Sarah Agbeyegbe. "Die Montage – ein filmgeschichtlicher Abriss zu kinematografischer Wirkung und Funktion"
 
 

3.3.2. Pudowkin und die "Konstruktive Montage"

Von den Erkenntnissen der Filmexperimente Kuleschows geprägt, begann Pudowkin eine ausführliche theoretische Auseinandersetzung mit der Filmmontage. Sein Hauptwerk hierzu, das Buch "Über die Filmtechnik" aus dem Jahre 1929, war eine klare Beschreibung seines Montageverständnisses und konnte durchaus als allgemeiner Leitfaden zur Montage benutzt werden.
Ein Großteil seiner Arbeit war jedoch nicht mehr als eine theoretische Beschreibung der von Griffith angewandten Montageideen.
Auch das Kernprinzip seiner "Konstruktiven Montage" ließ sich bereits in Griffith' Filmen finden: die Konstruktion der filmischen Wirklichkeit. Nach Pudowkin erlaubte es die Montage dem Regisseur, die Realität so zu verändern, wie er es für seinen Film für nötig hielt. Im Falle von Griffith wird dies vor allem in Bezug auf die Kontinuität deutlich. Für die Handlung überflüssige, ja störende Pausen und Längen wurden in seinen Filmen ganz nach seinen zeitlichen Vorstellungen konzentriert. 27
Ein anderes Beispiel für die Veränderung der Realität zu Gunsten der filmischen Realität zeigt Pudowkins Entscheidung, für die Explosion in einem seiner Filme keine echte Explosion zu filmen, sondern Bilder eines Flammenwerfers dazwischen zu montieren.

"Ich nahm einen Flammenwerfer, der dichte Rauchschwaden entwickelte; um den Einschlag wiederzugeben, montierte ich in raschen Hell-Dunkel-Rhythmus Aufnahmen eines Magnesium-Blitzes (...). Die Bombenexplosion war nur auf der Leinwand; sie bestand aus allem möglichen, nur nicht aus Elementen einer wirklichen Explosion."28

Die Erkenntnis Pudowkins, aus der diese Form der Montage resultierte, war, "(...) daß die Montage Schöpferin filmischer Wirklichkeit ist, und daß die Natur uns nur das Rohmaterial zu unserer Arbeit gibt. Dies ist das eigentliche Verhältnis von Wirklichkeit und Film."29
Obgleich ich eingangs davon sprach, dass Pudowkins theoretische Arbeiten zu einem Großteil lediglich das systematisch zusammenfassten, was Griffith bereits entwickelt hatte, darf das Werk Pudowkins keinesfalls darauf reduziert werden.
Denn Pudowkins Montagetheorie ging weiter. Er erkannte, dass Montage mehr war als nur das methodische Mittel, eine Geschichte kontinuierlich zu erzählen. Er sah in der Montage eine sinnbildende Funktion.
Diese "Sinnbildende Montage" funktionierte vor allem bei Nah- und Detailaufnahmen, die Pudowkin anders als Griffith nicht nur zur Steigerung der Dramatik verwand, sondern vorrangig, um die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf wichtige Einzelheiten des Geschehens zu lenken.30
Ganze Szenen in Pudowkins Filmen bestanden aus sorgfältig geplanten Reihen von Detailaufnahmen. Rudolf Kersting31 führt in diesem Zusammenhang den Begriff der "Additiven Montage" ein.
Die Erkenntnisse über die sinnbildende Funktion der Montage von Detailaufnahmen resultierten nicht zuletzt aus dem Ergebnis des "Kuleschow-Effekts".
Das zentrale Wesen der Montage sah Pudowkin demnach in ihrer Wirkung auf den Zuschauer. Er sprach davon, dass sie eine "psychologische Führung des Zuschauers"32 übernehme.
Pudowkin unterschied in fünf wichtige Montagearten, die auf den Zuschauer einwirken können:

  1. Die Kontrastmontage: Sie stellt Bilder aus sich wiedersprechenden Kontexten gegenüber.
  2. Die Parallelmontage, die der Kontrastmontage zwar formal ähnelt, deren inhaltliche und zeitliche Verknüpfung der Handlungsstränge aber keinen Kontrast entstehen lässt.
  3. Der Symbolismus: Er dient der Vermittlung einer abstrakten Idee und ist eng verknüpft mit dem Begriff des Gleichnisses. Als Beispiel nannte Pudowkin die Parallelmontage der Niederschießung von Streikenden und der Schlachtung eines Bullen in Eisensteins „Streik von 1923/24. (siehe auch Einstellungsprotokoll im Anhang)
  4. Das Prinzip der Gleichzeitigkeit. Es stellt eine weitere Sonderform der Parallelmontage dar und bezeichnet die sogenannte "Rettung-in-letzter-Minute", wie man sie aus Griffith' Filmen kennt. Zwei simultan stattfindende und inhaltlich zusammenhängende Handlungsstränge werden abwechselnd gezeigt, um schlussendlich zusammen geführt zu werden.
  5. Die Leitmotiv-Montage: Die Hauptaussage eines Films wird durch die ständige Wiederholung einer Einstellung zum Ausdruck gebracht. In "Intolerance" (1916) arbeitete Griffith mit genau dieser Form der Montage.33

27 Ein bis heute gängiges Mittel in der Filmherstellung, das vor allem der Vermeidung von Langeweile dient. zurück
28 Pudowkin, S.10 - zurück
29 ebd., S.10 - zurück
30 vgl. Reisz, S.24f - zurück
31 Kersting, Rudolf: Wie die Sinne auf Montage gehen. Frankfurt am Main, 1989. S. 368 - zurück
32 Pudowkin, S.76 - zurück
33 vgl. Ast, S.36


 

Universität Potsdam, Institut der Künste. Sarah Agbeyebge
WiSe 02/03 . Last update: 13.08.2003 1:26 PM