Eines
der Markenzeichen der Potsdamer Universität ist ihre enge Zusammenarbeit
mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen, die sich in Potsdam
und seinem unmittelbaren Umland sehr zahlreich angesiedelt haben. Für
diese Kooperation, die über an anderen Standorten üblichen
Verknüpfungen weit hinausgeht, wurden verschiedenartige Formen entwickelt:
so z. B. gemeinsame Berufungen von Professoren, die Durchführung gemeinsamer
Studiengänge und der Aufbau Interdisziplinärer Zentren. Auch laufen
die Vorbereitungen für die Errichtung eines gemeinsamen Campus' der
Potsdamer Naturwissenschaften mit Instituten der Max-Planck-Gesellschaft
und der Fraunhofer-Gesellschaft in Golm derzeit auf Hochtouren. Mit diesem
Artikel über das Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung
wird in der PUTZ eine Reihe fortgeführt, in der nach und nach die
Einrichtungen vorgestellt werden sollen, die vor allem auf
naturwissenschaftlichem Gebiet mit der Universität Potsdam
kooperieren.
Ob wir eine CD hören, einen Kugelschreiber zur Hand nehmen oder eine Kartoffel essen: Polymere begegnen uns auf Schritt und Tritt. Es sind all jene Riesenmoleküle, die dadurch entstehen, daß sich sehr viele gleiche oder gleichartige Grundmoleküle (Monomere) faden-, netz- oder gitterförmig miteinander verbinden. Zu ihnen gehören beispielsweise Proteine, Stärke oder Cellulose. Das breite Spektrum von in der Natur vorkommenden Polymeren wird ständig durch künstlich hergestellte erweitert. Die Motivation dafür ist, daß sie zu den vielseitigsten Werk- und Wirkstoffen überhaupt gehören. Manche sind hart und spröde, manche zäh und schlagfest, andere weich und biegsam. Darüber hinaus lassen sich Moleküle mit den unterschiedlichsten optischen, thermischen und elektrischen Eigenschaften produzieren. Die Herstellung und Charakterisierung von Polymeren ist somit ein weites Feld und bietet vielen Forschern Platz. So beschäftigen sich die rund 50 Mitarbeiter am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung (IAP) mit der Physik, der Chemie und den Materialeigenschaften von Polymeren sowie mit Verfahrens- und Produktentwicklung auf verschiedenen Einsatzgebieten dieser Stoffe. Speziell interessieren sich die Physiker und Chemiker für drei Aufgabenkomplexe: Im ersten geht es darum, Umweltbelastungen, die durch die Herstellung, den Einsatz oder die Entsorgung von polymeren Stoffen entstehen, zu vermindern und um Reduzierung von Umweltbelastungen mit Hilfe von Polymeren. Der zweite Komplex befaßt sich mit Cellulose und Stärke u.a. hinsichtlich neuer Verwendungsmöglichkeiten. Der dritte Bereich schließlich beinhaltet die Entwicklung von Polymeren mit speziellen Werkstoff- oder Funktionseigenschaften.Das IAP wurde 1992 gegründet und baut auf einem Institut der Akademie der Wissenschaften auf. Wie alle Institute der Fraunhofer Gesellschaft wird auch hier anwendungsorientiert für öffentliche Auftraggeber und für Auftraggeber aus der Wirtschaft geforscht, so daß sich das Institut zu einem großen Teil selbst finanziert.
Einsatzort
Klärwerk: Hier werden dem Klär-schlamm u.a. spezielle Polymere
zugesetzt, die dafür sorgen, daß sich die Schlammpartikel
zusammenballen, so daß die mechanischen Trennverfahren zu einer
effektiveren Abtren-nung des Wassers führen. Der Entwicklung wirksamer
und gleichzeitig umweltverträglicher Polymere widmen sich Wissenschaftler
am Fraunhofer-Institut für Angewandte Materialfor-schung. Foto: Fritze
Polymere für den Einsatz im Klärwerk
"Was mir nahesteht,
das
sind Produkte, die mit dem Umweltschutz im weitesten Sinne zu tun haben,
mit Problemen der Wasserreinigung, mit der Eliminierung von hochtoxischen
Verbindungen aus Wassern im besonderen", beschreibt Dr. Werner Jaeger seinen
Arbeitsbereich. Er leitet die AG "Wasserlösliche
Polymere/Polymerdispersionen" am IAP. Hier läuft unter anderem derzeit
eines der Gemeinschaftsprojekte vom IAP und der Universität Potsdam
neben weiteren Kooperationen mit den Interdisziplinären Zentren für
Biopolymere sowie für dünne Organische imd Biochemische Schichten.
