Hunderte von Menschen fahren und laufen tagtäglich über die
Lange Brücke, um über die Havel von Potsdam nach Babelsberg (oder
weiter Richtung Teltow) und umgekehrt zu gelangen. Sie folgen dabei einem
der ältesten Wege in der Potsdamer Geschichte. Bereits im Jahre l3l7
wird urkundlich eine Brücke in diesem Bereich der Havel erwähnt.
Nachdem diese Brücke aus nicht bekannten Gründen unbenutzbar war,
wurden Reisende und Händler mehrere Jahrzehnte mit einer Fähre
übergesetzt. Der Markgraf Friedrich von Hohenzollern (später
Kurfürst Friedrich I.) verlieh der Stadt Potsdam im Jahr l4l6 das Recht,
wieder eine Brücke zu errichten und Brückenzoll zu erheben. Zur
Sicherung dieses Havelüberganges sowie zum Abkassieren des Fährgeldes
oder Brückenzolls war auf dem westlichen Havelufer eine Burg errichtet
worden. Wann sie erbaut wurde, ist bis heute unbekannt - nicht hingegen wo.
Wer heute über den südwestlichen Teil des alten Marktes spaziert, wo nahe der Straße mit Kies ein Viereck im Rasen markiert ist, der befindet sich direkt über ihren noch verbliebenen Fundamenten, die wenige Meter unter seinen Füßen im Boden ruhen. Hier war - neben der älteren slawischen Besiedlung des Gebietes um die slawische Burganlage ca. 600 Meter weiter nördlich - eine der Keimzellen Potsdams. Hier wuchs etwa ab der zweiten Hälfte des l3. Jahrhunderts die deutsche Besiedlung, die von der slawischen Burg durch eine sumpfige Rinne getrennt war. "Über das mittelalterliche Potsdam wissen wir kaum etwas", kommentiert Gundula Christl, Mitarbeiterin beim Amt für Denkmalpflege, den heutigen Wissensstand: "Bei den meisten Städten haben sich die Straßenverläufe aus dem Mittelalter erhalten, teilweise sind auch die Grundstücksgrenzen gleich." In Potsdam ist jedoch das mittelalterliche Stadtbild durch den Schloßbau und -umbau und das Anlegen einer barocken Planstadt völlig überprägt.

Gundula Christl arbeitet derzeit an dem Projekt "Geophysikalische Erkundung
und Erarbeitung eines archäologischen Katasters für den Alten Markt
/ Standort Stadtschloß". Ziel dieses Projektes ist es, ein Gutachten
über die archäologische Substanz (also den Umfang der noch im Boden
vorhandenen Informationen über Ursprünge und Entwicklung des Potsdamer
Stadtkerns) zu erstellen, das Mitte Mai dem Baudezernat vorgelegt werden
soll. Neben Baugrundgutachten und Nutzungsmodellen soll es Bestandteil des
städtebaulichen Rahmenplanes werden. Dadurch sollen dort schon die von
Seiten des Denkmalschutzes zu erwartenden baulichen Auflagen sowie der Umfang
der zu erwartenden archäologischen Dokumentations- und
Erhaltungsmaßnahmen berücksichtigt werden. Zwar ist der früheste
Zeitpunkt für einen Baubeginn erst nach der Bundesgartenschau, aber
bereits 1995 wurde das Planungsbüro Topos beauftragt, einen
städtebaulichen Rahmenplan für den Alten Markt zu erstellen. Anfang
dieses Jahres legte es denn schon acht Varianten zur Gestaltung, Nutzung
und Finanzierung dieses Gebietes vor. Nach den Erfahrungen von Gundula Christl
erspart es Ärger, wenn sich die Denkmalschutzbehörde möglichst
früh einschaltet. "Dann wissen die Bauherren, was möglicherweise
an zeitlichen Verzögerungen und Ausgrabungskosten auf sie zukommt",
erklärt sie.
An dem Projekt sind zwei Archäologinnen und zwei Geophysikerinnen beteiligt.
In einem archäologischen Kataster wurden alle erreichbaren Informationen
aus früheren Grabungen und substanzzerstörenden Eingriffen in den
Boden berücksichtigt. Der zweite Teil des Projektes, der sich mit der
geophysikalischen Erkundung des Alten Marktes befaßt, wird von Dr.
