Eine verrückte Teegesellschaft

Vor dem Hause stand ein Baum und darunter ein Tisch, an dem der Märzhase mit dem Hutmacher Tee trank. Eine schlafend zwischen ihnen liegende Haselmaus benutzten sie als Ellenbogenstütze, während sie sich über ihren Kopf hinweg unterhielten. "Reichlich unbequem für die Haselmaus!" sagte sich Alice. "Aber sie schläft ja, deshalb wird es ihr wohl nichts ausmachen."

Der Tisch war lang und voll von Gedecken, trotzdem hockten die drei enggedrängt an einer Ecke. "Kein Platz mehr!" riefen sie Alice entgegen.

"Gar nicht wahr, hier ist noch reichlich Platz!" erwiderte Alice entrüstet und setzte sich am anderen Tischende in einen hohen Lehnstuhl.

"Nimm dir etwas Wein!" sagte der Märzhase einladend. Alice spähte über den Tisch, konnte aber nur Tee entdecken. "Ich sehe keinen Wein!" sagte sie.

"Ist auch keiner da!" antwortete der Märzhase.

"Dann ist es unhöflich von dir, mir welchen anzubieten!" versetzte Alice ärgerlich.

"Es ist auch unhöflich von dir, dich uneingeladen an unseren Tisch zu setzen", sagte der Märzhase.

"Ich wußte nicht, daß es euer Tisch ist", rechtfertigte sich Alice. "Er ist für viel mehr Leute gedeckt."

"Du müßtest dir mal die Haare schneiden lassen", sagte der Hutmacher, der Alice bisher nur neugierig angestarrt hatte.

"Laß die taktlosen Bemerkungen!" wies Alice ihn zurecht. "Das tut man nicht."

Der Hutmacher riß verblüfft die Augen auf, sagte aber nur: "Warum gleicht ein Rabe einem Schreibpult?"

Na, jetzt wird's lustig! dachte Alice. Die raten Rätsel, und das macht Spaß. "Ich glaub', das krieg' ich 'raus", sagte sie.

"Willst du damit sagen, daß du eine Antwort darauf finden kannst?" fragte der Märzhase.

"Genau!" antwortete Alice.

"Dann solltest du sagen, was du meinst", bemerkte der Märzhase. "Natürlich", antwortete Alice hastig. "Wenigstens ... wenigstens mein' ich, was ich sage. Das ist dasselbe, weißt du." "Das ist durchaus nicht dasselbe", widersprach der Hutmacher.

"Du könntest dann ebensogut sagen: ,Ich sehe, was ich esse!' sei dasselbe wie: ,Ich esse, was ich sehe.'"

"Du könntest schließlich ebensogut sagen: ,Mir gefällt, was ich kriege!', sei dasselbe wie: ,Ich kriege, was mir gefällt!'" fuhr der Märzhase fort.

"Du könntest ebensogut sagen: ,Ich atme, wenn ich, schlafe!' sei dasselbe wie: ,Ich schlafe, wenn ich atme!'" ergänzte die Haselmaus, die offenbar im Schlaf reden konnte.

"Und mit dir ist es auch dasselbe!" schloß der Hutmacher. Damit brach die Unterhaltung ab, während sich Alice vergeblich über Raben und Schreibpulte den Kopf zerbrach.

Schließlich zog der Hutmacher eine Uhr aus der Tasche, betrachtete sie besorgt, schüttelte sie und hielt sie sich ans Ohr. "Welches Datum haben wir eigentlich heute?" fragte er Alice. "Den vierten", antwortete Alice nach kurzer Überlegung.

"Dann geht sie zwei Tage nach", stellte der Hutmacher seufzend fest und sah den Märzhasen ärgerlich an. "Ich hab' dir doch gesagt, daß Butter für Uhrwerke ungeeignet ist."

"Es war beste Tafelbutter!" verteidigte sich der Märzhase geknickt.

"Ja, aber es müssen ein paar Brotkrumen 'reingeraten sein", grollte der Hutmacher. "Du solltest das Brotmesser nicht immer zum Aufschmieren der Butter nehmen."

Der Märzhase griff nach der Uhr und betrachtete sie trübselig. Dann tunkte er sie in seine Teetasse und betrachtete sie wieder. Aber ihm fiel nichts Besseres ein, als seine Feststellung zu wiederholen: "Es war ganz bestimmt beste Tafelbutter."

