Das Prinzip Leistung. Was Uni-Wissenschaftler
über das neue Dienstrecht denken Das deutsche Universitätssystem soll gründlich reformiert
werden. Angesichts des bevorstehenden Generationswechsels bei den Professoren will die Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn schon in nächster
Zeit ein neues Dienstrecht etablieren. Dessen Schwerpunkte sollen die Nachwuchsförderung,
unter anderem bei nicht mehr obligatorischer Habilitation, und eine Besoldung mit
finanziellen Leistungsanreizen sein. Thomas Pösl von der Pressestelle befragte
Wissenschaftler der Uni Potsdam zu den möglichen Veränderungen.
Dr. Axel Schalk, Habilitation am Institut für Germanistik

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Prinzipiell ist es nie falsch, wenn lange geltende
Strukturen hinterfragt und verändert werden. Selbstredend ist es aber auch ambivalent.
Bei den geplanten strukturellen Veränderungen besteht die Gefahr, dass die Arbeit an den
Universitäten zunehmend unter rein ökonomischen Aspekten betrachtet wird. Die Frage
bleibt jedoch, inwiefern die Qualität von Wissenschaft, Lehre und Forschung
dadurch wirklich verbessert wird, wenn wissenschaftliche Verfahren abgekürzt werden,
nicht zuletzt mit Blick gerade auf die pädagogische Eignung. Bildung und Ausbildung
brauchen eben Zeit. Die massive Beschleunigung in der Maske der Reform, die nun also auch
die Universitäten erreicht, wird ihre zentrale gesellschaftliche Funktion als
impulssetzende Ideengeberin möglicherweise langfristig eher schwächen als
stärken."
Dr. Lutz Partenheimer, Historisches Institut

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Obwohl Doktor" Lehrer"
bedeutet, sagen weder Promotion noch Habilitation darüber etwas aus. Es gibt
ausgezeichnete Wissenschaftler, deren Lehrveranstaltungen Studierende abschrecken. Ihre
Forschungskompetenz ist noch keine hinreichende Voraussetzung für eine gute Lehre.
Natürlich muss die Forschung bei jemandem, der auch nach der Dissertation weiter
Wissenschaftler sein will, fortgesetzt werden. Ob die Ergebnisse in Form von Aufsätzen,
Büchern oder als Habilitation veröffentlicht werden, erscheint mir dabei zweitrangig.
Hauptsache, Exaktheit und intellektueller Tiefgang rangieren vor Massenware. Es soll am
Rande des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation Völkerstämme geben, deren
Wissenschaftsbetrieb noch nie eine Habilitation kannte, und die doch zur Zeit mehr
Nobelpreise sammeln als wir. Allerdings geben deren Häuptlinge auch wesentlich mehr für
Wissenschaft aus als unsere."
Prof. Dr. Volkmar Dietrich, Studienkolleg

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Die hundert Jahre alten Zöpfe deutscher
Professorenschaft abzuschneiden, das geht nur mit regelmäßiger Evaluation, durch
Wettbewerb und dadurch, dass man sich den Studierenden stellt. Die Auswüchse unter dem
Synonym der Freiheit der Forschung und Lehre bei manchen Hochschullehrern beruhen doch vor
allem auf der grenzenlosen Sicherheit des Beamtenstatus. Deshalb ist es auch richtig, dass
endlich über eine leistungsgerechte Bewertung nachgedacht wird, da ein Großteil der
jetzigen Professoren Leistung nur als Drittmitteleinwerbung versteht. Dringlichste Aufgabe
müsste es doch sein, qualitativ anspruchsvolle Lehrveranstaltungen zu gestalten. Leider
ist dem nicht so. Denn das würde bei vielen bedeuten, zunächst einmal
hochschuldidaktische und methodische Qualifikationen zu erwerben. Insofern ist es
richtig, dass jüngere Mitarbeiter als Juniorprofessoren tätig werden, weil gerade hier
der Lehrkompetenz neben der Forschungskompetenz große Bedeutung zukommt."
Prof. Dr. Giesbert Fanselow, Institut für Linguistik/Allgemeine
Sprachwissenschaft
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Die Dienstrechtsreform ist mehr als überfällig.
Wichtig scheint mir, Nachwuchswissenschaftlern frühzeitig die Chance auf dauerhafte
Anstellung zu geben, damit wenigstens formal internationale Konkurrenzfähigkeit erreicht
und die Universitätslaufbahn in Fächern mit breitem ausseruniversitären Arbeitsmarkt
eine realistische Alternative wird. Alle formalen Stolpersteine besonders die mit
stark ritualen Aspekten wie die der Habilitation - gehören endlich ausgeräumt.
Selbstverständlich muss die frühe Chance einer Daueranstellung die Etablierung eines
Systems der Leistungskontrolle und -bewertung nach sich ziehen, auch für die zur Zeit
schon tätigen Professoren. Ich würde mir eine Flexibilisierung der Dienstobliegenheiten
wünschen, so dass jeder sein ganz spezifisches Leistungsprofil optimal für Lehre und
Forschung einbringen kann. Von einer Professionalisierung akademischer Selbstverwaltung
würde ich mir auch viel erwarten. Alle formalen Änderungen werden aber keine Effekte
zeigen, so lange nicht die chronische Unterfinanzierung der Hochschulen ein Ende
findet."
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