Berliner Schnauze und Brandenburger Witz
Volksweisheiten und Redensarten im Wörterbuch
"Leben wie die Laus im Schorf" nannten es die Bauern aus der Prignitz, wenn es sich einer gut gehen ließ. Im Kreis Barnim lebte so einer "wie der Bulle auf der Wiese" und nur im Hochdeutschen "wie Gott in Frankreich". Wenn einer aber schwer krank war, rieten ihm die Nachbarn: "Mach dich nur schon man mit dem lieben Gott bekannt", und starb er schließlich, befanden sie lakonisch, daß ihm die Seele aus dem Hinteren gekrochen sei. Aus demselben kroch natürlich häufig auch nur ein Pup, und Pupe war denn auch ein dünnes Braunbier, das Blähungen verursachte.
Einen ganzen Abend lang warf Dr. Teodolius Witkowski eine Perle nach der anderen aus dem Brandenburg-Berlinischen Wörterbuch ins leider nur spärlich besuchte Kolloquium der Gesellschaft für deutsche Sprache in Potsdam. Der Gelehrte, der viele Jahre an dem umfangreichen Wörterbuch mitgearbeitet hatte, entdeckt in der Dialektsprache den Humor der Menschen, die den kargen Sandboden der Mark beackerten und die Widrigkeiten des Lebens gelassen kommentierten.
Bereits kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 begann die Germanistin Annemarie Bretschneider mit der Sammlung von Ausdrücken, Redewendungen und Bezeichnungen, legte mit Tonbandaufnahmen, alten Zeitungsartikeln, Dialektgeschichten und Kalendersprüchen eine riesige Fundgrube an, aus der ihre Nachfolger seit 60 Jahren schöpfen konnten. Das vierbändige Werk ist nun fast abgeschlossen.
Schaute mit seinen Mitteln dem Volke aufs Maul: Heinrich Zille.
Naturverbunden und deftig
drücken sich die Brandenburger aus. Heißt es in der Bibel: "Wer hat, dem wird
gegeben", dann sagt das Volk: "Der Teufel scheißt immer auf den größten
Haufen". Wer Glück hat, dem "kalbt der Ochse" oder der "scheißt im
Schlaf ohne zu drücken" und der Faulpelz sucht fertige Arbeit. Wenn der Berliner
Schriftsteller Kurt Tucholski meint: "Die Alten haben vergessen, daß sie jung
gewesen sind, und die Jungen können sich nicht vorstellen, daß sie auch einmal alt
werden", so heißt es auf dem Land: "Alte Kuh gar leicht vergißt, daß sie Kalb
gewesen ist". Wenn einer, vielleicht gar aus der Stadt Berlin, einfach so dahin
redet, stellt man in Brandenburg fest: "Da redet der Mund dahin und das Herz weiß
nichts davon" (Kreis Prenzlau) oder "Das hat er auch so über dem Herzen dahin
gesagt" (Kreis Perleberg).
Viele der brandenburgischen Mundarten sind inzwischen im Verschwinden
begriffen. Die Arbeiten am Wörterbuch standen daher unter einem enormen Zeitdruck. Schon
seit langer Zeit strahlt der Berliner Slang ins Umland aus und überdeckt die dortigen
Dialekte. Die große Dichte an Menschen, an Zuwanderern wie den Hugenotten, Schlesiern
oder Schwaben hat in Berlin eine Atmosphäre aufbrodeln lassen, in der auch die
sogenannten kleinen Leute eine enorme oratorische Begabung entfaltet haben: Die Berliner
sind berühmt für gewagte Vergleiche, drastische Bilder, spöttische Antworten und die
Verquatschungen wie Familienbibber für Vanillepudding. Einige der neuesten
Errungenschaften spiegeln sich im Kommentar zu läpprigen Bulletten, die das "Fleisch
nur ferngesehen haben".
Ausdrücklich ausgespart blieben jedoch die Jugendsprache und damit auch Einflüsse der
neuen Einwanderergruppen, vor allem der Türken, der Schwaben und der Rheinländer. Das
Wörterbuch ist daher, noch vor seiner Vollendung, bereits ein historisches Dokument.
ar