Alice guckte ihm neugierig über die Schulter.

"Was für eine putzige Uhr! Die zeigt ja die Tage an und nicht die Stunden!"

"Warum sollte sie auch!" brummte der Hutmacher. "Zeigt deine Uhr etwa die Jahre an?"

"Natürlich nicht", antwortete Alice lebhaft, "denn es bleibt so lange Zeit immer ein und dasselbe Jahr."

"Das verhält sich mit meiner Uhr ganz genauso", sagte der Hutmacher.

Alice starrte ihn verblüfft an. Sie begriff den Sinn seiner Worte nicht, obgleich sie vernünftig klangen. "Ich versteh' dich nicht!" gestand sie so höflich, wie sie konnte.

"Die Haselmaus schläft schon wieder!" verkündete der Hutmacher und goß ihr heißen Tee über die Nase.

Abwehrend schüttelte die Haselmaus den Kopf und sagte mit geschlossenen Augen: "Selbstverständlich! Das hab' ich auch gerade festgestellt."

Der Hutmacher wandte sich wieder Alice zu. "Hast du das Rätsel inzwischen 'rausgekriegt?"

"Nein, ich geb's auf", antwortete Alice. "Wie lautet die Lösung?" - "Weiß ich nicht", sagte der Hutmacher.

"Ich auch nicht", sagte der Märzhase.

Alice seufzte. "Ihr solltet die Zeit wahrhaftig besser nützen und sie nicht mit Rätselraten vergeuden, wobei es keine Lösung gibt."

"Wenn du Frau Zeit so gut kennen würdest wie ich, würdest du nicht von Vergeudung reden", tadelte der Hutmacher. "Sie ist nämlich eine mächtige Zauberin."

"Ich weiß nicht, von wem du redest", sagte Alice.

"Natürlich weißt du das nicht." Der Hutmacher warf verächtlich den Kopf zurück. "Ich wage sogar zu behaupten, daß du noch niemals mit Frau Zeit gesprochen hast."

"Wohl noch nicht", pflichtete ihm Alice unsicher bei. "Aber im Musikunterricht hab' ich mit ihr zu tun, da muß ich den Takt schlagen, um die Zeit richtig einzuhalten."

"Aha, daran liegt es!" stellte der Hutmacher fest. "Frau Zeit hat nämlich was dagegen, geschlagen oder gehalten zu werden. Aber wenn du dich mit ihr gut verstehst, macht sie mit der Uhr fast alles, was du willst. Nehmen wir zum Beispiel an, es ist neun Uhr morgens und Schulbeginn; dann brauchst du Frau Zeit nur eine entsprechende Bitte zuzuwispern - husch! - läßt sie den Zeiger herumwirbeln, und schon ist es halb zwei, Schulschluß und Zeit zum Mittagessen."

"Das wär' mein schönster Wunsch!" wisperte der Märzhase seinerseits.

"Ja, das wäre natürlich großartig", meinte Alice nachdenklich, "aber dann ... dann hätte ich ja noch keinen Hunger."

"Zuerst vielleicht noch nicht", gab der Hutmacher zu. "Aber du könntest es so lange halb zwei bleiben lassen, wie du willst."

"Machst du das auch so!" erkundigte sich Alice.

Der Hutmacher schüttelte betrübt den Kopf.

"Leider nicht. Im letzten März hab' ich mich mit Frau Zeit überworfen, kurz bevor der da verrückt wurde." Er zeigte mit dem Teelöffel auf den Märzhasen. "Es passierte bei dem großen Konzert der Königin, und ich hatte zu singen:

Tanze, tanze, Fledermaus,

tummle dich zum Haus hinaus!

Kennst du das Lied vielleicht?"

"Es kommt mir irgendwie bekannt vor", sagte Alice.

"So geht es weiter:

Wie'n Tablett am Himmelszelt

fliegst du durch die weite Welt.

Tanze, tanze, tummle dich!

Tummle, tanze, tummle dich!"

Die Haselmaus schüttelte sich und sang ohne aufzuwachen: "Tummle, tanze, tummle, tanze, tummle, tanze..." Sie hörte erst auf, als der Hutmacher sie zwickte. "Ich hatte nun den ersten Vers gerade beendet", fuhr der Hutmacher fort, "da sprang die Königin auf und brüllte: ,Er schlägt die Zeit tot! Köpft ihn!'"

"Was für eine rohe Person!" rief Alice.

