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Auch Sergej M. Eisensteins Montagetheorien waren
unmittelbare Fortsetzung seiner experimentellen Praxis. Anders als Pudowkin
lässt sich bei seinen unzähligen Büchern, Manifesten, Essays, Thesenpapieren
und Erfahrungsberichten jedoch nicht von einer systematischen und einheitlichen
Montagetheorie sprechen, was die Zusammenfassung seines Denkens erheblich
erschwert. (Vgl. "Seine Filmtheorie war organisch, offen und auf
eine gesunde Art unvollständig."34
)
Ich werde mich in diesem Kapitel daher vor allem auf sein Konzept der
"Intellektuellen Montage" konzentrieren.
Eisensteins Montagevorstellungen wurden stark von
den gängigen Theorien seiner Zeit aus Kunst, Philosophie und Psychologie
beeinflusst. Namentlich von den Ideen des Konstruktivismus in Kunsttheorie
und -praxis, der Reflexologie35
als psychologische Erklärung und der Dialektik
als Schule des Denkens. Genauso profitierten aber auch die wissenschaftlichen
Verhaltensforscher und Psychologen von den Erkenntnissen, die sich mit
Eisensteins künstlerischem Schaffen verbanden.36
Für Eisensteins Stummfilme – seinen Tonfilmen
soll hier keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden – liefert
die Handlung eines Films lediglich das Gerüst, mit dessen Hilfe die
eigentliche Idee entwickelt werden kann.37
Dies unterschied ihn stark von Pudowkin, für den die Montage nach
wie vor im Dienste der Handlung zu stehen hatte. Eisenstein hält die
von seinem Kollegen beschriebene Regel, dass ausgewählte Details der
szenischen Handlung miteinander verbunden werden müssen, allenfalls
für die primitivste aller Montageregeln.
"Anstatt die Aufnahmen flüssig zu einer Sequenz
zusammenzufügen, so Eisenstein, müsse eine wirkungsvolle Filmerzählung
durch eine Reihe von Schocks vorangetrieben werden, so dass jeder
Schnitt den Widerspruch zwischen zwei Einstellungen erhöhe."38
Für ihn ergab das Nebeneinanderstellen zweier Einstellungen
nicht nur die Summe zweier Einstellungen, sondern eine völlig neue Sinneinheit.
Er verglich dieses Prinzip seiner "Intellektuellen Montage"
mit der Arbeitsweise von Hieroglyphen, wie sie beispielsweise in der
japanischen Sprache verwendet werden.39
Nach Eisenstein aktivierte die Montage also nicht nur das sinnliche
Erleben, sondern regte auch höhere Bewusstseinsschichten an. Der zentrale
Vorgang der „Intellektuellen Montage war die Bedeutungsbildung, für
die ein gewisses Assoziationsvermögen von Nöten war. Hinzu kamen Kultur-,
Kunst- und Alltagserfahrung, sowie ein visuelles Gedächtnis.
Da Eisenstein mit einer starken Symbolhaftigkeit arbeitete, verlangten
seine Filme große Aufmerksamkeit von seinen Zuschauern. Hinweise und
Symbole mussten erkannt, verstanden und bewertet werden. Das System
des Filmemachers machte den Zuschauer zum notwendigen und gleichwertigen
Partner.
Dennoch war Eisenstein, ähnlich wie Pudowkin, der Auffassung, dass sich
die Wirkung der Montage äußerst präzise berechnen ließe.
Das vollkommen Neue an der Eisensteinschen Montageform war das starke
Interesse an konträren Einstellungen. Wie bereits erwähnt, rief für
ihn in der idealen filmischen Erzählfolge jeder Schnitt eine Art kurzzeitigen
Schock hervor.
Eisensteins Montage setzte auf Kollision, nicht auf Einheit. Diese sogenannte
Kollision zwischen aufeinanderfolgenden Einstellungen, von ihm auch
oftmals als "Konflikt" bezeichnet, zeigte sich beispielsweise
in den Parametern Tiefenschärfe, Einstellungsgröße oder Beleuchtungsstil.
"Jene grundlegenden Elemente einer einzelnen
Einstellung – die er Attraktionen nannte – (sollten) wechselseitig
aufeinander einwirken, um neue Bedeutungen zu schaffen. Attraktionen,
so wie er sie definierte, enthielten 'jedes aggressive Moment (...)
das den Zuschauer einer Einwirkung auf die Sinne oder Psyche aussetzt
(...).'"40
In den Formulierungen Eisensteins trug diese gegensätzliche Beziehung
der Einstellungen, die auf die Philosophen Hegel und Marx zurückgehende
Bezeichnung "Dialektik".
Noch stärker als Pudowkin vertrat Eisenstein die
Ansicht, die fotografische Abbildung der Realität erfülle nicht den
eigentlichen Zweck eines Films. "Für Eisenstein war es nötig, den
Realismus zu zerstören, um sich der Realität zu nähern. "41
Diese Haltung stieß durchaus auf Kritik. Andere Filmtheoretiker wie
André Bazin, Siegfried Kracauer oder Andrej Tarkowski konfrontierten
ihn immer wieder mit dem Vorwurf, seine Montage sei autokratisch und
gefährlich und aufgrund ihres die physische Realität zerstörenden Wesens
ein prädestiniertes Instrument zur Manipulation der Massenmeinung. Eisensteins
Montage stellte in ihren Augen eine Technik dar, die dem Zuschauer einen
Sinn oktroyierte, den die Bilder selbst in ihrem Wesen gar nicht inne
hatten.
34 Monaco: Film verstehen, S.431
- zurück
35 "Wissenschaft von den unbedingten
und den bedingten Reflexen" vgl. Duden, S.849 - zurück
36 vgl. Bulgakowa. In: Beller, S.50
- zurück
37 vgl. Reisz, S.27 - zurück
38 Reisz, S.33 - zurück
39 Beispiele: Ohr + Tür = lauschen;
Hund + Mund = bellen; Messer + Herz = Kummer usw. - zurück
40 Monaco: Film verstehen, S.430
- zurück
41 ebd., S.431 - zurück
siehe zu Eisenstein auch Einstellungsprotokoll
+ Begleittext zu einer Szene aus dem Film „Streik (1923) im Anhang
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