Erika Lück, Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe "geophysikalische Erkundung"
der Universität Potsdam, betreut. Die geophysikalischen Methoden werden
dazu verwendet, Hinweise auf noch im Boden vorhandene Strukturen zu erlangen,
ohne dabei Eingriffe in den Boden selbst vorzunehmen. Darüber hinaus
sollen die Untersuchungen auch dazu beitragen, die Einsatzfähigkeit
dieser Methoden innerhalb von Städten zu prüfen und eventuell auch
zu verbessern. "Geophysikalische Untersuchungen sind zum Auffinden
archäologisch relevanter Strukturen in Stadtgebieten eigentlich ganz
ungeeignet", betont Dr. Lück. Der Grund dafür ist, daß unter
Umständen die Meßsignale von modernen Bodenstrukturen, wie
beispielsweise Rohrleitungen, Stahlbetonfundamenten, Trägern - also
modernen Baumaßnahmen - sehr viel stärker sind, als diejenigen
von historischen Fundamenten und ähnlichem. Dies ist vor allem der Fall
bei den magnetischen sowie den elektromagnetischen Messungen.
Beispielsweise wird bei den magnetischen Messungen das Erdmagnetfeld an der
Oberflläche gemessen. Befindet sich im Untergrund eisenhaltiges Material,
so wird dieses im Erdfeld magnetisiert, d.h. die im Eisen natürlicherweise
vorhandenen magnetischen Momente, die aber aufgrund struktureller Unordnung
und der thermischen Bewegung der Eisenatome statistisch in alle Richtungen
weisen, richten sich aufgrund des Erdmagnetfeldes bevorzugt in Richtung des
Feldes aus. Daraus resultiert ein magnetisches Moment für die gesamte
eisenhaltige Struktur, so daß in diesem Bereich zusätzlich zum
Erd-magnetfeld das von ihm hervorgerufene Feld des Eisens gemessen wird.
Wie groß dieses zusätzliche Feld ist, hängt zum einen von
der Tiefe ab, in der sich das Eisen befindet, vor allem aber von der
Konzentration des Eisens. Bei mittelalterlichen Fundamenten erhält man
ein Signal, wenn beispielsweise Ton-materialien verwendet wurden. Allerdings
ist Eisen darin nur in geringen Mengen enthalten und liefert deswegen auch
nur ein kleines Signal. Hingegen bestehen moderne Stahlbetonfundamente oder
Rohrleitungen zu einem Großteil aus Eisen, was in einem starken Signal
resultiert. Befinden sich in der Nähe von alten, schwach eisenhaltigen
Strukturen moderne Leitungen, Schrott oder ähnliches, so wird das kleine
"alte" Signal von dem um Größenordnungen stärkeren "modernen"
Signal überdeckt.
Bei den Arbeiten zu dem Projekt am Alten Markt wurde die Not deswegen zu
einer Tugend gemacht. Da sie darauf abzielten, den Umfang notwendiger Grabungen
abzuschätzen, war es auch wichtig festzustellen, wo Baumaßnahmen
aus jüngerer Zeit die historischen Strukturen zerstört haben, sich
eine archäologische Untersuchung also nicht lohnt. Speziell interessierte
hier vor allem, wie weit die Baugrube und das Stahlbetonfundament, die für
den Neubau des Hans-Otto-Theaters l989 nahe der westlichen Mauer des l96l
abgetragenen Stadtschlosses in den Boden gebracht wurden, die alten
Mauerfundamente dort zerstört haben. Mithilfe der magnetischen und auch
der elektromagnetischen Messungen (letztere eignet sich zum Aufspüren
von Metall überhaupt), stellte Dr. Lück fest, daß die
Baumaßnahmen zwar die äußere Schloßmauer, nicht aber
die hofseitige Mauer tangiert hatten, weswegen Grabungen sich an dieser Stelle
durchaus lohnen.
Die Studentin Diana Ditz (links) und Dr. Erika Lück bei geoelektrischen
Messungen am Alten Markt. Bei dem sechsmonatigen Projekt halfen drei Potsdamer
Studentinnen der Geoökologie mit.
Foto: Fritze<
Die aufschlußreichsten Messungen konnten aber bislang kaum
durchgeführt werden. "Schuld daran war der lange und kalte Winter",
begründet das Erika Lück. Bei diesen geoelektrischen Meßverfahren
wird ein Gleichstrom über zwei Elektroden in den Boden eingespeist.
Über zwei weitere Elektroden wird das Potentialfeld zwischen dem ersten
Paar gemessen. Es hängt von der Leitfähigkeit des Untergrundes
ab. Mauerwerk hat im allgemeinen eine niedrigere Leitfähigkeit als Erde.
Entsprechend verändern Fundamente im Boden das Potentialfeld. Man ist
dabei nicht auf bestimmte Stoffe im Fundament angewiesen. Ein Vorteil ist
auch, daß man mit dieser Methode dreidimensionale Strukturen erkennen
kann: Indem man den Abstand zwischen allen Elektroden vergrößert,
lassen sich tieferliegende Mauerwerke erkennen.
