Ein lebendes Museum mitten in der Stadt

Botanischer Garten der Universität Potsdam mit steigenden Besucherzahlen

Das Bäumchen besitzt eine etwas ungewöhliche Geschichte. Seine „Vorfahren“ stammen von den im Stillen Ozean liegenden Osterinseln. Hier starben sie zunächst in den 50er Jahren aus. 1956 sichtete der große norwegische Zoologe und Völkerkundler Thor Heyerdahl dort den letzten Toromiro-Baum (Sophora toromiro), dessen Samen er mit nach Göteborg nahm. „Nachkommen“ gelangten über diesen Umweg auch nach Bonn. Der Oberbürgermeister der Rhein-Metropole schließlich nahm eines der zierlichen Gewächse 1995 mit auf die Reise zur Partnerstadt im Brandenburgischen. Der Botanische Garten Potsdam – sein neues zu Hause – verfügte damit über eine Attraktion mehr. 17-1.jpg (60721 Byte)
Der Botanische Garten der Uni Potsdam wurde 1950 auf dem Gelände des ehemaligen Terrassenreviers der Hofgärtnerei von Sanssouci angelegt. Er gliedert sich in einen großen Gewächshauskomplex und das rund 4.000 verschiedene Pflanzenarten beherbergende Freilandgelände. Foto: Archiv

Die Einrichtung besteht seit 1950 und umfaßt rund fünf Hektar Fläche. Geführt wird sie heute von Prof. Dr. Klaus Klopfer, verantwortlich auch für die Lehre in der Allgemeinen und Speziellen Botanik an der Universität Potsdam, zu der das mit vielen bizarren Schönheiten versehene Areal gehört. Unter seiner Leitung hat sich in den vergangenen insgesamt elf Jahren manches verändert: ein eigens für die Orchideen errichtetes Haus entstand, das Alpinum – benannt nach den Alpen – wurde nach geographischen Gesichtspunkten neu bepflanzt, eine Öko-Blumenwiese kam hinzu, die systematische wie die morphologische Abteilung unterlagen notwendigen Veränderungen. Immerhin 26 Mitarbeiter sorgen sich gegenwärtig um das Gelände, Dienst ist eigentlich immer: die Gewächshäuser bleiben an den Wochenenden geöffnet, die Freilandanlage steht zumindest im Sommerhalbjahr dem Betrachter zur Verfügung.
Und die Besucher kommen zahlreich. „Die erwartete jährliche Gästezahl haben wir bereits Ende August überschritten“, konstatiert Klopfer. In den Gewächshäusern seien bislang 31.600 Pflanzenfreunde gezählt worden, Schätzungen für das Freiland beliefen sich auf rund 70.000 Besucher. Aber nicht nur per pedes sammelt offensichtlich die große Schar der Garten-Interessierten Eindrücke und Informationen. Kustos Dr. Peter Scharf registriert auch eine Zunahme schriftlicher Anfragen. „Wir bekommen eine Reihe von Zuschriften, in denen etwa um Auskünfte zu bestimmten Kulturbedingungen oder um Genaueres über einzelne Giftpflanzen gebeten wird“, erläutert er.
Drei Säulen tragen die Einrichtung. Wesentlichen Stellenwert dabei besitzt die Ausbildung der Studierenden im Fach Botanik. Zukünftige Biologen, Biochemiker, Ernährungswissenschaftler, Geoökologen und Biologielehrer erwerben hier systematische, morphologische, ökologische und geobotanische Kenntnisse für den späteren Beruf. Daß neben der Lehre auch Forschungsarbeit erfolgt, scheint fast selbstverständlich. Wichtig ist den Mitarbeitern zudem ihr Engagement auf dem Gebiet des Natur- und des Artenschutzes. So gibt es ein Schaubeet mit vom Aussterben bedrohten heimische Pflanzenarten. Im kleinen Rahmen beschäftigen sich die Fachleute damit, gefährdete Pflanzen zu vermehren und deren Kulturbedingungen zu ermitteln.
Auch technische Angelegenheiten kommen nicht zu kurz. Schritt für Schritt erhält der aus den Jahren 1908–1911 stammende Gewächshauskomplex die nötige Modernisierung. Lediglich drei der insgesamt zehn Häuser befinden sich noch im alten Zustand. Gerade beginnt der Bau eines neuen Palmenhauses. „Das bedeutet nicht nur Abriß und Wiederaufbau“, erklärt dazu Wolfgang Pifrement, Technischer Leiter des Gartens, und meint nicht nur die in den Werkstätten zu meisternde Puzzlearbeit der Vornumerierung sämtlicher Einzelteile. „Einige zu groß gewordene Pflanzen fallen dem Geschehen beispielsweise mit Sicherheit zum Opfer. Andere versuchen wir wiederum auszulagern, und ansonsten bepflanzen wir mit schon vorhandenen Anzuchten“, so seine Einschätzung zum Vorgehen. Mit von der Partie sei bei dem gesamten Vorhaben die Denkmalpflege. „Wenn alles gut geht, sind wir im Oktober ’99 fertig“, hofft er. Vorerst jedoch werden aufgrund der Bautätigkeit auch die benachbarten Gewächshäuser geschlossen. „Das ist allerdings nur vorübergehend der Fall“, versichert Pifrement. „Noch vor Weihnachten sind sie wieder zugänglich.“ Potsdamer und ihre Gäste müssen also nur kurz auf eine Stippvisite verzichten. Nichtsdestotrotz gibt es weitere Sanierungspläne. Ganz oben auf der Wunschliste steht die Erneuerung des Seerosenhauses. Es ist im Laufe der Jahre aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit stark verrostet.
P.G.

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In den Gewächshäusern werden rund 4.500 Pflanzenarten aus tropischen und subtropischen Gebieten kultiviert. Foto: Fritze
Die Gewächshäuser sind im Sommerhalbjahr (1. April bis 30. September) täglich von 9.30 bis 17.00 Uhr, im Winterhalbjahr (1. Oktober bis 31. März) von 9.30 bis 16.00 Uhr geöffnet.
Eintritt: 2,– DM, ermäßigt 1,– DM.
Die Freilandanlagen können vom 1. April bis 30. September von 8.00 bis 17.00 Uhr und vom 1. bis 31. Oktober von 8.00 bis 16.00 Uhr besichtigt werden.
Eintritt frei.