Himmlische Illusionen Erforschung des Universums mit
Gravitationslinsen
Lichtstrahlen laufen geradeaus. So lehrt es die
alltägliche Erfahrung und so wird Licht auf der Erde auch bei technischen Anwendungen
eingesetzt. Trotzdem: Wer glaubt, dass diese Annahme immer und ohne Einschränkung gültig
ist, der hat seine Rechnung ohne Albert Einstein gemacht.

Gravitationslinsensystem: Ein Galaxienhaufen wirkt als
Gravitationslinie auf eine Hintergrundgalaxie, die hier
fünffach abgebildet ist.
Foto: NASA. Hubble Space Telescope |
Schon 1915 sagte Einstein in der allgemeinen
Relativitätstheorie vorher, dass Lichtstrahlen durch die Schwerkraft kosmischer Objekte
abgelenkt und gebündelt werden, sie also auch krumme Wege gehen können. Heute nutzt man
diesen Effekt in der Astronomie. Joachim Wambsganß berichtete in seiner Antrittsvorlesung
darüber, welche Auswirkungen das "Licht auf krummen Wegen" bei der
Himmelsbeobachtung hat, und wie Astronomen diesen Effekt für ihre Forschungsarbeiten
nutzen können. Was geschieht, wenn das Licht auf seinem Weg von einem Stern zum
Beobachter auf der Erde ein weiteres kosmisches Objekt passiert, zum Beispiel ein
schwarzes Loch oder eine Galaxie? Aufgrund der Schwerkraft dieser Objekte wird das Licht
abgelenkt und beschreibt eine gekrümmte Bahn. Der Beobachter jedoch rechnet mit einem
geradlinigen Lichtstrahl. Er sieht den Stern deshalb an einer Position, die nicht der
tatsächlichen entspricht.
Dieser so genannte Gravitationslinseneffekt kann sich
auch auf andere Weise auswirken. Je nach Größe, Form und Position der "Linse"
werden weit entfernte Sterne oder Galaxien verstärkt oder verzerrt gesehen. Es besteht
sogar die Möglichkeit, dass man gleichzeitig zwei, drei oder mehr Bilder von ihnen sieht.
Die Veränderung einer Sternposition wurde bereits 1919
vier Jahre nach Einsteins Theorie bei einer Sonnenfinsternis nachgewiesen.
Die New York Times sprach damals von einer "Epoche machenden Entdeckung" von Sir
Arthur Eddington. Es sollte allerdings noch 60 Jahre dauern, bis Dennis Walsh 1979 den
ersten Doppelquasar fand. Der Quasar ein hell leuchtendes Objekt am Rande des
Weltalls - war aufgrund einer Gravitationslinse nicht nur doppelt, sondern auch verstärkt
zu sehen.
Inzwischen nutzt die Astrophysik die verschiedenen
Erscheinungsformen des Phänomens der Lichtablenkung (wie "leuchtende Bögen",
"Einsteinringe" oder "Microlensing") in vielfältiger Weise aus. Man
gewinnt dadurch neue Erkenntnisse sowohl über die verstärkten Hintergrundobjekte als
auch über die als "Linsen" wirkenden Materieansammlungen, deren Größe, Masse
und Struktur bestimmt werden kann. Sogar über den Kosmos als Ganzes lässt sich einiges
lernen. Das Alter des Universums haben Wissenschaftler aus Arbeiten mit Gravitationslinsen
heute auf etwa 15 Milliarden Jahre bestimmt. Der Gravitationslinseneffekt soll auch bei
der Suche nach Dunkler Materie helfen und dabei, Planeten außerhalb unseres Sonnensystems
aufzuspüren. Dabei ist er den anderen zurzeit verwendeten Methoden in einem Aspekt
überlegen. Er könnte, anders als diese, auch Planeten von der Größe unserer Erde
nachweisen. "Bis jetzt haben wir mit dieser Methode noch keine extraterrestrischen
Planeten gefunden, aber ich bin sicher, dass dies in den nächsten Jahren geschehen
wird", sagt Joachim Wambsganß.
urs
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