Darüber hinaus werden auch verschiedene Materialien unterschieden: Kalkstein
hat eine andere Leitfähigkeit als beispielsweise Ziegel oder Feldstein.
Allerdings gibt es auch Tücken, denn ragt das Fundament bis in das
Grundwasser und hat es sich vollgesogen, so steigt die Leitfähigkeit
gegenüber dem trockenen Gestein drastisch und kann sogar höher
als das umgebende Erdmaterial sein!
Abgesehen davon, daß diese Methode sehr viel aufwendiger als die anderen
geophysikalischen Verfahren ist (die Vermessung des Profils entlang eines
42 m langen Schnittes nimmt dabei etwa einen halben Tag in Anspruch), kann
man bei vereistem Boden die Elektroden nicht an den Untergrund ankoppeln.
Gerade diese Messungen würden aber den vermutlich größten
Aufschluß über noch in der Tiefe befindliche Haus- und Burgreste
und deren genaue Lage geben.
Das Gutachten stützt sich in diesem Punkt hauptsächlich auf die
Auswertung alter Grabungsbefunde. Dabei handelt es sich vor allem um
archäologische Untersuchungen, die der Potsdamer Heimatforscher Richard
Hoffmann zu Beginn der fünfziger und sechziger Jahre durchführte,
sowie um begleitende Grabungen beim Neubau des Hans-Otto-Theaters l989. Dabei
sind insgesamt nach Aussage von Gundula Chrtistl acht Prozent der Grundrisse
der Vorgängerbauten des Stadtschlosses untersucht worden. "Hoffmann",
betont sie, "war ein sehr engagierter Autodidakt, der alles verfügbare
Wissen zusammentrug. Ihn interessierte vor allem die Lage der
Vorgängerbauten." Dazu legte er im Bereich der Stadtschloßruine
zunächst Sondagegräben an und grub dort ausführlicher, wo
er Hinweise auf das Gesuchte erhielt. So entdeckte er die vermutlich
älteste Befestigung, die eingangs schon erwähnte mittelalterliche
Turmburg, sowie die später erweiterte Anlage, die von ihm als
"Renaissanceburg" bezeichnet wurde und den Turm und zumindest Teile der
Umfassungsmauer der Turmburg mitintegrierte. "Der Unterschied zwischen uns
und Hoffmann ist, daß er wußte, was er finden wollte", sagt
Christl.
Neben genaueren Untersuchungen der alten Burg- und Schloßfundamente
interessiert sie vor allem die mittelalterliche und neuzeitliche Besiedlung,
beispielsweise wann die erste deutsche Siedlung entstand oder wie die Struktur
der mittelalterlichen Stadt aussah. Die Grabungsbedingungen sind
äußerst günstig. Zum einen umfaßt das Areal des ehemaligen
Stadtschlosses immerhin etwa l3.500 Quadratmeter des historischen Stadtkerns,
zum anderen wurde diese Fläche bis heute nur geringfügig
überbaut. Aus diesen Gründen hält Christl die Durchführung
von Ausgrabungen, die wohl mehr als ein Jahr in Anspruch nehmen werden, für
unverzichtbar. Bevor also auf den Grundrissen des alten Stadtschlosses ein
neuer Gebäudekomplex in die Höhe wächst, werden Denkmalpfleger
und Archäologen zunächst in die Tiefen der Potsdamer Vergangenheit
tauchen.
Da bei den Grabungen aber die historischen Quellen gleichzeitig zerstört
werden, ist die Verantwortung dabei groß. Die sorgfältige Vorarbeit
kann hier das Risiko von Versäumnissen bei den Untersuchungen verringern.
Dazu gehört es, alte Dokumente, die Hinweise auf zu erwartende Funde
liefern, auszuwerten, eventuell früher durchgeführte Grabungen
oder anderweitige Funde erneut zu bewerten, vielleicht Vergleiche mit anderen
Städten zu ziehen. Die Einbeziehung geophysikalischer Vorarbeiten setzt
erst allmählich ein. Dabei hält sie Gundula Christl auch für
andere archäologische Untersuchungen in Städten für wichtig.
Liefern sie doch aufschlußreiche Anhaltspunkte darüber, wo
beispielsweise Strukturen gut erhalten sein können - oder umgekehrt
spätere Eingriffe alte Spuren zerstört haben. Aus Kostengründen
und wegen des nötigen Know hows bietet sich - so die Mitarbeiterin des
Amtes für Denkmalpflege - auch in Zukunft die Zusammenarbeit mit
Universitäten an.
adé