"Und seitdem", schloß der Hutmacher niedergeschlagen, "erfüllt Frau Zeit mir keine Bitte mehr. Sie steht einfach still. Es bleibt immer sechs Uhr."

Alice ging ein Licht auf. "Steht deshalb so viel Geschirr bei euch auf dem Tisch?"

"Ja", seufzte der Hutmacher, "weil fortwährend Teezeit ist, haben wir keine Gelegenheit zum Geschirrspülen."

"Dann rutscht ihr wohl immer so rund um den Tisch herum?" fragte Alice.

"Richtig!" bestätigte der Hutmacher. "Wenn ein Gedeck schmutzig ist, setzen wir uns vor das nächste."

"Und was fangt ihr an, wenn ihr zu den ersten Gedecken zurückgerutscht seid?" forschte Alice weiter.

Der Märzhase gähnte. "Ich finde, wir sollten uns über was anderes unterhalten. Dies Gerede ist mir zu langweilig. Vielleicht erzählt uns die junge Dame eine Geschichte."

"Mir fällt keine ein!" gestand Alice erschrocken.

"Dann soll uns die Haselmaus eine erzählen!" riefen Hutmacher und Märzhase wie aus einem Munde. "Haselmaus! Wach auf!" Sie zwickten die Haselmaus von beiden Seiten.

Widerstrebend schlug diese die Augen auf. "Ich habe nicht geschlafen", piepste sie heiser. "Ich habe jedes Wort gehört."

"Erzähl' uns eine Geschichte!" befahl der Märzhase.

"Ach ja, bittet" rief Alice.

"Aber fix!" sagte der Hutmacher.

"Sonst schläfst du ein, bevor du fertig bist."

"Es waren einmal drei kleine Schwestern", sprudelte die Haselmaus in größter Eile hervor, "die hießen Elsi, Lassy und Tilly. Sie wohnten auf dem Grunde eines Brunnens."

"Und wie ernährten sie sich?" fragte Alice, die dieser Frage größte Beachtung schenkte.

Die Haselmaus überlegte eine geraume Weile. "Von Sirup", sagte sie dann.

"Das konnte aber auf die Dauer nicht gutgehen", widersprach Alice freundlich, "denn davon wird man krank, weißt du."

"Das waren sie auch", sagte die Haselmaus. "Schwerkrank."

Alice versuchte, sich in eine so außergewöhnliche Lebensweise

hineinzuversetzen, aber das ging über ihre Kraft. Deshalb fragte sie lieber: "Und warum wohnten sie auf dem Grunde eines Brunnens?" - "Nimm dir mehr Tee", sagte der Märzhase sachlich zu Alice. "Ich hab' noch gar keinen gehabt", widersprach Alice beleidigt. "Deshalb kann ich mir nicht 'mehr' nehmen."

"Du meinst wohl, daß du dir nicht 'weniger' nehmen könntest", berichtigte der Hutmacher. "Es ist kinderleicht, 'mehr' als 'nichts' zu nehmen."

"Dich hat überhaupt niemand nach deiner Meinung gefragt!" wehrte sich Alice.

"Wer macht jetzt taktlose Bemerkungen!" rief der Märzhase triumphierend.

Darauf wußte Alice keine Antwort. Sie nahm sich Tee und ein Butterbrot und fragte die Haselmaus noch einmal: "Warum wohnten sie auf dem Grunde eines Brunnens?"

Wieder überlegte die Haselmaus.

"Weil es ein Sirupbrunnen war", verkündete sie dann.

"So was gibt's doch gar nicht!" Alice wurde allmählich ärgerlich, aber der Hutmacher und der Märzhase machten "Pssst!", und die Haselmaus schmollte: "Wenn du dich nicht höflich zu benehmen weißt, kannst du dir die Geschichte selber zu Ende erzählen."

"Nein, fahr bitte fort!" rief Alice. "Ich will dich auch nicht mehr unterbrechen. Vielleicht gibt es wirklich einen einzigen Brunnen dieser Art."

"Eben! Und von dem spreche ich!" versetzte die Haselmaus beleidigt, überwand sich aber und erzählte weiter: "Es begab sich nun, daß die drei kleinen Schwestern pressen lernten."

Alice vergaß ihr Versprechen. "Preßten sie Blumen oder Gräser?" fragte sie.

"Sirup!" antwortete die Haselmaus, diesmal ohne jede Überlegung.

