DIE ZEIT, 22. OktoberGerecht denkenAlfred Grosser über Israel-Kritik, Rassismus und seine humanistische Philosophie Von Willi Jasper Wer angesichts des plakativen Titels hofft oder befürchtet, dass Alfred Grosser mit seinem neuen Buch auf eine noch härtere Gangart der Kritik an Israel aus sei, wird enttäuscht. Der Autor bemüht sich nicht um Verschärfung, sondern um Erläuterung. Zunächst möchte er klarstellen, »wer schreibt und warum«. Die offizielle, preisgekrönte Karriere des großen alten Mannes der europäischen Verständigung, auf dessen Rat schon de Gaulle und Adenauer hörten, ist bekannt – weniger sein deutsch-jüdisch-französischer Identitätskonflikt. Den beschreibt er jetzt in dokumentarischer Anschaulichkeit und verdeutlicht zugleich sein intellektuelles Lebensmotto: Richtig denken, das heißt gerecht denken. Diese Maxime passt in keine orthodoxe Schublade – weder in eine wissenschaftliche noch in eine religiöse. Der Politologe Grosser hat mit dieser »Existenzphilosophie« nicht nur mehrere französische Elitegenerationen ausgebildet, sondern auch versucht, das eigene Judentum (er stammt aus einer deutsch-jüdischen Arztfamilie, die 1933 von Frankfurt nach Paris emigrierte) zu definieren und die deutsche Erinnerungskultur zu beeinflussen. Er wollte sich seine jüdische Identität weder durch »Hitlers Zeigefinger« noch durch orthodoxe Vorschriften bestimmen lassen. Gern bezeichnet er sich als »Moralpädagogen«. Als solcher ist er für die französisch-deutsche Versöhnung eingetreten, hat die algerische Unabhängigkeitsbestrebung unterstützt und die israelische Politik gegenüber den Palästinensern kritisiert. Seine Meinung hat er immer mit erfrischender Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht, was ihn im Fall seiner Kritik an der Politik Israels viele Freundschaften gekostet hat. Von islamischen und zionistischen Fundamentalisten wurde und wird Grosser gleichermaßen angefeindet, weil er weder Araber noch Juden als historische »Ureinwohner« Palästinas betrachtet. Mit seiner Ablehnung des Rechts des Stärkeren findet Grosser aber auch in Israel Bündnispartner. So kann er Haaretz- Artikel zitieren, in denen bezweifelt wird, dass es militärische Lösungen für den Nahostkonflikt geben könne. Schon mit dem langjährigen Jerusalemer Bürgermeister Teddy Kollek, der zehn Jahre vor ihm den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, diskutierte er über Koexistenz-Aktivitäten. Von Avi Primors ausgleichender Diplomatie fühlte er sich ebenso bestätigt wie von Daniel Barenboims israelisch-palästinensischen Kulturinitiativen oder den ergreifenden Friedensappellen des Schriftstellers David Grossmann, dessen Sohn Uri als Soldat im Libanon-Krieg ums Leben kam. Obwohl Grosser in der Regel auf Polemiken gelassen reagiert, haben den heute 84-Jährigen die Vorwürfe des »jüdischen Selbsthasses« doch getroffen. Sein neues Buch ist eine flammende Entgegnung. Trotz seiner jüdischen Familientragik nach 1933 sei er in Frankreich »glücklich« genug geworden, um sich für »Unglückliche« einsetzen zu können. Die Gereiztheit einer solchen »innerjüdischen« Debatte scheint in Deutschland besonders groß zu sein, wo inzwischen sogar Landgerichte entscheiden sollen, ob es einen »jüdischen Antisemitismus« gebe, der sich in Israel-Kritik ausdrücke. Der scheinbar unentwirrbare Konflikt, in den der jüdische Staat aufgrund seiner Bedrohung durch den palästinensischen Terror – aber auch durch völkerrechtswidrige Besatzungspolitik – geraten ist, hat nicht nur zionistische Illusionen, sondern auch jüdische Wertvorstellungen zerstört. So stehen sich innerhalb und außerhalb Israels in zugespitzter Form kollektive Feindbilder von »jüdischen Antisemiten« und »unjüdischen Chauvinisten« gegenüber. Unscharf bleibt dabei der Frontverlauf zwischen »neuem« und »altem« Antisemitismus. Im aktuellen politischen Streit geht es weniger um eine »historische« Debatte als um die Beschäftigung mit den Wurzeln eines »neuen« oder »post-rassistischen« Antisemitismus, der seine Anhänger in erster Linie im islamischen Fundamentalismus findet. Grosser warnt nun aber nicht nur vor einem »neuen« Antisemitismus, sondern auch vor einem »neuen« Rassismus, der sich generell gegen Muslime richte. Schon 1986 – auf Ludwig Börnes 200. Geburtstagsfeier in Frankfurt – erklärte er, dass der Antisemitismus heute weder in Deutschland noch in Frankreich »die schlimmste Form der ethnischen Diskriminierung« sei. Das Ghettoelend der alten Judengasse (in der Börne geboren wurde) spiegele sich heute in verwahrlosten Straßen deutscher und französischer Städte, »in denen nur Türken oder Nordafrikaner wohnen«. Seine Moral ist nicht ohne Logik, wenn er darauf aufmerksam macht, dass man nicht von der »Unvergleichlichkeit des Holocaust« sprechen könne und im gleichen Atemzug den »Islamofaschismus« als neuen Nationalsozialismus brandmarke. Obwohl Grosser als Realpolitiker denkt und handelt, folgt sein Gerechtigkeitssinn einer humanistischen Grundidee. In dieser Idee findet sich die vorbildliche Streitlust seines jüdischen Vorfahrens Ludwig Börne ebenso wie die moderne Ethik seines »Lieblingsphilosophen« Emmanuel Levinas, der soziale und moralische Gerechtigkeit als »Nähe« und »Verantwortung für den Anderen« definiert hat. Diese Nähe und Verantwortung gelte insbesondere für das Verhältnis von Deutschen und Israelis, die sich in einer besonderen gemeinsamen Wertegemeinschaft befänden. Je größer die Nähe, umso wichtiger sei gegenseitige Kritik. Die Menschenrechte seien unteilbar und immer und überall einzufordern. Das setze allerdings eine »innere Freiheit« voraus, die erlaube, »ohne Beeinflussung« zu denken. Es war die Würdigung von »Offenheit, Mut, Toleranz und Freiheit jüdischen Denkens als Ertrag der Aufklärung« bei Alfred Grosser, die das erste nach der Shoa in Deutschland wiedergegründete (liberale) Rabbinerseminar veranlasste, ihm den »Abraham Geiger Preis« zu verleihen. Darüber hat sich dieser »atheistische Humanist« sehr gefreut. |