Paradies für gefährdete Arten Uni-Wissenschaftler
untersuchen Döberitzer Heide
In Ostdeutschland wurden zwischen 1990 und 1994 insgesamt
1026 militärische Liegenschaften mit einer Gesamtfläche von 243 000 Hektar von der
Sowjetarmee und der ehemaligen Nationalen Volksarmee an Bund und Länder übergeben. Die
größten Truppenübungsplätze liegen in Brandenburg und sind heute teilweise in
Naturschutzgebiete integriert. Neben eindeutig belasteten Teilen, dort wo eine intensive
militärische Nutzung bestand, existieren auf bis zu 90 Prozent der Liegenschaften
unbestritten ökologisch wertvolle Flächen. Der überwiegende Teil davon ist so genanntes
Offenland.

Der Truppenübungsplatz Jüterbog ist die einzige größere
deutsche Binnenwanderdüne in Deutschland.
Foto: Wolfgang Beier |
Darunter versteht man Flächen, auf denen einerseits
weder Forst noch dichter naturnaher Wald besteht und die andererseits nicht intensiv
landwirtschaftlich genutzt werden.
Diese ökologisch wertvollen Offenlandschaften bieten die
Möglichkeit, großräumige, unzerschnittene und nährstoffarme Lebensräume für seltene
Tiere und Pflanzen zu sichern, zu gestalten und nachhaltig zu entwickeln.
Zu diesem Zweck fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung seit Juni
dieses Jahres das Verbundprojekt "Offenland-Management auf ehemaligen und in Nutzung
befindlichen Truppenübungsplätzen". Im Rahmen des Forschungsvorhabens soll am
Beispiel verschiedener Übungsplätze wissenschaftlich untersucht werden, wie eine
Erhaltung dieser Flächen mit ihrem Tier- und Pflanzenbestand möglich ist. Die Arbeiten
umfassen unter anderem Untersuchungen dazu, welchen Einfluss die Beweidung der Flächen
durch Haustiere oder durch Wildtiere hat. Hier ist unter anderem der Einsatz von Elchen
geplant. Untersucht wird auch, inwieweit das Befahren der Flächen mit Panzerfahrzeugen
oder die Rodung mit Feuer einen möglichst langanhaltenden "Offenhaltungseffekt"
erzielt und welchen Einfluss die Maßnahmen auf die dort lebenden Tiere haben. Für
letzteres ist eine Zusammenarbeit mit der Bundeswehr auf noch genutzten Übungsplätzen
geplant.
Neben diesen ökologischen Aspekten soll die ökonomische
Tragfähigkeit der vorgeschlagenen Maßnahmen geprüft und soziologischen Fragestellungen
nachgegangen werden. Dazu gehört eine Analyse der Akzeptanz der Naturschutzgebiete durch
die Anwohner.
Erste Erfahrungen mit Truppenübungsplätzen konnten
Wissenschaftler der Uni Potsdam bereits in der wenige Kilometer westlich von Berlin
gelegenen Döberitzer Heide sammeln. Das Gebiet, das eine Fläche von mehr als 40 km²
umfasst, wurde bereits im 18. Jahrhundert zu Übungszwecken von der preußischen Armee
genutzt. Wilhelm I. ließ um 1895 den Truppenübungsplatz Döberitz mit einer Fläche von
4.400 Hektar ausbauen. Bis zum Ende des II. Weltkrieges wurde das Gelände ständig
erweitert. Eine kurzzeitige Phase ziviler Nutzung durch die Ansiedlung von Neubauern wurde
durch die "Rote Armee" Ende der 40er Jahre beendet. 1991 wurde der Platz
schließlich an das Land Brandenburg übergeben.
Der frühe Beginn der militärischen Nutzung bewahrte das
Gebiet weitestgehend vor den Einflüssen moderner Landnutzung. So zeichnet sich die
Döberitzer Heide durch Nährstoffarmut, Artenreichtum und geradezu modellhafte Vernetzung
der Lebensräume, angesiedelt in der unmittelbaren Nachbarschaft einer Millionenmetropole,
aus.
Die wissenschaftlichen Aktivitäten in der Döberitzer
Heide begannen im Jahr 1990. Zunächst überwiegend durch Mitarbeiter des ehrenamtlichen
Naturschutzes, seit 1993 auch durch Wissenschaftler der Uni Potsdam, wurde eine
Inventarisierung der Pflanzen und Tiere des Gebietes durchgeführt. Dabei kamen seltene
Arten zum Vorschein. 133 Wildbienen-, 125 Raubwespen-, 159 Laufkäfer-, 29 Heuschrecken-,
30 Libellen- und 119 Spinnenarten konnten nachgewiesen werden. Ein hoher Prozentsatz davon
ist in der "Roten Liste der gefährdeten Arten" aufgeführt.
Die Pflege dieses Naturschutzgebietes obliegt zur Zeit
dem "Naturschutz-Förderverein Döberitzer Heide e.V.". In den vergangenen
Jahren wurden Reit- und Wanderwege eingerichtet und von Munitionsresten geräumt. Auf
diese Weise sollen Besucher einen Einblick in das Naturschutzgebiet erhalten.
Im Rahmen des Verbundprojekts soll nun ein detailliertes
Konzept zur weiteren Entwicklung dieses Gebietes und anderer Truppenübungsplätze
erarbeitet werden. Diese Aufgabe wird in enger Kooperation mit
Naturschutz-Fördervereinen, den umliegenden Gemeinden und den Behörden des Landes
Brandenburg verwirklicht.
Das Projekt beschäftigt sich auch mit der Frage, ob ein
großräumiger Biotopverbund für Offenland in Ostdeutschland eingerichtet werden kann.
Darüber hinaus sollen Hinweise zum Umgang mit Konversionsflächen in ganz Europa
erarbeitet werden. Geplant ist auch die Herausgabe eines "Handbuches zur
ökologischen Entwicklung von Truppenübungsplätzen".
Das Verbundprojekt hat eine Laufzeit von drei Jahren und
wird mit rund vier Millionen Mark finanziert. Daran beteiligt sind die Universität
Potsdam, die BTU Cottbus, die Universität
Freiburg, das Museum Görlitz und das Institut
für Agrartechnik Bornim. Eine enge Kooperation ist mit dem IV. Korps der Bundeswehr
geplant. Neben dem Institut für Biochemie und Biologie wirken auch Institute der Fächer
Geographie und Geoökologie,
Chemie sowie der Soziologie der Universität Potsdam mit.
Prof. Dr. Dieter Wallschläger/Institut
für Biochemie und Biologie
zurück zur
Übersicht |