"Ich brauch' 'ne saubere Tasse!" unterbrach der Hutmacher.

"Los, rücken wir eins weiter."

Er setzte sich auf den Stuhl neben die Haselmaus, sie rutschte auf seinen Platz, der Märzhase auf den ihren, und Alice setzte sich ziemlich widerstrebend auf den Stuhl des Märzhasen. Der Hutmacher zog als einziger einen Vorteil aus dem Platzwechsel, während Alice weitaus schlechter dran war als zuvor, denn der Märzhase hatte kurz vorher den Inhalt des Milchkännchens auf seiner Untertasse verschüttet.

Alice wollte die Haselmaus nicht noch einmal kränken und fragte sehr behutsam: "Ich versteh' nicht ganz - wo preßten sie den Sirup 'rein?"

"Sei doch nicht so begriffsstutzig!" rief der Hutmacher empört.

"In den Brunnen natürlich!"

Alice drehte ihm den Rücken zu.

"Aber da wohnten sie doch drin!" sagte sie zur Haselmaus.

"Selbstverständlich!" bestätigte die Haselmaus. "Unten drin." Diese Auskunft machte die arme Alice dermaßen sprachlos, daß sie die Haselmaus eine Weile ungestört weitererzählen ließ. "Und nachdem sie pressen gelernt hatten", fuhr die Haselmaus gähnend fort und rieb sich schlaftrunken die Augen, "preßten sie alles, was mit 'M' anfängt,"

"Warum mit 'M'?" fiel ihr Alice ins Wort. "Warum nicht mit 'M'?" antwortete der Märzhase. Alice biß sich auf die Lippen.

Der Haselmaus waren inzwischen die Augen zugefallen. Aber der Hutmacher zwickte sie, so daß sie mit einem kleinen Quiekser erwachte und fortfuhr: "Alles mit 'M', zum Beispiel Mausefallen, Monde, Märchen und Murmeln. Hast du schon mal eine Murmel gepreßt?"

"Wenn du mich so direkt fragst", antwortete Alice verwirrt, "dann kann ich mir das eigentlich gar nicht vorstellen."

"Dann solltest du auch den Schnabel halten", bemerkte der Hutmacher.

Soviel Frechheit ging Alice über die Hutschnur. Entrüstet sprang sie auf und lief weg. Die Haselmaus schlief augenblicks wieder ein, und die beiden anderen nahmen von Alices Aufbruch nicht die geringste Notiz, obgleich sie sich ein paarmal umdrehte, weil sie hoffte, zurückgerufen zu werden. Beim letztenmal sah sie, daß Hutmacher und Märzhase versuchten, die Haselmaus in die Teekanne zu stopfen.

"Da geh' ich bestimmt nicht wieder hin!" sagte Alice, während sie den Weg zum Wald einschlug. "Das war die verrückteste Teegesellschaft, die ich je erlebte."

Sie ging weiter, und bald erblickte sie einen Baum mit einer Tür, die in ihn hineinführte. "Wie sonderbar!" rief sie. "Aber heute ist ja alles sonderbar. Ich denke, da geh' ich 'rein!" Und das tat sie dann auch sofort.

Auf diese Weise gelangte sie zum zweitenmal in den großen Saal mit dem gläsernen Tisch. "Diesmal will ich es aber geschickter anstellen", sagte sie sich, nahm das goldene Schlüs-selchen und schloß die Tür zum Garten auf, und erst, als das getan war, aß sie etwas von dem Pilz (sie hatte nämlich einige Stücke in ihrer Tasche aufbewahrt) und verkürzte sich dadurch auf zehn Zentimeter. Dann lief sie durch den engen Gang und erreichte endlich, endlich den entzückenden Garten mit den schönen Blumenbeeten und den Kühle spendenden Springbrunnen.

Auf dem Krocketplatz der Königin

Am Eingang zum Garten stand ein großer Rosenbusch, der weiße Blüten trug. Drei Gärtnerinnen waren eifrig damit beschäftigt, sie rot anzumalen. Das fand Alice sonderbar, trat neugierig näher, und als sie hinter den Gärtnerinnen stand, hörte sie die eine sagen: "Paß doch auf, Fünf! Du bespritzt mich mit der Farbe!"

"Dafür kann ich nichts!" rechtfertigte sich Fünf mürrisch. "Sieben hat mich mit dem Ellenbogen angestoßen."

