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Von den Erkenntnissen der Filmexperimente Kuleschows geprägt,
begann Pudowkin eine ausführliche theoretische Auseinandersetzung mit
der Filmmontage. Sein Hauptwerk hierzu, das Buch "Über die Filmtechnik"
aus dem Jahre 1929, war eine klare Beschreibung seines Montageverständnisses
und konnte durchaus als allgemeiner Leitfaden zur Montage benutzt werden.
Ein Großteil seiner Arbeit war jedoch nicht mehr als eine theoretische
Beschreibung der von Griffith angewandten Montageideen.
Auch das Kernprinzip seiner "Konstruktiven Montage"
ließ sich bereits in Griffith' Filmen finden: die Konstruktion der filmischen
Wirklichkeit. Nach Pudowkin erlaubte es die Montage dem Regisseur, die
Realität so zu verändern, wie er es für seinen Film für nötig hielt.
Im Falle von Griffith wird dies vor allem in Bezug auf die Kontinuität
deutlich. Für die Handlung überflüssige, ja störende Pausen und Längen
wurden in seinen Filmen ganz nach seinen zeitlichen Vorstellungen konzentriert.
27
Ein anderes Beispiel für die Veränderung der Realität zu Gunsten
der filmischen Realität zeigt Pudowkins Entscheidung, für die Explosion
in einem seiner Filme keine echte Explosion zu filmen, sondern Bilder
eines Flammenwerfers dazwischen zu montieren.
"Ich nahm einen Flammenwerfer, der dichte
Rauchschwaden entwickelte; um den Einschlag wiederzugeben, montierte
ich in raschen Hell-Dunkel-Rhythmus Aufnahmen eines Magnesium-Blitzes
(...). Die Bombenexplosion war nur auf der Leinwand; sie bestand aus
allem möglichen, nur nicht aus Elementen einer wirklichen Explosion."28
Die Erkenntnis Pudowkins, aus der diese Form der
Montage resultierte, war, "(...) daß die Montage Schöpferin filmischer
Wirklichkeit ist, und daß die Natur uns nur das Rohmaterial zu unserer
Arbeit gibt. Dies ist das eigentliche Verhältnis von Wirklichkeit und
Film."29
Obgleich ich eingangs davon sprach, dass Pudowkins theoretische
Arbeiten zu einem Großteil lediglich das systematisch zusammenfassten,
was Griffith bereits entwickelt hatte, darf das Werk Pudowkins keinesfalls
darauf reduziert werden.
Denn Pudowkins Montagetheorie ging weiter. Er erkannte, dass Montage
mehr war als nur das methodische Mittel, eine Geschichte kontinuierlich
zu erzählen. Er sah in der Montage eine sinnbildende Funktion.
Diese "Sinnbildende Montage" funktionierte
vor allem bei Nah- und Detailaufnahmen, die Pudowkin anders als Griffith
nicht nur zur Steigerung der Dramatik verwand, sondern vorrangig, um
die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf wichtige Einzelheiten des Geschehens
zu lenken.30
Ganze Szenen in Pudowkins Filmen bestanden aus sorgfältig
geplanten Reihen von Detailaufnahmen. Rudolf Kersting31
führt in diesem Zusammenhang den Begriff der "Additiven Montage"
ein.
Die Erkenntnisse über die sinnbildende Funktion der Montage von Detailaufnahmen
resultierten nicht zuletzt aus dem Ergebnis des "Kuleschow-Effekts".
Das zentrale Wesen der Montage sah Pudowkin demnach
in ihrer Wirkung auf den Zuschauer. Er sprach davon, dass sie eine "psychologische
Führung des Zuschauers"32
übernehme.
Pudowkin unterschied in fünf wichtige Montagearten, die auf den Zuschauer
einwirken können:
- Die Kontrastmontage: Sie stellt Bilder aus sich wiedersprechenden
Kontexten gegenüber.
- Die Parallelmontage, die der Kontrastmontage zwar formal
ähnelt, deren inhaltliche und zeitliche Verknüpfung der Handlungsstränge
aber keinen Kontrast entstehen lässt.
- Der Symbolismus: Er dient der Vermittlung einer abstrakten
Idee und ist eng verknüpft mit dem Begriff des Gleichnisses. Als Beispiel
nannte Pudowkin die Parallelmontage der Niederschießung von Streikenden
und der Schlachtung eines Bullen in Eisensteins „Streik von 1923/24.
(siehe auch Einstellungsprotokoll im Anhang)
- Das Prinzip der Gleichzeitigkeit. Es stellt eine weitere
Sonderform der Parallelmontage dar und bezeichnet die sogenannte "Rettung-in-letzter-Minute",
wie man sie aus Griffith' Filmen kennt. Zwei simultan stattfindende
und inhaltlich zusammenhängende Handlungsstränge werden abwechselnd
gezeigt, um schlussendlich zusammen geführt zu werden.
- Die Leitmotiv-Montage: Die Hauptaussage eines Films wird
durch die ständige Wiederholung einer Einstellung zum Ausdruck gebracht.
In "Intolerance" (1916) arbeitete Griffith mit genau dieser
Form der Montage.33
27 Ein bis heute gängiges Mittel
in der Filmherstellung, das vor allem der Vermeidung von Langeweile
dient. zurück
28 Pudowkin, S.10 - zurück
29 ebd., S.10 - zurück
30 vgl. Reisz, S.24f - zurück
31 Kersting, Rudolf: Wie die Sinne
auf Montage gehen. Frankfurt am Main, 1989. S. 368 - zurück
32 Pudowkin, S.76 - zurück
33 vgl. Ast, S.36
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