigen Stil" (III:3), das Gleichnis (III:4), die Sprachrichtigkeit (III:5), den Prunk (III:6), , die Angemessenheit (III:7), und die Dichtomie Parataxe/Hypotaxe (III:9). Dabei ist die Metapher immer wieder zur Sprache gekommen. So werden im Zusammenhang mit der Vollkommenheit des sprachlichen Ausdrucks (arete tes lexeos; virtus elocutionis) im 2. Kapitel, die v.a. von der Klarheit hergeleitet wird, das eigentlichen Wort (verbum proprium) und die Metapher als "einzige für die Ausdrucksweise der Prosarede" gebräuchliche bezeichnet. Nachem Aristoteles feststellt, daß die Homonymien (also potentielle Metaphern, die durch lautlichen Parallelismus gestärkt werden) vom Sophisten als Hilfe im Betrügen und Synonomien (also stilistisch, nicht aber tropisch zu verwertenden Wortverbindungen) vom Dichter gerne gebraucht werden, führt er aus, die Metapher besitze "im größten Umfang Deutlichkeit, Annehmlichkeit und Fremdartigkeit" und könne "nicht von etwas anderem abgeleitet werden" (III:2:8); später im selben Abschnitt bezeichnet er eine Metapher als "schlecht", die "fehlende Signifikanz der Laute" aufweist. Gleichzeitig verurteilt er weit hergeholten Metaphern, und klagt "Verwandtschaft" und "Gleichartigkeit" zwischen den Einheiten der Metaphernbildung ein. Dabei verweist er auf seine Metapherndiskussion in der Poetik. Im Abschnitt zum "frostigen" (psychron, frigidum) Stil umreißt er die Kriterien für unpassende Metaphern, etwa wenn sie lächerlich sind oder "das Verständnis strapazieren" (III:3:4). Im 4. Kapitel wird über die enge Verwandschaft zwischen der Metapher und dem Gleichnis gesprochen. Und schließlich wird im Kapitel zum Prunk (ogkos, sublimitas, dignitas, Würde, Erhabenheit), der als Gegensatz zur Gedrängtheit des Stils (suntomia, brevitas) dargestellt wird, dargelegt, man müsse "Dinge klar machen durch die anwendung der Metapher und der Epitheta, sich aber in acht nehmen vor poetischer Ausdrucksweise" (III:6:4). Der letzte Satz in diesem Kapitel ist auch die letzte Erwähnung der Metapher vor dem hier diskutierten Textabschnittes. Hier heiß es von prunkvollen Umschreibungen durch Negation, sie fänden "Beifall durch Metaphern, die aus der Analogie gebildet werden" (II:6:7).
Die ersten beiden Bücher der
Rhetorik werden auf unserer Seite zum Kapitel
II.24 zusammengefaßt.
II.24.1.Nachdem nun darüber definitorisch gehandelt wurde, muß jetzt erörtert werden, woher man Esprit (ta asteia, urbanitas) und das, was den Beifall [der Zuhörer] findet, nimmt. Dies der Rede zu verleihen, ist Sache der natürlichen Begabung (eupsues, ingenium) oder des Geübtseins (gegumnasmenos, exercitatio), die Darlegung des Verfahrens (methodos, doctrina) aber Sache dieser methodischen Untersuchung. So wollen wir es nun behandeln und in vollständiger Aufzählung darstellen, und dies sei für uns der Ausgangspunkt.
Fragen and Anregungen ad III.10.1.
III.10.2.Auf leichte Weise nämlich zu Wissen zu gelangen, ist für alle von Natur aus angenehm; es sind aber die Worte, die etwas bezeichnen. Folglich sind die Worte, die uns Wissen verschaffen, am angenehmsten. Die fremdartigen Worte nun sind uns unbekannt, während wir die gängigen kennen. Die Metapher aber versetzt uns am ehesten in diesen Zustand [der angenehmen Empfindung]; denn sofern man das Alter einen Stoppel nannte [Odyss. XIV 214], vermittelte man Lernen und Kenntnis mit Hilfe des Gattungsbegriffs; denn beide fallen unter der Gattung des Verblühtseins
Fragen and Anregungen ad III.10.2.