Die Sieben blickte auf. "Das hab' ich gern, Fünf!" schalt sie. "Immer schiebst du anderen Leuten die Schuld in die Schuhe!" "Du solltest lieber den Mund halten, Sieben!" brummte die Fünf. "Gestern hörte ich die Königin sagen, daß du eigentlich enthauptet werden müßtest."

"Weshalb?" fragte die Gärtnerin, die zuerst gesprochen hatte.

"Das geht dich nichts an, Zwei!" wies Sieben sie zurecht.

"Doch geht sie das was an!" widersprach die Fünf. "Und ich sag's ihr auch - weil du dem Koch Tulpenzwiebeln gebracht hast anstelle von Küchenzwiebeln."

Die Sieben warf ihren Pinsel zu Boden und platzte los: "Na, von allen Ungerechtigkeiten..." Da fiel ihr Blick auf die hinter ihnen stehende Alice. Sie stockte, die anderen Gärt-nerinnen drehten sich ebenfalls um, und alle verneigten sich tief bis zum Boden.

"Würdet ihr mir vielleicht sagen, warum ihr die Rosen anmalt?" fragte Alice schüchtern.

Die Fünf und die Sieben warfen der Zwei einen auffordernden Blick zu.

"Wissen Sie, gnädiges Fräulein", flüsterte diese, "hier sollte nämlich ein roter Rosenbusch hin, und wir haben aus Versehen einen weißen gepflanzt. Wenn die Königin das 'rauskriegt, werden wir alle enthauptet. Deshalb geben wir uns die größte Mühe, um fertig zu werden, bevor sie kommt, und..."

"Die Königin! Die Königin!" rief Fünf, die inzwischen ängstlich Ausschau gehalten hatte, und die drei Gärtnerinnen warfen sich sofort flach aufs Gesicht.

Alice vernahm Schritte und dreht sich gespannt um.

Zuerst kamen zehn mit Piken bewehrte Soldaten. Sie bestanden - ebenso wie die Gärtnerinnen - aus Rechtecken, an deren Ecken die Arme und Beine saßen, und gingen paarweise. Das taten auch die nachfolgenden Höflinge, die mit Diamantenkreuzen und Brillantkaros geschmückt waren. Hinter ihnen hüpften - Hand in Hand und auch zu zweit - die fröhlichen kleinen Königskinder in ihren mit Herzen besetzten Kleidchen. Den Königskindern schlossen sich die Gäste an, hauptsächlich Könige und Königinnen. Mitten unter ihnen hüpfte das Weiße Kaninchen. Es ergoß sich in einem aufgeregten Redefluß, lächelte zu jeder Bemerkung und ging an Alice vorüber, ohne sie zu erkennen. Dann kam der Herzbube; er trug auf einem purpurroten Samtkissen die Königskrone. Und am Schluß des prunkvollen Zuges kamen ... der Herzkönig und die Herzkönigin.

Ratlos überlegte Alice, ob sie dem Beispiel der drei Gärtnerinnen folgen und sich mit dem Gesicht zu Boden werfen sollte, aber sie konnte sich nicht entsinnen, irgendwo gehört zu haben, daß dies bei Festzügen Brauch ist. "Und außerdem", sagte sie sich, "hat ein Festzug doch keinen Sinn, wenn sich die Zuschauer aufs Gesicht werfen müssen, so daß sie ihn gar nicht sehen können." Deshalb blieb sie stehen und wartete ab.

Bei Alice angelangt, kam der Festzug ins Stocken, alle Teilnehmer starrten sie an, und die Herzkönigin fragte finster: "Wer ist das?"

Ihre Frage war an den Herzkönig gerichtet, der sich aber nur 1ächelnd verbeugte.

"Idiot!" schimpfte die Königin, warf ungeduldig den Kopf zurück und wandte sich Alice zu. "Wie heißest du, Kind?"

"Alice, wenn Majestät nichts dagegen haben", erwiderte Alice mit ausgesuchter Höflichkeit. Aber sie dachte: Ach was, das sind nur Spielkarten, vor denen brauch' ich keine Angst zu haben! "Und wer sind die?" fragte die Königin weiter und zeigte auf die drei Gärtnerinnen, die rings um den Rosenbusch auf der Erde lagen. Da sie auf dem Bauch lagen und ihr Rücken das gleiche Muster trug wie bei den übrigen Spielkarten, konnte die Königin nicht erkennen, ob es Gärtnerinnen waren oder Soldaten oder gar drei ihrer eigenen Kinder.

