|
Wie bereits erwähnt, beruhen fast sämtliche Hollywoodfilme, die wir
der klassischen Narration zurechnen, auf Erkenntnissen des Regisseurs
Griffith.
Das zentrale Element, dass diesen Filmen zu Grunde liegt, ist das Konzept
der Kontinuität. In der Filmtheorie versteht man darunter eine visuell
ungebrochene, filmisch kohärente Erzählweise, die im klaren Gegensatz
zur Eisensteinschen Kollisionsmontage steht.
Diese auf Kontinuität setzende Montageform ist auch unter den Namen
"Découpage classique" und "Continuity Editing" bekannt.
Die Kontinuität bezieht sich dabei sowohl auf
"die innersequentielle Kontinuität einer aufgelösten Szene im gleichen
Raum, zum Beispiel nach dem 180-Grad-Prinzip, als auch auf die transsequentielle
Kontinuität einer Handlung über mehrere verschiedene Räume und Orte
hinweg".42
Dem Schnitt, der eingangs als das Grundelement der Montage angeführt
wurde, kommt damit die Aufgabe zu, so unscheinbar und unauffällig wie
möglich aufzutreten, um so eine flüssige Erzählung mit glatten, räumlichen
und zeitlichen Übergängen zu ermöglichen. Mit welchem Erfolg Hollywood
dieser Aufgabe gerecht wird, zeigt sich in der Formulierung "unsichtbarer
Schnitt".
Neben der bereits erwähnten 180-Grad-Regel gibt es noch etliche weitere
Prinzipien, die für das Kontinuitätskonzept unverzichtbar sind. Eine
dieser vielen Regeln trägt den englischen Namen "Eyeline Match",
für den es keinen äquivalenten deutschen Ausdruck gibt.
"'Eyeline Match' bezeichnet den Wechsel zwischen
zwei Einstellungen, wobei die erste eine Figur zeigt, die aus dem Bild
schaut, und die zweite das, was diese Figur sieht. Dabei muss ein ungefähres
Gefühl für Größe und Distanz eingehalten werden, nicht unbedingt auch
die Perspektive."43
Mit der Einführung des Tonfilms in der zweiten Hälfte der 20er Jahre,
kam den Dialogen eine besonders große Bedeutung zu. Die gängigste Art,
Dialoge zu schneiden, ist heute das dem „Eyeline-Match verwandte Schuss-Gegenschuss-Konzept.
Dieses dramaturgische Mittel zur bildlichen Auflösung einer Unterhaltung
entsteht wie so viele Montagekonzepte erst am Schneidetisch, da die
beiden Figuren zunächst getrennt von einander aufgenommen und erst in
der Postproduktion gegeneinander geschnitten werden.
Ein weiteres wichtiges Element der Kontinuitätsmontage ist der Schnitt
in der Bewegung. Einer Halbtotalen einer sich aufrichtenden Frau folgt
beispielsweise eine Nahe, in der die Frau zum Stehen kommt.
Genauso wichtig sind Bewegungsrichtungen. Ist eine Figur in der einen
Einstellung nach rechts aus dem Bild gegangen, kann sie in der darauffolgenden
Einstellung unmöglich nach links ins Bild kommen. Genau wie das 180-Grad-Prinzip
ist dies von enormer Bedeutung für die Orientierung des Zuschauers.
Der große Feind des Classical Hollywood ist der sogenannte „harte Schnitt,
der dem Zuschauer ein Eintauchen in eine gleitende, flüssige Geschichte
verwehrt, weil unvermittelt Bewegungen oder auch ganze Erzählstränge
abgebrochen werden.
Als das Ziel der Kontinuitätsmontage kann also zusammenfassend die Herstellung
eines harmonischen Flusses in der Filmerzählung angesehen werden.
42 Beller, S.18 233 - zurück
43 Monaco: Film und Neue Medien.
Lexikon der Fachbegriffe. S.60 - zurück
|