Praktische Dinge.
Maschinelle Intelligenz löst konkrete Aufgaben Professor Dr. James Delgrande ist für drei Monate als Gast in
der Arbeitsgruppe des Potsdamer Informatikprofessors Dr. Torsten Schaub. Der theoretische
Informatiker aus Kanada von der Simon Fraser University arbeitet an Fragen der
Künstlichen Intelligenz. Mit dem Wissenschaftler sprach PUTZ-Redakteurin Antonia Rötger.

Dr. James Delgrande beschäftigt sich mit Fragen
künstlicher Intelligenz.
Foto: Fritze |
Wo steht die Künstliche Intelligenz heute?
Delgrande: Es gibt zur Zeit zwei
Paradigmen, die im Wettstreit liegen. Zum einen versuchen Wissenschaftler, Künstliche
Intelligenz sozusagen von unten her zu erzeugen: Aus wenigen einfachen Regeln sollen sich
hier wie von selbst komplexere Systeme entwickeln. Aber es zeigt sich, dass solche
Ansätze oft nur an kleinen Spielzeugen funktionieren. Zum anderen gibt es den Ansatz von
oben nach unten, den beispielsweise wir verfolgen.
Sie analysieren das Problemfeld so genau wie
möglich und geben alle Regeln vor. Doch das wird schnell sehr kompliziert. Gibt es denn
praktische Beispiele dafür, dass solche regelbasierten Systeme funktionieren?
Delgrande: Der Computerhersteller DEC
entwickelte vor ein paar Jahren zum Beispiel ein Experten-System, das Computer
konfigurieren konnte. Es benutzte bis zu 5000 Regeln und war viel besser als Menschen im
Konfigurieren von Computern.
Wie gehen Sie vor, um eine Aufgabe
computertauglich zu beschreiben?
Delgrande: Alles Wissen, das der
Computer benutzen wird, muss formal und mit eindeutigen Symbolen abgelegt sein. Wenn man
ins Programm schaut, sieht man Symbole und kann ihre Bedeutung ablesen: Dies steht für
John, das steht für Mary. Hier steht, dass John mit Mary verheiratet ist, dort sehe ich,
dass Mary einen Doktortitel hat und dass sie drei Kinder haben. Im Prinzip kann man mit
unserem Ansatz dem Computer Fragen stellen.
Bei welcher Art von Problemen ist dieser Ansatz
erfolgreich?
Delgrande: Ich glaube, dass die meisten
Probleme sich dafür eignen. Es gibt aber Aufgaben, die mit diesem deklarativen Ansatz
nicht so gut gemeistert werden können und das sind Aufgaben, bei denen es um
Geschicklichkeit geht. Es ist zum Beispiel schwer, genau in Regeln zu fassen, wie man ein
Fahrrad fährt. Dies lernt man durch Selbstregulation, durch Feed-Back.
Woran arbeiten Sie zur Zeit?
Delgrande: Ich arbeite an zwei
Problemen, der Erforschung genereller Prinzipien zur Wissensrevision und dem
nicht-monotonen Schließen. Beides tun wir Menschen ständig. Das ist eine Art Kontrast
zur formalen Logik. Wenn man in Mathematik etwas beweist, dann bleibt es unbedingt
gültig. Aber wir erfahren ständig neue Informationen, die unsere Schlussfolgerungen
verändern.
Können Sie uns ein Beispiel nennen?
Delgrande: Stellen Sie sich zum Beispiel
vor, Sie müssen einen Käfig für einen Vogel bauen. Er wird nach oben geschlossen sein.
Erst jetzt sage ich Ihnen aber, dass es sich um einen Pinguin handelt, und dadurch ändert
sich alles. Die allermeisten Denkprozesse von Menschen sind flexibel angelegt.
Was können Systeme mit Künstlicher Intelligenz
in Zukunft leisten?
Delgrande: Was immer sie in der
Vergangenheit geleistet haben, kam meist als Überraschung. In den 60-er Jahren dachten
die Leute, dass sie in Zukunft sehr smarte, große Maschinen haben würden, die zum
Beispiel Sprachen übersetzen könnten. Und vierzig Jahre später wissen wir, dass dieses
Problem viel schwieriger ist und Sprachübersetzung höchstens in begrenztem Kontext
funktioniert. Wir haben bei uns an der Universität ein System entwickelt, das zum
Beispiel die Untertitel von englischsprachigen Filmen ins Spanische übersetzt. In Kanada
wird inzwischen auch der Wetterbericht automatisch ins Französische oder Englische
übersetzt. Denn das Wetter ist ja ein eng umrissenes Thema.
Gibt es Gebiete, in denen Systeme mit
Künstlicher Intelligenz niemals an einen Menschen herankommen könnten?
Delgrande: Ich denke, dass sie es im
Prinzip könnten. Unser Gehirn ist eine sehr kompakte und außerordentlich komplexe
Maschine, und wenn man nicht an Zauberei glaubt, sondern davon ausgeht, dass unsere
Denkprozesse etwas mit der Vernetzung der Nervenzellen und der Übermittlung von
Chemikalien zu tun haben, dann kann man auch davon ausgehen, dass es im Prinzip möglich
sein müsste, eine ähnlich komplexe Maschine zu bauen. Ich glaube aber, dass dies das
falsche Ziel wäre, und das die Entwicklung in eine andere Richtung geht: In kleine
Anwendungen, die Menschen helfen, wie Autos, die Auffahrunfälle nicht mehr zulassen und
ähnliche praktische Dinge.
Vielen Dank für das Gespräch.
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