"Woher soll ich das wissen?" fragte Alice zurück, verblüfft über ihre eigene Kühnheit. "Das geht mich nichts an."

Die Königin wurde knallrot vor Wut, funkelte sie mit einem Raubtierblick an und brüllte: "Schlagt ihr denKopf ab! Schlagt ihr den..."

"Unsinn!" widersprach Alice laut und entschieden. Die Königin verstummte.

Der König legte ihr die Hand auf den Arm. "Bedenke doch, meine Liebe, sie ist noch ein Kind!" murmelte er schüchtern. Zornig kehrte ihm die Königin den Rücken und befahl dem Herzbuben: "Dreh' sie um!"

Der Herzbube trat vor und drehte die Gärtnerinnen sorgfältig mit der Fußspitze auf die Vorderseite.

"Aufstehn!" befahl die Königin mit schriller Stimme. Blitzschnell sprangen die drei Gärtnerinnen auf die Beine und verneigten sich vor der Königin, dem König und sämtlichen sonstigen Anwesenden.

"Laßt das!" kreischte die Königin. "Ihr macht mich kribblig!" Sie betrachtete den Rosenbusch. "Was habt ihr da angestellt?" Demütig ließ sich die Zwei auf ein Knie nieder.

"Majestät zu dienen!" stammelte sie. - "Wir haben versucht..."

"Ich seh' schon!" fiel ihr die Königin scharf ins Wort. "Schlagt ihnen die Köpfe ab!"

Und während sich der Festzug wieder in Bewegung setzte, blieben drei Soldaten zurück, um die unglücklichen Gärt-nerinnen hinzurichten, die bei Alice Schutz suchten.

"Ihr werdet nicht geköpft!" erklärte Alice und steckte alle drei in einen großen Blumentopf, der neben ihr stand.

Die Soldaten streiften ein paar Minuten lang suchend umher und marschierten dann seelenruhig dem Festzug nach.

"Sind die Köpfe ab?" schrie die Königin.

"Zu Befehl, die Köpfe sind ab, Majestät!" schrien die Soldaten zurück.

"Recht so!" schrie die Königin. "Kannst du Krocket spielen?" Alle Soldaten drehten sich zu Alice um. Offenbar war die Frage an diese gerichtet.

"Jawohl!" schrie Alice.

"Dann komm mit!" grölte die Königin, und Alice reihte sich in den Festzug ein.

"Heute ... heute ist prachtvolles Wetter!" tuschelte eine schüchterne Stimme neben ihr. Alice ging zufällig neben dem Weißen Kaninchen, das ihr ängstlich ins Gesicht spähte.

"Ja, wirklich prachtvolles Wetter",' bestätigte sie. "Und wo ist die Herzogin?"

"Pssst!" machte das Kaninchen hastig und blickte furchtsam über die Schulter zurück. Dann stellte es sich auf die Zehenspitzen und flüsterte Alice ins Ohr: "Sie ist zum Tode verurteilt."

"Weshalb?" fragte sie.

"Sagtest du, 'wie traurig'?" erkundigte sich das Kaninchen.

"Nein", antwortete Alice, "das finde ich auch nicht traurig. Ich fragte 'weshalb'?"

"Weil sie der Königin eine Ohrfeige gab und..."

Das Kaninchen stockte, da Alice kicherte. "Pssst!" zischte es entsetzt. "Daß dich die Königin nur nicht hört! Weißt du, die Herzogin kam zu spät, und da sagte die Königin..."

"Auf die Plätze!" brüllte die Königin mit Donnerstimme. Die Festzugsteilnehmer rannten so diensteifrig davon, daß sie übereinanderpurzelten.

Dennoch hatten sie sich schon nach wenigen Minuten aufgestellt, und das Spiel begann. Einen solch sonderbaren Krocketplatz hatte Alice noch nie zu Gesicht bekommen. Er war voller Höcker und Kuhlen. Die Krocketkugeln bestanden aus lebendigen Igeln, die Krocketschläger aus lebendigen Flamingos, und die Tore wurden von den Soldaten gebildet, die sich zu diesem Zweck krummbogen, so daß sie auf Händen und Füßen standen.