III.10.3.Das gleiche bewirken nun ebenfalls die Bilder der Dichter; denn wenn sie gut gewählt sind, scheint es, Esprit zu verraten. Es ist nämlich das Bild, wie schon früher dargelegt wurde, eine Metapher, die sich nur durch die Art der Aufstellung davon unterscheidet. Daher ist es auch weniger angenehm, weil es weitläufiger formuliert ist, und es bringt nicht zum Ausdruck, daß dieses jenes ist. Folglich sucht auch die Seele [des Hörers] nicht danach.
Fragen and Anregungen ad III.10.3.
III.10.4.Die Redewendung und die Enthymeme werden nun notwendig Esprit aufwenden, die uns eine schnelle Untrweisung vermitteln. Daher finden weder die oberflächlichen Enthymeme Beifall oberflächlich nenne ich nämlich die, die jedem klar sind und die kein Nachforschen veranlassen , noch solche, die nach ihrem Aussprechen unverstanden bleiben, sondern nur die, die entweder während des Aussprechens verstanden werden selbst wenn vorher kein Verständnis vorhanden war oder deren Sinn kurz hinterher aufgeht; denn so ergibt sich eine gewisse Art von Lernen, auf jene andere Weise aber nicht.
Fragen and Anregungen ad III.10.4.
III.10.5Hinsichtlich der gedanklichen Absicht des Gesagten nun finden Enthymeme solcher Art Beifall, hinsichtlich des sprachlichen Ausdrucks aber durch die figurale Darstellungsweise, wenn antithetisch gesprochen wird, wie z.B.: "Und während sie den Frieden, der den anderen gemeinsam ist, als Krieg gegen ihre privaten Interessen ansehen"
Fragen and Anregungen ad III.10.5.Wie könnte man die Beziehung zwischen dem Enthymem und der Metapher anhand dieses Abschnitts charakterisieren?
III.10.6.Ferner durch einzelne Wörter, wenn sie eine Metapher beinhalten und diese weder weit hergeholt - sie soll nämlich leicht verständlich sein , noch oberflächlich ist - dies hinterläßt nämlich keinen Eindruck. Schließlich durch das Vor-Augen-Führen: man muß die Dinge nämlich eher als aktuell Geschehendes denn als Künftiges sehen. Diese drei Aspekte hat man also zu berücksichtigen: metaphorischer, antithetischer und lebendiger Ausdruck.
Fragen and Anregungen ad III.10.6.
III.10.7.Von den vier Arten der Metaphern finden die nach der Analogie gebildeten den meisten Beifall, wie beispielsweise Perikles formuliert: die im Krieg gefallene Jugend sei aus der Stadt so verschwunden, wie wenn jemand den Frühling aus dem Jahr wegnähme. Ferner Leptines in bezug auf die Lakedämonier: er wolle nicht zulassen, daß man darüber hinwegsehe, daß Hellas eines Auges beraubt werde. Ferner der entrüstete Ausspruch des Kephistodos über Chares, als dieser seinen ganzen Eifer aufbrachte, Rechenschaft abzulegen über <die> mit dem olynthischen Krieg in Zusammenhang stehenden <Ereignisse>: jetzt, wo <er> das Volk im Würgegriff habe, unternehme er den Versuch, Rechenschaft abzulegen. Ebenso sagte er, als er die Athener, die er zur Nahrungsbeschaffung auf dem Weg nach Euböa waren, einst anfeuerte: der Volksbeschluß des Miltiades müsse ins Feld ziehen. Ebenso sagte Iphikrates in seiner Entrüstung, als die Athener mit Epidauros und dem Küstenland einen Waffenstillstand schlossen: sie hätten sich selbst die Unterhaltsmittel für den Krieg weggenommen.Ebenso bezeichnete Peitholaos die Paralos als Prügel des Volkes und Sestos die Kornkammer des Piräus.Ebenso befahl Perikles: Ägina, die Augenbutter des Piräusm zu vernichten. Ebenson sagte Mörokles: er sei nicht schlechter als ein gewisser, von ihm genannter, tugendhafter Mensch; jener nämlich verhalte sich schurkenhaft zu einem Zinssatz von 33 Prozent; er dgegen zu 10 Prozent. Dem entspricht auch der Jambuis des Anaxandrides auf seine Tochter, deren Verehelichung in Verzug geriet:
Die Mädchen haben mir zur Ehe den Termin versäumt.
