Springende Blicke. Mathematische Modelle
helfen bei der Analyse natürlicher Augenbewegungen während des Lesens Die
meisten Menschen haben von selbst Lesetechniken entwickelt, mit denen sie sich in der Flut
der Texte zurechtfinden. Doch was sie genau tun, wie sie ihre Blickbewegungen steuern, ob
sie geduldig einen Buchstaben nach dem anderen entziffern oder eher Worte als Ganzes
erfassen, das können die meisten nicht ohne weiteres sagen. Die Potsdamer
Kognitionswissenschaftler Prof. Dr. Reinhold
Kliegl und Dr. Ralf Engbert haben inzwischen sehr genaue theoretische Modelle des
Lesens entwickelt.

Eigentlich funktioniert die Blicksteuerung wie von selbst...
Foto: Roetger |
Experimentell gewinnen sie im Blicklabor des Interdisziplinären
Zentrums für kognitive Studien ihre Daten. Dort lesen Versuchspersonen Sätze von
Computerbildschirmen ab, während eine Kamera ihre Augenbewegungen aufnimmt. Die Blicke
gehen dabei keineswegs mit einer kontinuierlichen Bewegung von links nach rechts, tasten
die Buchstaben also nicht der Reihenfolge nach ab. Die Augen springen mit schnellen
Bewegungen (Sakkaden), verweilen eine Zeitlang auf einem Wort, um dann zum nächsten oder
übernächsten zu eilen und lassen kleine, leicht zu erkennende oder häufige Wörter oft
aus, kommen aber gelegentlich auch auf ein zunächst übersprungenes oder bereits
fixiertes Wort zurück. Der Physiker Engbert und der kognitive Psychologe Kliegl haben nun
ein mathematisches Modell entwickelt, das dieses Verhalten wiedergeben kann. "Bisher
dominieren rein sequenzielle Modelle die Literatur", sagt Engbert, also Modelle, in
denen angenommen wurde, dass beim Lesen die Worte immer der Reihenfolge nach verarbeitet
werden. "Doch Lesen ist anders als Hören, in vielen Sätzen springen wir beim Lesen
auch noch `mal im Text zurück". Das neue Blickbewegungsmodell macht hier
theoretische Vorhersagen, die experimentell im Labor überprüft werden können.
Eingeflossen in die Modellierung sind auch neue neurophysiologische Ergebnisse, die
zeigten, dass die Planung der Blickbewegungen viel flexibler und kurzfristiger abläuft,
als man bislang angenommen hat.
Das neue mathematische Modell passt ausgesprochen gut zu
den experimentellen Daten - die Blicke verraten also, was die Neuronen des Gehirns an
Steuerarbeit leisten müssen. Vom Verständnis der beiden entscheidenden Prozesse beim
Lesen der Blicksteuerung und der lexikalischen Verarbeitung erhoffen die
Wissenschaftler in Zukunft auch Hilfe für Kinder mit Leseschwäche. Zur Zeit fließen die
Ergebnisse aus dem mathematischen Modell bereits in den Aufbau neuartiger Experimente ein,
an denen auch Kinder mit Leseschwierigkeiten teilnehmen.
ar
zurück zur Übersicht |