Anfangs hatte Alice die größten Schwierigkeiten, ihren Flamingo zu handhaben. Zwar gelang es ihr, den Vogel mit den herunterhängenden Beinen einigermaßen bequem unter den Arm zu klemmen, aber wenn sie seinen Hals kunstgerecht geradegebogen hatte und mit seinem Kopf den zunächst hockenden Igel wegschlagen wollte, riß der Flamingo jedesmal den Kopf hoch und starrte sie so fassungslos an, daß sie schallend lachen mußte. War es ihr dann schließlich gelungen, dem Flamingo den Kopf zurückzudrücken, mußte sie zu ihrer Empörung feststellen, daß der Igel sich inzwischen auseinandergerollt hatte und wegzukriechen trachtete. Dazu kam noch, daß ihr immer dort, wo sie den Igel hinschlagen wollte, eine Kuhle oder ein Höcker den Weg versperrte, und zu allem Unglück richteten sich die Soldaten fortwährend aus ihrer Torhaltung auf und liefen auf die andere Seite des Platzes. Aus all dem gewann Alice bald die Erkenntnis, daß es sich wirklich um ein recht schwieriges Spiel handelte.

Sämtliche Teilnehmer spielten gleichzeitig, ohne jede Reihenfolge, stritten sich ständig und schlugen sich um die Igel. Schon nach kurzer Zeit kochte die Königin vor Zorn, trampelte mit den Füßen und schrie mindestens einmal in der Minute: "Schlagt ihm den Kopf ab!" oder: "Schlagt ihr den Kopf ab!" Das wurde Alice allmählich unheimlich. Zwar hatte sie bisher noch keinen direkten Zusammenstoß mit der Königin gehabt, aber sie wußte, daß er jeden Augenblick erfolgen konnte. "Und was würde dann aus mir werden?" fragte sie sich. "Hierzulande scheint man ja geradezu wie versessen aufs Kopfabschlagen zu sein. Es ist ein Wunder, daß überhaupt noch ein paar Leute am Leben sind."

Sie überlegte, ob es nicht doch am besten sei, sich aus dem Staube zu machen, und sah sich nach Fluchtmöglichkeiten um. Dabei fiel ihr Blick auf eine seltsam schattenhafte Erscheinung in der Luft. Im ersten Augenblick wußte sie nicht, was das zu bedeuten hatte, nach näherer Beobachtung aber erkannte sie, daß es das Grinsen der Grinsekatze war .¾ Jetzt hab' ich wenigstens jemand, mit dem ich reden kann! dachte sie.

"Na, wie wirst du mit dem Spiel fertig?" erkundigte sich das Grinsen, nachdem es sich zum Katzenmaul vervollständigt hatte. Alice wartete, bis auch die Augen der Grinsekatze sichtbar wurden, und nickte zunächst nur, denn sie dachte: Ihr was zu sagen, hat noch keinen Zweck, bevor nicht auch die Ohren da sind, zumindest eines davon erkennbar ist. Als sich kurz darauf der ganze Kopf zeigte, setzte sie ihren Flamingo zu Boden und verbreitete sich über das Spiel, sehr erfreut, eine Zuhörerin zu haben. Die Katze war anscheinend der Meinung, daß mit dem Kopf genügend von ihr sichtbar war, jedenfalls ließ sie nicht mehr von sich sehen.

"Die Spieler benehmen sich unmöglich", berichtete Alice. "Sie zanken sich so schrecklich, daß man sein eigenes Wort nicht verstehen kann. Spielregeln kennen sie offenbar gar nicht, wenigstens halten sie keine ein. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr es mich stört, daß sämtliche Spielutensilien lebendig sind! Das Tor zum Beispiel, durch das ich meinen Igel schlagen will, läuft plötzlich auf die andere Seite des Platzes, und der Igel der Königin, den ich mir aufs Korn genommen hab', um ihn zu krockieren, nimmt Reißaus, wenn er meinen Igel heranrollen sieht!"

"Gefällt dir die Königin?" flüsterte die Grinsekatze.

"Überhaupt nicht!" antwortete Alice. "Sie ist so unheimlich . . ." Da merkte Alice, daß die Königin hinter ihr stand und lauschte, und hastig fuhr sie fort: "...unheimlich geschickt im Spiel, daß es sich kaum lohnt, die Partie zu Ende zu führen."

