Schon Babies üben Sprechen.
Störungen beim Spracherwerb untersucht Schon im Mutterleib hören Babies aufmerksam auf Stimmen.
Neugeborene lieben es, wenn ihre Mutter mit ihnen spricht. Sie scheinen von Sprache
fasziniert und beginnen bald mit den ersten Versuchen, sich mit Lauten zu verständigen.
So erwerben Kinder normalerweise in den ersten drei Lebensjahren wie von selbst den
Grundwortschatz und die Kernbereiche der Grammatik, kurz ihre Muttersprache. Doch drei bis
acht Prozent der Kinder eines Jahrganges haben erhebliche Schwierigkeiten dabei, obwohl
bei ihnen sonst keine anderen Beeinträchtigungen festzustellen sind. Man spricht in
diesem Fall von spezifischen Spracherwerbsstörungen. Diese Kinder beginnen gewöhnlich
erst spät zu sprechen, haben nur einen kleinen Wortschatz, machen grammatische Fehler und
verstehen Sprache schlechter als Gleichaltrige.
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Noch immer ist weitgehend unklar, worauf diese Störungen
zurückzuführen sind. Diskutiert werden genetische und neuroanatomische Abweichungen,
Wahrnehmungsstörungen, kognitive Defizite, aber auch rein sprachliche Ursachen. Es liegt
auf der Hand, dass diese Wissenslücken die Diagnose, Therapie und vor allem die
Prävention von Spracherwerbsstörungen stark einschränken. Vieles deutet darauf hin,
dass die Lernfähigkeit des Gehirns mit zunehmendem Alter des Kindes nachlässt. Wenn ein
Kind die notwendigen Erfahrungen und Lernschritte für den Spracherwerb nicht rechtzeitig
macht, könnte dies dazu führen, dass seine sprachliche Entwicklung abweichend verläuft,
mit all den Folgen, die dies nach sich zieht: Schwierigkeiten in der Kommunikation führen
oft zu Schulversagen und zu Aggressivität. Je früher deshalb Anzeichen für eine
Sprachstörung erkannt werden, desto erfolgreicher kann auch eine gezielte Unterstützung
wirken.
Studie mit 250 Babies
Seit August 2000 arbeiten Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler aus der Sprachwissenschaft, der Psycho- und Neurolinguistik, der
Entwicklungspsychologie, der Audiologie und der Humanbiologie in Potsdam, Berlin (Freie
Universität und Humboldt-Universität), Konstanz, Magdeburg und dem Max-Planck-Institut
für Neuropsychologische Forschung in Leipzig mit Medizinern der Klinik für Kinder- und
Jugendmedizin Lindenhof am Krankenhaus Lichtenberg gemeinsam an einer bislang
einzigartigen Langzeitstudie. Die Forschergruppe
Frühkindliche Sprachentwicklung und spezifische Sprachentwicklungsstörungen"
wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit 1,5 Millionen DM für zunächst
zwei Jahre gefördert. Hierzu kommen die Mittel aus den teilnehmenden Institutionen
selbst.
Die Studie soll die Entwicklung von 250 medizinisch
unauffälligen Kindern in ihren ersten drei Lebensjahren begleiten: Vom Schreien und
Lallen der Säuglinge über die ersten Wörter bis zu vollständigen und manchmal schon
grammatisch komplexen Sätzen bei Dreijährigen. Parallel beobachten die Wissenschaftler
auch die kognitive und soziale Entwicklung der Kinder, testen ihr Gehör und untersuchen
ihre neurologische und motorische Entwicklung. Bei einer Stichprobengröße von 250
Kindern ist zu erwarten, dass bei einer Reihe von Kindern Sprachentwicklungsstörungen
auftreten. Diese Kinder können voraussichtlich im Alter von zwei und vier Jahren durch
verschiedene Tests identifiziert werden. So lässt sich im nachhinein feststellen, in
welchen Bereichen sich die Entwicklung dieser sprachgestörten Kinder von denen ohne
sprachliche Schwierigkeiten unterscheidet. Zu erwarten ist, dass vielleicht schon im
Säuglingsalter Unterschiede deutlich werden, die mögliche spätere
Spracherwerbsstörungen vorherzusagen erlauben. Wenn eine derart frühe Diagnose
möglich wäre, könnte man neue und sehr früh greifende Verfahren entwickeln, die die
gefährdeten Kinder beim Spracherwerb gezielt unterstützen.
Frühe Diagnose frühe Therapie
Von den Wissenschaftlern wird vermutet, dass bei
Spracherwerbsstörungen mehrere Defizite eine Rolle spielen. Das können beispielsweise
Defizite im Bereich der Informationsverarbeitung sein: Das Kind hört etwa aus der Sprache
Wort- und Satzmelodie und Rhythmus schlecht heraus, beides sind aber wichtige
Informationen für den Erwerb der Sprache. Es kommen aber auch Defizite der sprachlichen
Lernmechanismen in Frage; zum Beispiel, wenn ein Kind zwar über eine intakte rhythmische
Wahrnehmung verfügt, aus diesen Informationen aber nicht von selbst auf die Regeln
schließen kann, die der deutschen Wortbetonung zugrunde liegen. Niemand kann zur Zeit
sagen, ob Spracherwerbsstörungen der frühen Kindheit dauerhaft bestehen bleiben. Daher
ist beabsichtigt, die Kinder im Alter von vier und fünf Jahren noch einmal zu
untersuchen, um so die Genauigkeit der Frühdiagnosen zu überprüfen.
Kinder gesucht
Zur Zeit ist man auf der Suche nach weiteren
werdenden Elternpaaren für die Mitarbeit an dieser Studie. Dabei legen die Forscher Wert
auf Zuverlässigkeit und Motivation, denn sie möchten die Kinder mehrere Jahre lang
begleiten. Die Eltern erwartet neben einer Aufwandsentschädigung ein engagiertes Team von
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, darunter auch Kinderärztinnen, das die
Entwicklung der beteiligten Kinder liebevoll und sorgfältig beobachtet und für alle
Fragen offen ist. Außerdem tragen die Eltern durch ihre Mitarbeit dazu bei, dass man
Kindern mit Störungen beim Spracherwerb in Zukunft hoffentlich besser helfen kann, als es
heute möglich ist.
Prof. Dr. Jürgen Weissenborn,
Universität Potsdam,
Institut für Linguistik und Sprecher der
Forschergruppe
Weitere Informationen: Deutsche Spracherwerbsstudie,
Koordinationsbüro, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Lindenhof am Krankenhaus
Lichtenberg, Gotlindestrasse 2-20, 10365 Berlin, Telefon 030-55185171, Internet: www.glad-study.de
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