Campus

Springende Blicke. Mathematische Modelle helfen bei der Analyse natürlicher Augenbewegungen während des Lesens  

Die meisten Menschen haben von selbst Lesetechniken entwickelt, mit denen sie sich in der Flut der Texte zurechtfinden. Doch was sie genau tun, wie sie ihre Blickbewegungen steuern, ob sie geduldig einen Buchstaben nach dem anderen entziffern oder eher Worte als Ganzes erfassen, das können die meisten nicht ohne weiteres sagen. Die Potsdamer Kognitionswissenschaftler Prof. Dr. Reinhold Kliegl und Dr. Ralf Engbert haben inzwischen sehr genaue theoretische Modelle des Lesens entwickelt.

lesebaby.jpg (29631 Byte)
Eigentlich funktioniert die Blicksteuerung wie von selbst...
Foto: Roetger

Experimentell gewinnen sie im Blicklabor des Interdisziplinären Zentrums für kognitive Studien ihre Daten. Dort lesen Versuchspersonen Sätze von Computerbildschirmen ab, während eine Kamera ihre Augenbewegungen aufnimmt. Die Blicke gehen dabei keineswegs mit einer kontinuierlichen Bewegung von links nach rechts, tasten die Buchstaben also nicht der Reihenfolge nach ab. Die Augen springen mit schnellen Bewegungen (Sakkaden), verweilen eine Zeitlang auf einem Wort, um dann zum nächsten oder übernächsten zu eilen und lassen kleine, leicht zu erkennende oder häufige Wörter oft aus, kommen aber gelegentlich auch auf ein zunächst übersprungenes oder bereits fixiertes Wort zurück. Der Physiker Engbert und der kognitive Psychologe Kliegl haben nun ein mathematisches Modell entwickelt, das dieses Verhalten wiedergeben kann. "Bisher dominieren rein sequenzielle Modelle die Literatur", sagt Engbert, also Modelle, in denen angenommen wurde, dass beim Lesen die Worte immer der Reihenfolge nach verarbeitet werden. "Doch Lesen ist anders als Hören, in vielen Sätzen springen wir beim Lesen auch noch `mal im Text zurück". Das neue Blickbewegungsmodell macht hier theoretische Vorhersagen, die experimentell im Labor überprüft werden können. Eingeflossen in die Modellierung sind auch neue neurophysiologische Ergebnisse, die zeigten, dass die Planung der Blickbewegungen viel flexibler und kurzfristiger abläuft, als man bislang angenommen hat.

Das neue mathematische Modell passt ausgesprochen gut zu den experimentellen Daten - die Blicke verraten also, was die Neuronen des Gehirns an Steuerarbeit leisten müssen. Vom Verständnis der beiden entscheidenden Prozesse beim Lesen – der Blicksteuerung und der lexikalischen Verarbeitung – erhoffen die Wissenschaftler in Zukunft auch Hilfe für Kinder mit Leseschwäche. Zur Zeit fließen die Ergebnisse aus dem mathematischen Modell bereits in den Aufbau neuartiger Experimente ein, an denen auch Kinder mit Leseschwierigkeiten teilnehmen.

ar

 zurück zur Übersicht

l_grau.jpg (1973 Byte)

Campus | Wissenschaft aktuell | Studiosi | Personalia | Vermischtes

Copyright© 2000 Universität Potsdam, Glaesmer, Knappe
[Letzte Aktualisierung 14.05.2001 Steffi Knappe]