Die Königin lächelte und ging weiter. Der König trat zu Alice. "Mit wem sprichst du da?" fragte er und starrte neugierig zu dem Katzengesicht hinauf. "Mit meiner Freundin, einer Grinsekatze", erläuterte Alice. "Darf ich sie Ihnen vorstellen?" "Dieses Wesen mißfällt mir außerordentlich", bemerkte der König. "Indessen darf es mir die Hand küssen, wenn es mag. "Nein, das mag ich nicht", versetzte die Katze.

"Sei nicht so unverschämt!" schimpfte der König. "Und glotz mich nicht an!" Furchtsam flüchtete er sich hinter Alice.

"Katzen dürfen Könige anglotzen", sagte Alice. "Das hab' ich mal gelesen, ich weiß nur nicht mehr wo."

"Trotzdem muß sie entfernt werden", antwortete der König unbeirrt und hielt die Königin an, die gerade vorüberging.

"Liebste, könntest du diese Katze wohl entfernen?"

Die Königin kannte nur ein einziges Mittel, um große oder kleine Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. "Schlagt ihr den Kopf ab!" befahl sie, ohne aufzublicken.

"Ich werde persönlich den Scharfrichter holen!" sagte der König eifrig und lief davon.

Eigentlich könnte ich zurückgehen und nachsehen, wie es mit dem Spiel steht, dachte Alice. Sie hörte schon aus der Entfernung, daß die Königin in einem erneuten Wutausbruch drei Spieler zum Tode verurteilte, nur weil sie nicht gemerkt hatten, daß sie an der Reihe waren. Selbstverständlich fand Alice das empörend, denn in dem allgemeinen Durcheinander wußte sowieso niemand, wann er an der Reihe war, auch sie nicht. Trotzdem machte sie sich auf die Suche nach ihrem Igel.

Er balgte sich gerade mit einem anderen Igel, und diese ausgezeichnete Gelegenheit wollte Alice wahrnehmen, um sie gegenseitig zu krockieren. Leider hatte sich aber ihr Flamingo inzwischen in den Garten verzogen und machte dort hilflose Versuche, auf einen Baum zu flattern.

Als sie ihn eingefangen hatte und zurückbrachte, hatten die Igel ihre Balgerei beendet und waren verschwunden. "Aber das ist egal", sagte Alice, "da sämtliche Torbogen diese Seite des Platzes auch verlassen haben." Sie klemmte sich den Flamingo unter den Arm, damit er nicht wieder entwischen konnte, und ging zurück, um noch ein wenig mit ihrer Freundin zu plaudern. Bei der Grinsekatze angelangt, sah sie zu ihrer Überraschung, daß sich viele Leute unter ihr versammelt hatten. Zwischen dem Scharfrichter, dem König und der Königin fand eine heftige Auseinandersetzung statt. Sie schrien gleichzeitig aufeinander ein, während die restliche Gesellschaft wortlos und beklommen zuhörte.

Als Alice erschien, wurde sie von den dreien aufgefordert, den Streit zu schlichten, und jeder legte ihr seinen Standpunkt dar. Da aber alle drei gleichzeitig auf sie einschrien, hatte sie es nicht leicht, überhaupt etwas zu verstehen.

Der Scharfrichter erklärte, daß man keinen Kopf abschlagen könne, an dem kein Körper sitze, von dem er abzuschlagen sei. Das habe er bisher noch nie gemacht, und er sei auch nicht gesonnen, in seinem Greisenalter damit anzufangen.

Der König erklärte, daß alles, was einen Kopf besitze, auch geköpft werden könne, und jede andere Meinung sei Blödsinn.

Die Königin erklärte daß irgendwas geschehen müsse, und zwar fix, flugs und flink, anderenfalls werde sie alle Anwesenden hinrichten lassen. (Diese Drohung hatte die Gesellschaft in die erwähnte Beklommenheit versetzt.)

"Die Grinsekatze gehört der Herzogin; die sollten Sie lieber fragen", meinte Alice schließlich. Eine bessere Antwort fiel ihr nicht ein.

"Die Herzogin sitzt im Gefängnis", sagte die Königin. "Hol' sie sofort her!" befahl sie dem Scharfrichter, der mit Blitzesschnelle davoneilte.

Kaum war er weg, da verblaßte der Katzenkopf, und als der Scharfrichter mit der Herzogin zurückkehrte, war er ganz verschwunden. Der König und der Scharfrichter suchten wie besessen nach ihm, und die übrige Gesellschaft kehrte zum Spielplatz zurück.

(Aus: Lewis Carroll: Alice im Wunderland)