Sarah Agbeyegbe. "Die Montage – ein filmgeschichtlicher Abriss zu kinematografischer Wirkung und Funktion"
 
 

3.4. Hollywood und der unsichtbare Schnitt

Wie bereits erwähnt, beruhen fast sämtliche Hollywoodfilme, die wir der klassischen Narration zurechnen, auf Erkenntnissen des Regisseurs Griffith.
Das zentrale Element, dass diesen Filmen zu Grunde liegt, ist das Konzept der Kontinuität. In der Filmtheorie versteht man darunter eine visuell ungebrochene, filmisch kohärente Erzählweise, die im klaren Gegensatz zur Eisensteinschen Kollisionsmontage steht.
Diese auf Kontinuität setzende Montageform ist auch unter den Namen "Découpage classique" und "Continuity Editing" bekannt.
Die Kontinuität bezieht sich dabei sowohl auf "die innersequentielle Kontinuität einer aufgelösten Szene im gleichen Raum, zum Beispiel nach dem 180-Grad-Prinzip, als auch auf die transsequentielle Kontinuität einer Handlung über mehrere verschiedene Räume und Orte hinweg".42
Dem Schnitt, der eingangs als das Grundelement der Montage angeführt wurde, kommt damit die Aufgabe zu, so unscheinbar und unauffällig wie möglich aufzutreten, um so eine flüssige Erzählung mit glatten, räumlichen und zeitlichen Übergängen zu ermöglichen. Mit welchem Erfolg Hollywood dieser Aufgabe gerecht wird, zeigt sich in der Formulierung "unsichtbarer Schnitt".
Neben der bereits erwähnten 180-Grad-Regel gibt es noch etliche weitere Prinzipien, die für das Kontinuitätskonzept unverzichtbar sind. Eine dieser vielen Regeln trägt den englischen Namen "Eyeline Match", für den es keinen äquivalenten deutschen Ausdruck gibt.

"'Eyeline Match' bezeichnet den Wechsel zwischen zwei Einstellungen, wobei die erste eine Figur zeigt, die aus dem Bild schaut, und die zweite das, was diese Figur sieht. Dabei muss ein ungefähres Gefühl für Größe und Distanz eingehalten werden, nicht unbedingt auch die Perspektive."43

Mit der Einführung des Tonfilms in der zweiten Hälfte der 20er Jahre, kam den Dialogen eine besonders große Bedeutung zu. Die gängigste Art, Dialoge zu schneiden, ist heute das dem „Eyeline-Match verwandte Schuss-Gegenschuss-Konzept. Dieses dramaturgische Mittel zur bildlichen Auflösung einer Unterhaltung entsteht wie so viele Montagekonzepte erst am Schneidetisch, da die beiden Figuren zunächst getrennt von einander aufgenommen und erst in der Postproduktion gegeneinander geschnitten werden.
Ein weiteres wichtiges Element der Kontinuitätsmontage ist der Schnitt in der Bewegung. Einer Halbtotalen einer sich aufrichtenden Frau folgt beispielsweise eine Nahe, in der die Frau zum Stehen kommt.
Genauso wichtig sind Bewegungsrichtungen. Ist eine Figur in der einen Einstellung nach rechts aus dem Bild gegangen, kann sie in der darauffolgenden Einstellung unmöglich nach links ins Bild kommen. Genau wie das 180-Grad-Prinzip ist dies von enormer Bedeutung für die Orientierung des Zuschauers.
Der große Feind des Classical Hollywood ist der sogenannte „harte Schnitt, der dem Zuschauer ein Eintauchen in eine gleitende, flüssige Geschichte verwehrt, weil unvermittelt Bewegungen oder auch ganze Erzählstränge abgebrochen werden.

Als das Ziel der Kontinuitätsmontage kann also zusammenfassend die Herstellung eines harmonischen Flusses in der Filmerzählung angesehen werden.

42 Beller, S.18 233 - zurück
43 Monaco: Film und Neue Medien. Lexikon der Fachbegriffe. S.60 - zurück


 

Universität Potsdam, Institut der Künste. Sarah Agbeyebge
WiSe 02/03 . Last update: 13.08.2003 1:26 PM