Ferner der Witz (!!!) des Polyeuktos auf einen gewissen Speusippos, der vom Schlag getroffen war: er könne sich nicht ruhig verhalten, obgleich er vom Schicksal in den Bock gespannt sei. Und Kephisodotos nannte die Kriegsschiffe bunte Mühlsteine und der Hund (der Kyniker Diogenes) die Weinschenken die attischen Phitiden. Äsion aber sagt, daß sie die Stadt nach Sizilien entleert hätten; dieses ist nämlich eine gewisse Art von Metapher und Veranschaulichung. Ebenso ermahnte Kephisodotos in trefflicher Formulierung: sie solltenihre vielen feindlichen Zusammenstößen nicht zu [Volksversammlungen] umfunktionieren. Ebenso der Ausspruch des Isokrates zu denen, die in den Festversammlungen zusammenlaufen, und so heißt es in der Grabrede: es hätte sich geziemt, daß am Grab der bei Salamis Gefallenen Griechenland sein Haupt geschoren hätte, da mit ihrer Tugend auch die Freiheit begraben worden sei. Wenn der Redner nun gesagt hätte, daß es sich geziemt hätte, über die zu Grabe getragene Tapferkeit Tränen zu vergießen, so wäre auch dies eine Metapher und ein Vor-Augen-Führen. Die Formulierung aber mit der Tapferkeit auch die Freiheit beinhaltet noch eine gewisse Antithese. Und wie Iphikrates sagte: "denn der Weg meiner Worte verläuft mitten durch die Taten des Chares"; das ist eine Metapher gemäß der Analogie, und das mitten hindurch führt [das Gesagte] vor Augen. Ebenso der Ausspruch gegen Gefahren Gefahren zu Hilfe rufen veranschaulicht <und> ist eine Metapher. Entsprechend war das, was Lykoleon über Chabrias sagte: "Nicht einmal vor einer Fürsprecherin, dem ehernen Standbild, empfindet ihr Scham", eine Metapher im vorliegenden Fall - jedoch nicht für immer, sondern solange man die Sache vor Augen hat; denn solange er in Gefahr ist, funguert das Bild als Fürsprecher, das Leblose als Belebtes, die Erinnerung an die <für> die Stadt vollbrachten Taten. Ferner: "auf jede Weise sich um die Niedrigkeit der Gesinnung bemühend"; denn die formulieung sich bemühend bedeutet ein Anwachsen (sich vermehren). Ferner, Gott habe den Verstand als ein Licht in der Seele angezündet; denn beides dient dazu, etwas sichtbar zu machen. [Ferner] "denn wir beenden die Kriege nicht, sondern wir schieben sie hinaus"; beides beziechnet nämlich etwas Zukünftiges - sowohl das Hinausschieben als ein ein solcher Friede. Gerner: Friedensverträge zu diktierensei ein bei weitem schöneres Siegeszeichen als die in den Kriegen erlangten; denn diese gelten kleinen und einmaligen Glücksfällen, dene aber dem gesamten Kriege. In beiden Fällen haben wir es nämlich mit Zeichen des Sieges zu tun. Ferner: die Staaten müssen durch die Tadel der Menschen umfangreiche Rechenschaft ablegen; die Rechenschaft ist nämlich eine gewsse gerechte Strafe. Hiermit ist also dargelegt, daß der Esprit auf den analogisch gebildetn Metaphern und dem Vor-Augen-Führen basiert.
Fragen and Anregungen ad III.10.7.
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