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Elemente der Filmanalyse
Beispiel Filmvorankündigung - Rezension

Frankfurter Allgemeine Zeitung Mi. 27.11.2002

Neue Pauschalangebote vom Reisebüro Ihrer Majestät

"Stirb an einem anderen Tag": Der zwanzigste Bond-Film sammelt Bonusmeilen und feiert das Prinzip des rasenden Stillstands

Es ist bekanntlich ein nützlicher Produzentenrat für zaudernde Autoren, sie sollten mit einem Erdbeben beginnen, um dann langsam die Dramatik zu steigern. Die Schreibingenieure, die James Bond zum Serienprodukt entwickelten, haben nach diesem Prinzip die berühmten „Teaser" geschaffen. Das einzige dramaturgische Problem, das sie seit Jahren nicht lösen können, besteht darin, den jeweiligen Filmtitel in einen halbwegs sinnvollen Dialog zu schmuggeln - es kostet nahezu übermenschliche Anstrengung, den Helden nach „die Welt ist nicht genug" oder „der Morgen stirbt nie" nun auch noch „stirb an einem anderen Tag" aufsagen zu lassen.
Aber Dialoge sind es ja nicht, deretwegen man sich einen Bond-Film anschaut. Auch Pierce Brosnan ist es nicht, der fünfte Bond-Verkörperer, der gerade erklärt hat, er stehe noch für einen weiteren Film zur Verfügung. Oder der Regisseur, der diesmal immerhin Lee Tamahori heißt, sich aber ebenso gut John Smith nennen könnte. Man geht auch nicht ins Kino, weil ein schlauer Kopf in der großen Schar der 007-Exegeten behauptet hat, Bond bilde „eine Ausnahme vom Prinzip des amerikanischen Kulturimperialismus und der Coca-Kolonisierung der globalen Kultur". Schon näher kommt man der Sache mit Patricia Highsmith, die in „Ripley's Garne" den schönen Satz über Agenten und andere Kindsköpfe geschrieben hat: „Sinnlos jagen sie mit Pistolen und Mikrofilmen von Bukarest nach Moskau und Washington -erwachsene Männer, die sich mit der gleichen Begeisterung und demselben Energieaufwand dem internationalen Kriegsgeschehen an den Briefmarkenbörsen oder der Beschaffung geheimer Pläne von Miniatureisenbahnen widmen könnten."
Vermutlich treten wir deshalb so gerne ein in diesen politikfreien Kino-Raum, weil in ihm die Welt als großer Spielzeugladen mit angeschlossenem Reisebüro erscheint. Bonds Geopolitik hat das Layout eines Fernreisekatalogs, und wo immer er gerade hinkommt, da sehen wir den Vorschein der Prospekte von morgen. Jamaika. Bahamas, Rio, Südafrika - alles schon im Pauschalangebot, Aserbeidschan. Kasachstan - demnächst. Und auch Nordkorea, wo dieser Film beginnt und nach Zwischenstationen in Hongkong, Kuba, London und Island endet, wird gewiss bald zum All-inclusive-Ziel. Bond schmort zwar eine Weile im koreanischen Kerker, er verliert die Doppelnull, doch er kommt natürlich wieder.
Die Zeit vergeht dabei nicht wirklich, weil die Plots aller Bond-Filme einfach Räume durchqueren, ohne dass auch nur eine Figur sich in der Zeit änderte; sie verändert lediglich ihre Koordinaten. Das ist die spezielle Physik des Bond-Kosmos, in dem bisweilen schwarze Handlungslöcher gähnen und zu dem neuerdings auch die Visionen der Biotechnologie gehören. Der missratene Sohn eines nordkoreanischen Generals darf sich dank DNS-Ver -pflanzung in einen britischen Diamantenmogul verwandeln, der mit einem Super-Laser die Polkappen abtauen will. Das ist mit wohldosiertem Irrsinn entworfen, wie es auch sonst an nichts fehlt: Surfen, Fechten, Fallschirm springen, eine Hovercraft-Jagd, zwei Aston-Martins, ein Palast aus Eis und Madonna als Fechtlehrerin.
