Der Tagesspiegel ,11. November 200

Vergiftete Tauben

Burkhard Meyer-Sickendiek untersucht, was unter literarischem Sarkasmus zu verstehen ist

Von Willi Jasper

„Kanns geben im Leben ein größeres Plaisir / Als das Tauben vergiften im Park? / Der Hansel geht gern mit der Mali / Denn die Mali, die zahlt`s Zyankali“. Sind diese berühmt-berüchtigten Verse Georg Kreislers „sarkastisch“ oder nur „grostesk traurig“? Für Humor, Witz , Ironie, Satire oder Groteske bietet jedes deutschsprachige Literaturlexikon ausführliche Erläuterungen. Nach  einem Stichwort für „Sarkasmus“ hingegen sucht man  vergeblich. Zwar verwendet die Forschungsliteratur das Adjektiv „sarkastisch“ gemäß seiner Etymologie als „beißendes“ Beiwort in Unterformen der  Satire, gesteht ihm aber nicht den Rang einer selbständigen Gattung zu. Über die Frage, was literarischer Sarkasmus unter den historischen Bedingungen der deutschsprachigen Schreibkultur sei oder sein könnte, hat  der Germanist Burkhard Meyer-Sickendiek jetzt eine  Studie von über 600 Seiten vorgelegt. Im Unterschied zu Ironie, Satire und Groteske sei der Sarkasmus – so die Erkenntnis – nicht nur daran interessiert, „die Regeln der Konvention“ zu verletzen,  sondern zudem auch bemüht, „kulturelle Verbote“ zu übertreten und  „moralische Tabus“ zu  brechen.

Nun, wo hier substantielle Unterschiede bestehen, darüber lässt sich streiten. Es gibt keine rein sprachlichen Merkmale, die eine Äußerung zum Sarkasmus machen. Definiert wird er eigentlich nur durch moralische (Vor)Urteile, die ihn in die geistig-intellektuelle Tradition der „Zersetzung“ stellen: Der Sarkasmus zerstört demnach soziale, kulturelle und moralische  Werte, er polarisiert und bricht den kollektiven Frieden. Spannend erscheint daher die These, dass die Entstehung des literarischen Sarkasmus etwas mit dem Dilemma der deutsch-jüdischen Akkulturation in der Moderne zu tun habe. Damit betritt der Autor ein vermintes Gelände. Mit dem alten Diskurs zur Problematik des Verhältnisses von „Judenwitz“ und „jüdischem Witz“  haben die Gebrüder Grimm,  Sigmund Freud,  Salcia Landmann oder Henrik M. Broder keinen gesicherten Trampelpfad hinterlassen, sondern regelrechte Sprengfallen gelegt.  Meyer-Sickendiek weiß um die Gefahr.  Natürlich geht er nicht davon aus, dass „Juden“ generell sarkastisch sind. Wohl aber, dass durch die jüdische Sozialisation im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert „Voraussetzungen“ geschaffen wurden, die für „die Bildung  eines sarkastischen Witzes als literarische Form“ wesentlich seien. Unterbelichtet bleibt im Abschnitt „Sarkasmus und Provokation“ die Darstellung besonders aggressiver innerjüdischer Fehden, wie der zwischen dem „Hellenen“ Heinrich Heine und dem „Nazarener“ Ludwig Börne, die für Enzensberger die  „folgenreichste Kontroverse der deutschen Literaturgeschichte“ war. Oder der Fall Karl Kraus! Seine in der Fackel dokumentierte Unterstützung antisemitischer Dreyfus-Gegner, die Polemik gegen Herzl und den Zionismus, die Kritik jüdischer Journalisten und nicht zuletzt sein Pamphlet Heine und die Folgen sind keine leicht verdauliche Kost. Mit dem Vorwurf, der deutschen Sprache „ans Mieder“ zu gehen und vulgär-„jüdelnden“ Feuilletonisten den Weg geebnet zu haben, trug Kraus zweifellos entscheidend dazu bei, der Anti-Heine-Position aus dem Ghetto des Deutsch-Nationalen herauszuhelfen.

Die besondere jüdische Prägung der Wiener Moderne wäre ohne einen  west-östlichen Kulturtransfer nicht vorstellbar gewesen. Bedauerlicherweise wird in der vorliegenden Studie der heiter-nostalgische  Humor der jiddischen  Stetl-Welt  zu sauber von dem westjüdisch-urbanen  Spannungsfeld zwischen „Wiener Schmäh“ und „Berliner Schnauze“ abgetrennt. Im Prinzip beschränkt der Autor die Eigentümlichkeit sarkastischer Textproduktion  auf  das „westjüdische“  Milieu , obwohl ihm der zitierte Maxim Biller widerspricht („Wir sind so, weil wir aus dem Osten kommen“). Die präsentierten Beispiele folgen einem Traditionsmuster, das von  den Ahnherren Ludwig Börne und Heinrich Heine über die großen Strategen Alfred Kerr,  Karl Kraus und Kurt Tucholsky  bis hin zu den subtilen Psychologen  wie Alfred Döblin oder Elias Canetti und der modernen Provokateurin Elfriede Jelinek reicht. Doch ein identifizierbarer „deutsch-jüdischer“ Kanon existiert weder für die „Sarkasmus-Literatur“ noch für die „Holocaust-Literatur“.  In beiden Bereichen  fällt es schwer, ein einheitliches literarisches Erfahrungskontinuum zu etablieren. Wie auch: Mit der Definition einer „deutsch-jüdischen Moderne“ haben nicht nur Literaturwissenschaftler ihre Probleme.  

Burkhard Meyer-Sickendiek: Was ist literarischer Sarkasmas? Ein Beitrag zur deutsch-jüdischen Moderne. Wilhelm Fink Verlag München 2009, 615 S., EUR 78,-