Sarah Agbeyegbe. "Die Montage – ein filmgeschichtlicher Abriss zu kinematografischer Wirkung und Funktion"
 
 

3.3.1. Kuleschow

Lew Kuleschow war der erste, der systematisch filmische Experimente zur Montage durchführte. Er glaubte, dass man mit wissenschaftlichem Kalkül auch die künstlerische Kreativität des Filmemachens lenken könne.
1920 begann der damals erst 21jährige bereits an der Moskauer VGIK23 zu lehren. In Workshops unternahmen er und seine Studenten unzählige Versuche zur Filmmontage, wie die Experimente "Schöpferische Geografie"24, "Ideale Frau"25 oder auch jenes weltbekannte und noch heute beindruckende Experiment, das unter dem Namen "Kuleschow-Effekt" in die Geschichte einging.
Der Gedanke, der all seinen Versuchen zu Grunde lag, war, dass das Wesen des Films nicht in den einzelnen Fragmenten, also Einstellungen, zu suchen sei, sondern in ihrer Verbindung. Das Entscheidende waren folglich nicht die Aufnahmen selbst, sondern die Montage der Aufnahmen.
Am deutlichsten bestätigte sich diese Behauptung in eben jenem "Kuleschow-Effekt".
Gemeinsam mit seinen Studenten, unter ihnen auch Vsevolod Pudowkin, schnitt Kuleschow drei identische Aufnahmen des Schauspielers Iwan Mosjukin mit jeweils unterschiedlichen Einstellungen zusammen. In seinem Werk "Über die Filmtechnik" beschreibt Pudowkin die ausgewählte Aufnahme Mosjukins als ausdruckslose Großaufnahme eines unbewegten und ruhigen Antlitzes.
Die drei unterschiedlichen Einstellungen, mit denen das Gesicht des Schauspielers kombiniert wurde, waren ein Teller Suppe auf einem Tisch, ein Sarg mit einer Frauenleiche darin und ein kleines Mädchen mit Teddybär26. Die so kombinierten Einstellungen wurden nun einem unwissenden Publikum vorgeführt. Das Ergebnis war faszinierend! Obwohl es sich jeweils um die gleiche Aufnahme Moskujins handelte, sahen die Zuschauer unterschiedlichste Ausdrücke in seinem Gesicht. Man war beeindruckt von seiner schauspielerischen Fähigkeit, differenzierte Emotionen wie Hunger, Trauer und Zuneigung zu vermitteln.

Kuleschow zog aus diesem Experiment das Fazit, dass es die Montage dem Filmemacher ermöglichte, die Wirkung eines Films vorherzubestimmen, d.h. gewünschte Wahrnehmungen beim Zuschauer zu erzeugen.

23 Vsesojuznyj Gosudartstvenyj Institut Kinematografii: in Moskau 1919 gegründete erste Filmhochschule der Welt
24 das nachträgliche Zwischenschneiden von vom Drehort unabhängigen Orten ermöglichte eine Verlagerung des Handlungsschauplatz in der filmischen Wirklichkeit an einen willkürlichen Ort. Vgl. Beller, S.21
25 mehrere Einstellungen verschiedener Körperteile von unterschiedlichen Frauen wurden so zusammengeschnitten, dass der Rezipient glaubte, nur eine Frau gesehen zu haben. Vgl. ebd., S.21
26 Die filmische Grundlage des Kuleschow-Effekt verbrannte leider während des Zweiten Weltkrieges, weshalb nicht ganz einheitliche Informationen zum Material vorliegen.


 

Universität Potsdam, Institut der Künste. Sarah Agbeyebge
WiSe 02/03 . Last update: 13.08.2003 1:26 PM