In diesem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten
Forschungsvorhaben, an dem neben Jaeger auch Prof. Dr. Joachim Kötz
von der Universität Potsdam und Prof. Dr. Werner Michael Kuhlike von
der Universität Hamburg beteiligt sind, geht es um die Entwässerung
von Klärschlamm. Klärschlämme bestehen aus den Feststoffen,
die aus dem Abwasser sedimentieren und die teilweise im Klärwerk biologisch
abgebaut werden, sowie &endash; zum weitaus größeren Teil &endash;
aus Wasser. Um die enormen Mengen an Klärschlamm, die im Klärwerk
anfallen, zu reduzieren, wird dort zunächst der Wassergehalt maschinell
gesenkt (u.a. durch Zentrifugen oder Filterpressen). Damit dieser Prozeß
möglichst effizient ist, werden dem Schlamm spezielle organische Polymere
zugesetzt, die dafür sorgen, daß die feinverteilten Schwebestoffe
verklumpen und dadurch leichter ausgefällt werden können. Die Wirkung
beruht darauf, daß die festen Partikel, die in der Regel eine negative
Oberflächenladung besitzen und sich deswegen gegenseitig abstoßen,
an die Polymere anlagern, die eine positive Oberflächenladung aufweisen.
Dadurch kann beispielsweise die negative Ladung der Schwebestoffe neutralisiert
werden, so daß sie sich nicht mehr abstoßen, oder die Polymere
können auf den Oberflächen der Teilchen Bereiche mit positiver
Ladung schaffen, so daß sich diese untereinander anziehen. Bei den
bisher verwendeten Polymeren blieb nach dem Abzentrifugieren aber immer noch
ein Wasseranteil von über 70 % zurück. Dies hat u.a. zur Folge,
daß für kontaminierte Schlämme, die zur Aufbereitung
zunächst eingeäschert werden, unnötig viel Energie zu deren
Verbrennung aufgewendet werden muß. Auch bei biologisch unbedenklichem
Klärschlamm, der als Dünger verwendet werden kann, ist zu bedenken,
daß bei dem damit verbundenen Transport in erster Linie Wasser durch
die Gegend gefahren wird. Hinzu kommt, daß die bislang eingesetzten
Polymere nicht oder nur sehr schwer biologisch abbaubar sind, was bei der
Verwendung des Schlammes als Dünger ebenfalls nicht zu begrüßen
ist. Ziel des Projektes war es deswegen zunächst, biologisch abbaubare
Polymere zur Entwässerung zu gewinnen. Hierzu nutzten die Wissenschaftler
bereits vorhandenes Wissen aus: "Vom Grundsatz her", führt Jaeger
aus, "ist bekannt, welche Strukturen für Mikroorganismen schwer
abbaubar sind und welche leichter. Schwer abbaubar sind beispielsweise solche
Polymere, deren Rückgratkette ausschließlich Kohlenstoffatome
enthält. Leichter abbaubar sind sie, wenn in der Rückgratkette
Heteroatome eingebaut sind, Sauerstoff oder Schwefel beispielsweise oder
auch Stickstoff." Darüber hinaus beeinflussen auch die Substituenten,
die an der Rückgratkette hängen, die Stabilität der Polymere
gegenüber Mikroorganismen. Bei der Synthese der Polymere muß man
sich dann an diesen Erfahrungen orientieren, wobei natürlich
zusätzlich zu prüfen ist, ob die Stoffe die gleich Effizienz wie
herkömmliche zur Entwässerung eingesetzte Polymere aufweisen. Mit
den Erfolgen bei diesen Untersuchungen zeigt sich Jaeger schon sehr zufrieden.
Mittlerweile verfolge man weiterhin das Ziel, den Entwässerungsgrad
zu erhöhen. "Dieses Ziel kann man erreichen, indem man andere
Substanzen einsetzt, die eine noch bessere Verkoppelung der Partikel erreichen.
Ein grundsätzlich neuer Weg", führt Jaeger vorsichtig aus,
"könnte darin bestehen, daß man verschiedene Polymere kombiniert,
die abgestuft wirksam werden". Derartige Untersuchungen sollen in einem
gemeinsamen Folgeprojekt durchgeführt werden. adé