Die Bond-Welt ist sich längst selbst genug. Was den Markennamen tragen darf, bestimmt das Haus Broccoli mittlerweile in der zweiten Generation, weil Tochter und Stiefsohn die Produktionsfirma lenken, die sich passend EON (für „Everything or Nothing") nennt. Sie hüten die Bond-DNS wie die Gralshüter von Coca-Cola ihre Formel, und das ist ein gutes Geschäft. Zirka hundert Millionen Dollar plus dreißig Millionen für Werbung hat die Produktion von „Stirb an einem anderen Tag" gekostet, doch bevor die erste Kinokarte verkauft wurde, hat man schon verdient: Firmen von Ford bis Revlon haben für Product Place-ment vorab rund 120 Millionen Dollar bezahlt. Weder die Parodien eines „Austin Powers" noch „xXx", die Extremsportvariante des Genres, können offenbar dieses Lizenzgeschäft gefährden.
Im Gegensatz zu anderen Serien, die intime Vorkenntnisse erfordern, ist die Bond-Welt jederzeit, was sie ist. Experten haben nachgewiesen, dass "Stirb an einem anderen Tag" aus allen bisherigen Bond-Filmen zitiert. Man kann das auch ohne komplette Werkkenntnis leicht sehen, weil der Film zugleich sein eigenes Museum betreibt. Wenn Halle Berry dem Ozean entsteigt, sieht jeder Zuschauer Ursula Andress in „Dr. No" vor sich. Und wenn Q, der Daniel Düsentrieb der Bond-Welt, in einer stillgelegten Londoner U-Bahn-Station einen mürrischen 007 empfängt, geleitet er ihn vorbei an den Spielzeugen, die er im Laufe der Jahrzehnte erfunden hat. Bond schnüffelt angewidert an einem Schuh, aus dem ein Stilett ragt. Lotte Lenya trug es in „Liebesgrüße aus Moskau“; auch sonst steht da allerlei vertrauter Schnickschnack herum, bis sie zum Auto mit der Tarnkappe kommen, dessen Unsichtbarkeit leider kein besonders guter Einfall ist. Man merkt daran, dass der wahre Q, Desmond Llewellyn, verstorben ist; John Cleese kann ihn nicht wirklich ersetzen.. Ebenso wenig überzeugend sind Qs neuartige Simulationsspiele, in deren einem Miss Moneypenny sich sogar mit ihrem James auf dem Büroschreibtisch vergnügen darf - wo alles schon reine Phantastik ist, da sind Phantasien sinnwidrig.
Worum es sonst noch geht? Um Weltverschwörung und Weltrettung natürlich, wie immer, wobei die Brutstätte des Bösen diesmal zeitgemäß in Nordkorea liegt. Aber das ist nicht wichtig. Entscheidend ist, dass Bond weiter Bonusmeilen sammelt, die er nie wird einlösen können, und sich am Ende mit Halle Berry in die Stille eines fernöstlichen Tempels zurückzieht, wo er über die Nichtigkeit des Seienden meditieren kann. Fahrzeuge, Waffen. Kommunikationstechnologien, sie haben sich über die Jahrzehnte unablässig verändert, doch eigentlich steht in Bonds Empire die Zeit still. Der Mann mit der Doppelnull ist der müde Tod, der nicht rasten darf, und sein Prinzip ist der rasende Stillstand. Im Grunde ahnt er das seit vierzig Jahren. Als Bond im ersten Film der Serie von den ruchlosen Plänen des Dr. No erfuhr, antwortete er mit Connerys abgeklärtem Lächeln: „Weltherrschaft. Derselbe alte Traum." Da klang er fast schon wie Hamlet, der bei einem Glas Dom Perignon '55 damit hadert, dass ausgerechnet er die aus den Fugen geratene Welt wieder einrichten soll.

PETER KÖRTE


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