EIN MANN MIT HEISSEM HERZEN UND KÜHLEM KOPF
Schriften Franz Oppenheimers werden veröffentlicht

"Ich werde glücklich sein, wenn die soziale Marktwirtschaft – so vollkommen oder so unvollkommen sie sein mag – weiter zeugen wird auch für das Werk, für den geistigen Ansatz der Gedanken und die Lehre von Franz Oppenheimer." Deutschlands Bundeskanzler von 1963 bis 1966, Dr. Ludwig Erhard, schrieb diese Zeilen im Vorwort zu Franz Oppenheimers Autobiographie. Dieser gilt als Vordenker der sozialen Marktwirtschaft. Die Synthese von Liberalismus und Sozialismus, von Marktwirtschaft, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit bildet dann auch den Schwerpunkt seines Lebenswerkes.

Völlig zu Unrecht sei der deutsch-jüdische Nationalökonom und Soziologe in Deutschland nahezu in Vergessenheit geraten, meint Prof. Dr. Julius H. Schoeps, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam. Es sei "ihm und seinem Wirken zu verdanken, daß die Idee einer sozial gerechten Marktwirtschaft im Nachkriegsdeutschland Fuß gefaßt hat. Der Aufschwung und das sogenannte 'Wirtschaftswunder' der Nachkriegsjahre ist nicht zuletzt auf die Gleichbewertung von Markt und Sozialstaatlichkeit zurückzuführen. Ohne dieses Konzept würden wir heute in einem anderen Deutschland leben."
Um gegen dieses Vergessen anzugehen, nahm Julius H. Schoeps gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern ein Forschungsvorhaben in Angriff, welches in einem Buchprojekt mündet. Sollen doch die Gesammelten Schriften Franz Oppenheimers, drei Bände in fünf Teilen, im Akademie Verlag erscheinen. Der erste Band "Theoretische Grundlegung", dem "Politische Schriften" und "Schriften zur Marktwirtschaft" folgen, wurde Ende September 1995 im Alten Rathaus in Potsdam präsentiert. Er enthält fünf Frühwerke Oppenheimers, in denen er das theoretische Fundament seines "Dritten Weges", einer gerechten und pluralistischen Gesellschaftsordnung, entwickelt.
Der Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, Prof. Dr. Roman Herzog, hatte nicht nur deshalb gerne die Einladung zu dieser Veranstaltung angenommen, weil Oppenheimer der Lehrer von Ludwig Erhard war und fast in jedem zweiten Gespräch auf ihn zu sprechen gekommen sei, "sondern vor allem, weil er zu den Vordenkern der sozialen Marktwirtschaft gehörte, die immer wieder einmal begründet werden muß". In Anwesenheit von ca. 150 Gästen, unter ihnen der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, und die Tochter Oppenheimers, Renata Lenart, äußerte sich der Bundespräsident in seinem Festvortag zum Thema "Freiheitlicher Staat, humane Gesellschaft, soziale Marktwirtschaft". Das deutsche Modell der sozialen Marktwirtschaft fände "in aller Welt, von den USA bis nach China, Bewunderung... Aber auch die soziale Marktwirtschaft muß Anpassungskrisen bestehen, die durch die unaufhaltsame Globalisierung der Märkte ausgelöst werden". Die staatlichen Anreizsysteme seien so zu gestalten, daß jeder einzelne seine Chance erhielte. Innovationen müßten zu einem Breitensport gemacht werden, der den Fußball in den Schatten stellt.
B.E.